Gewalt Die verlorene soziale Stimme

Warum werfen Jugendliche einen Holzklotz von einer Autobahnbrücke? Ein Interview mit dem Kinder- und Jugendpsychologen Wolfgang Bergmann

Am Ostersonntag wurde in der Nähe von Oldenburg ein sechs Kilo schwerer Holzklotz von einer Autobahnbrücke geworfen. Der Klotz zertrümmerte die Windschutzscheibe eines Autos und tötete eine Frau. Ihr Mann und ihre zwei Kinder sahen sie sterben. Inzwischen fahndet die Polizei nach einer Gruppe von mutmaßlich 16 bis 20 Jahre alten Tätern mit einem Phantombild. Wie kommen Menschen darauf, andere derart zu gefährden?

ZEIT online: Gibt es einen Typ Mensch, der Steine von der Brücke wirft?

Wolfgang Bergmann: Nein. Das wäre eine verwegene Spekulation. Aber man kann sich ungefähr vorstellen, wie das zustande gekommen ist. Eine Gruppe trifft sich, ein wenig Alkohol ist im Spiel oder Cannabis. Die Jugendlichen entwickeln gemeinsam eine Art schwebendes Hochgefühl. Das Gefühl der modernen Jugend breitet sich aus: Ich bin der Tollste, der Größte. Die Hemmungen werden geringer und der Klotz fliegt in die Tiefe.

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ZEIT online: Haben sich junge Menschen nicht schon immer so verhalten?

Bergmann: Fast jeder erinnert sich daran, als 16- oder 17-Jähriger, volltrunken mit den Freunden Unsinn gemacht zu haben. Aber es gab im entscheidenden Moment den Einspruch des Gewissens. „Halt. Das ist gefährlich. Das darf ich nicht.“ Das hat sich verändert: Die soziale Stimme ist nicht mehr verinnerlicht.

ZEIT online: Was bedeutet das?

Bergmann: Diesen Abschied vom Gewissen beobachten wir seit zehn, fünfzehn Jahren mit wachsender Intensität. Mir berichten nicht nur Therapeuten, sondern auch Grundschullehrer: Wir haben immer mehr Kinder, die wir nicht erreichen, als könnte man sie im Innersten nicht mehr berühren. Die Kinder denken, die ganze Welt müsste ihnen zur Verfügung stehen und gleichzeitig haben sie das Gefühl: Ich bin nichts wert. Dies ist die Entwicklung, die sich in einer solchen, sehr dramatischen Situation als Symptom zeigt.

Leser-Kommentare
  1. Vielleicht war es ja ein Versehen ?! ...

  2. Ich habe WoW ein Jahr gespielt und finde Mathe erheblich interessanter...

    • Manu84
    • 02.04.2008 um 17:15 Uhr

    sind offensichtlich noch keine Kinder oder Jugendlichen überführt. Deshabl sollte man vielleicht erstmal abwarten