Wissenschaft

Alles nur die Gene

Wir glauben nur zu gerne an die Allmacht der Hirnforschung und Genetik – weil sie uns von der Verantwortung für das eigene Handeln entlastet

Sind Sie heute gut gelaunt aufgewacht? Haben Sie sich an den ersten Frühlingstagen erfreut? Hat Ihnen der Kaffee geschmeckt?

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Was auch immer Sie antworten mögen: Fühlen Sie sich nicht verantwortlich für Ihre Fähigkeit, aus einem Tag das Beste zu machen - Sie sind einfach nur Opfer Ihrer Hirnbotenstoffe. So wie im 19. Jahrhundert die Schädelvermessung und später die Erforschung der Hysterie für unanfechtbare Disziplinen gehalten wurden, so sind es nun die Hirnforschung und die Genetik. Beide Wissenschaften mögen manch interessantes, unter Umständen sogar richtiges Ergebnis zutage fördern – der derzeitige Kult um sie muss dennoch äußerst skeptisch betrachtet werden. Und wenn auch noch Leute wie die ehemalige Viva-Moderatorin Charlotte Roche in einem Interview einräumen, dass sie viel von Biologie halten, muss man erst recht sehr skeptisch werden.

Gerade hat eine neue „Glücksstudie“ von Wissenschaftlern der Universität Edinburgh von sich reden gemacht. Die Wissenschaftler behaupten, in einer Untersuchung von 973 Zwillingspaaren herausgefunden zu haben, dass Gene einen beträchtlichen Einfluss darauf haben, ob Menschen in ihrem Leben glücklich sind.

Das Problem bei solcherart „Erkenntnissen“ ist, dass sie nicht mit sozialwissenschaftlichen Thesen amalgamiert werden. Sind Thesen wie „Kinder, die geschlagen werden, werden oft selbst zu Schlägern“ plötzlich obsolet? Allein ein Satz wie „Anhand eines Fragebogens erfassten die Wissenschaftler die Persönlichkeitsstruktur von 973 Zwillingspaaren“ über die Glücksstudie aus Edinburgh muss Zweifel aufkommen lassen. Wer selber zum Spaß mal einen Psychotest gemacht hat, weiß, dass die eigene Einschätzung nicht unbedingt die Beste ist – und dass man, abhängig von Tagesform und Lebenssituation, sehr unterschiedliche Antworten geben kann.

Aber in Edinburgh geht man zweifelsfrei davon aus, die Persönlichkeitsstruktur von 1946 verschiedenen Menschen „erfasst“ zu haben. Was überhaupt „Glück“ ist, stand natürlich nicht zur Debatte. Wie man etwas, das man nicht einmal konsensuell definieren kann, messen will, sei dahingestellt.

Es mutet seltsam an, dass wir aus den Relativierungen der Heilslehren früherer Zeiten nichts gelernt haben. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird man in 30 oder 50 Jahren über unseren demütigen Glauben an die Ergebnisse der Hirnforschung und der Genetik lachen. Doch wir laden die neuen Lehren vom Leben und Sein mit quasireligiöser Bedeutung auf.

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Leser-Kommentare

    • 01.04.2008 um 19:04 Uhr
    • Kometa

    Müssen solche Fragen (Anlage und/oder Umwelt...?) von jeder Generation neu durchdekliniert werden?Jetzt haben die Mediziner die geilen, Bild gebenden Verfahren, die so lustig blinkende Gehirnbildchen liefern (...solange die Probanden zurechtgemacht, hübsch frisiert und krankwillig und dumm und ohne körperliche und nervliche Er-regung still liegen beiben...)So konstruiert müssten Sozialisation, Geschichte und geistige Leistungen ablaufen, in ihren Brüchen, in ihren Potenzen.Übermorgen sind wieder die Priester zuständig für die Selbstvergewisserungfragen. ... oder die epochal-kollektiv geschädigten Revoluzzer und Ideologiestrategen.~ * Auch aus Rom kommt eine Kinderfrage >zum 1. April<:* http://www.zenit.org/arti...

    • 01.04.2008 um 19:59 Uhr
    • lawyer

    Werte Frau Dückers, ich würde an Ihrem Bildungsstand auch dann nicht zweifeln, wenn Sie das Wort "amalgamiert" nicht verwendet hätten. Drücken Sie sich doch bitte allgemeinverständlich aus. Ihre Argumente interessieren mich mehr als die Demonstration Ihres Wortschatzes. Im Übrigen finde ich die Wahl des Wortes auch sachlich unangemessen. Oder hätte Sie so einfach behauptet, man müsse Natur- und Sozialwissenschafte nur ordentlich "mischen", damit man zu richtigen Ergebnissen kommt. Das Problem liegt doch etwas tiefer, oder?

  1. Man mag und soll die Hirnforschung und ihre Ergebnisse kritisch betrachten, aber dieser Text liesst sich wie das letzte Aufbäumen einer Geisteswissenschaft, die nicht damit klar kommt, dass sie ihre Theorien plötzlich mit der Realität abgleichen soll.Ach, wie schön waren doch die Zeiten, als man noch nichts genaues über das Gehirn wusste und sich um so etwas nicht sorgen musste.Aber naja, irgendwo auf der Welt wird auch eine neue Generation Soziologen ausgebildet, die die Hirnforschung als die Bereicherung und Chance sieht, die sie ist.

  2. Wie emotional aufgeladen das Thema ist, zeigen schon Argumentation und Ausdrucksweise. Ebermann & Trampert setzen dem ganzen allerdings die Krone auf, indem sie Godwins Gesetz folgen und die Hitlerkarte spielen. Das zeigt lediglich, dass auf der Seite der Gegner der Hirnforschung offenbar die Argumente fehlen.Die Forschungsmethoden der Wissenschaftler aus Edinburgh mag man zu Recht kritisieren, allerdings stehen sie nicht stellvertretent für ihre gesamte Zunft. Die überwiegende Mehrheit der Erkenntnisse der Hirnforschung wurde mit klassischen naturwissenschaftlichen Methoden gewonnen, und nicht mit Fragebögen. Dass sie die Vorstellung eines absolut freien Willens widerlegen würden, hatte man sich eigentlich schon vorher denken können. Determinismus ist nun einmal die unausweichliche Konsequenz aus einem naturalistischen Weltbild, und selbst Theorien wie die Quantenmechanik bringen vielleicht Chaos zurück ins Spiel, nicht jedoch den absolut freien Willen, den es niemals gab.

  3. Das wäre ja noch schöner, wenn sich unser Gehirn nicht für unsere Emotionen verantwortlich fühlen müsste, weil unsere Emotionen von unseren Hirnbotenstoffen bestimmt werden! Gehirnforschung und Genetik sind nichts anderes als Schädelvermessung und Hysterie! Wer jetzt noch nicht überzeugt ist – Charlotte Roche hält "viel von Biologie" – das ist doch geradezu der Beweis, dass es sich bei "Biologie" nur um einen kurzfristigen Hype handeln kann! Charlotte Roche ist schließlich auch keine Moderatorin mehr! Überhaupt, wer einmal "zum Spaß" einen "Psychotest" gemacht hat, weiß bestens Bescheid über diese Art von wissenschaftlichem Firlefanz! Da untersuchen die doch tatsächlich, inwieweit "Glück" von den Genen bestimmt wird, obwohl man Glück gar nicht untersuchen kann, weil es – ha, erwischt! – gar nicht konsensuell definieren kann! Übrigens kann man so gut wie nichts konsensuell definieren, weshalb man das mit der "Wissenschaft" auch "ganz lassen" sollte!Entscheiden Sie sich: Stehen Sie auf der Seite von Christus und Konfuzius, Mohammed und Buddha, Franz von Assisi, Martin Luther, Mahatma Gandhi und Tanja Dückers oder auf der Seite von Herrn Markwort? Die Entscheidung sollte Ihnen nicht schwer fallen, sonst stimmt was mit Ihrem Anstand und Humanismus nicht! Anstand und Humanismus haben übrigens nichts mit Schaltkreisen im Gehirn zu tun, lassen Sie sich nicht einlullen von der Hirnforschung!, Anstand und Humanismus fallen direkt vom Himmel! Retten Sie unsere "Wertediskussion"! Die haben wir so lieb gewonnen! Jahrtausende Jahre von religiösen Auseinandersetzungen haben bewiesen, dass man nur eine radikale Wertediskussion führen muss, um Anstand und Frieden für alle zu bringen! "Wissenschaftliche Erkenntnisse" verwirren nur und zerstören Anstand und Bewusstsein!Darum schreien Sie den "Wissenschaftlern" ins Gesicht: "Ich bin undeterminiert!" Wenn das nicht reich, schicken Sie noch ein "Ich bin überkomplex!" hinterher, das wird ihn verstummen lassen. Denn hätten Sie ein "Moralzentrum" im "Gehirn", dann würde uns das alle ins Mittelalter zurück katapultieren! Verstehen Sie – wenn Sie "Gene" oder "Hirnschaltkreise" hätten, dann würde Chaos ausbrechen. Denn "Gene" und "Hirnschaltkreise" sind immer unschuldig. Wer würde denn dann noch Verantwortung übernehmen, wenn er zwischen "Genen" und "Hirnschaltkreisen" und "Fehlern" oder "Versagen" wählen müsste? Na, sehen Sie! Lassen Sie sich nicht von "Medienmogulen" und "TV-Sternchen" und "Kanzlerinnen" mit ihrer "Biologie" einlullen!Zum Schluss dieses Pamphlets muss ich – natürlich – noch auf ein dunkles Kapitel unserer Vergangenheit zu sprechen kommen: Lassen Sie sich nichts von so genannten "Wissenschaftlern" über biologisch angelegte Aggressivität und Herdentrieb erzählen! Lassen Sie sich nicht Ihre Schuld nehmen! Statt "Wissenschaftlern" zu lauschen, lauschen Sie lieber den erhellenden Pointen von Hamburger Satirikern. Und vergessen Sie nicht, auch heute – ganz bewusst – zwischen Gut und Böse zu wählen, um es diesen "Hirnforschern" ein für allemal zu zeigen!

  4. So ein Schwachsinn !
    Wie Wissenschaftsfeindschaft und Wissenschaftsfremdheitmuss man haben um zu sagen:
    # Wir glauben nur zu gerne an die Allmacht der Hirnforschung und Genetik – weil sie uns von der Verantwortung für das eigene Handeln entlasten.
    Die Wissenschaft entlastet uns gerade nicht.Sie sagt aber das kurzzeitig mehr das Unterbewusstseinunser Denken und Handeln bestimmt.
    Dieses aber wird gerade auf lange Zeitdurch Selbstfindung oder Selbstzensur (Selbstverklärung)geformt.
    Die Medien nutzen dieses Wissen der Werbung ja täglich an.Wie DOOOOOFFFF wird man als Bürger eigentlich noch infiltriert ?
    ---------------------------
    Protestanten fordern das Leben !Echter Glaube und echte Wissenschaft gehören zur selben Medailledie da heisst Abkehr von Ideologie.

    • 01.04.2008 um 21:12 Uhr
    • Lysandros

    Erstaunlich, Frau Dückers wagt es sich den Kommentaren der Leser zu stellen. Zum Beispiel war das bei der "Wilhelm Gustloff" noch anders.
    Zum Thema. Was soll man dazu noch groß sagen? Den "wissenschaftlichen Erkenntnisstand" konnte man ja zuletzt bei dem sog. Hirnforscher G. Roth lesen:
    http://www.zeit.de/campus/2008/02/interview-freier-wille?page=all
    Da findet man fast alles wieder was man schon aus den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts las und (leider) auch hören mußte, und was darauf hinauslief, daß die armen Verbrecher, die Mörder, die Totschläger, die Kinderschänder, die Vergewaltiger, die Räuber, die … und so weiter eigentlich nur (selbst) Opfer eines bösen Gens seien. Die wirklichen Opfer wurden natürlich nicht erwähnt - Linksliberalismus pur.
    Roth: "Unser Strafrecht beruht auf der Annahme, dass das möglich sei und der Mensch die objektive Fähigkeit habe, sich für das Recht und gegen das Unrecht zu entscheiden, und selbst wenn jemanden alle seine Lebensmotive zur Tat trieben, gäbe es immer noch die Möglichkeit, Nein zu sagen. Aber: Selbst dieses Neinsagen muss durch irgendetwas motiviert sein, sonst wäre es zufällig. Motivdeterminiertheit und das Gefühl der Freiheit schließen sich nicht aus: Meine Motive bilden ein so komplexes Netzwerk, dass es für mich undurchschaubar ist."
    Also, wenn ich morgen hingehe und einer Kassiererin bei XYZ eins über den Schädel haue um an die Kasse zu kommen, dann war das nicht ich, sondern mein dunkles Gen. Huuuu! Huuuuuh!
    Der Mensch ist also nicht das Abbild Gottes, sondern das Abbild eines Tieres das hilflos seinen naturgegebenen Instinkten folgt. Es ist an der Zeit die Bibel neu zu schreiben!
    Da fällt mir nur noch eins ein, ein Video (P.J.Harvey - "Give me the Gun!"):
    http://www.youtube.com/watch?v=W4kTMYhY2ds

    Spes nostra in fide amicorum est!

  5. oder wie sagte schon der große Georg Christoph Lichtenberg: "Wenn die Physiognomik hält, was sie verspricht, dann wird man demnächst die Kinder aufknüpfen, bevor sie die Verbrechen begangen haben, für die sie verurteilt werden" (frei zitiert).
    Wenn man es etwas moderner haben möchte, empfehle ich das Buch "Darwins gefährliche Erben - Biologie jenseits der egoistischen Gene", das ebenfalls bereits vor ein paar Jahren herausgekommen ist.
    Die blinde Wissenschaftsgläubigkeit und die daraus erwachsenden Gefahren moralischer Blindheit sind ohne Zweifel ein wichtiges Thema; aber - sorry! - zu wichtig, um sie mit einem derartigen Kommentar abzuspeisen. Das nächste Mal würde ich mir von der ZEIT einen etwas ausführlicheren Artikel zu diesem Thema unter der Rubrik "Wissen" wünschen - für die Meinung brauche ich wirklich nur den Lichtenberg, der sagt es kürzer und treffender.

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  • Von Tanja Dückers
  • Datum 11.2.2009 - 14:42 Uhr
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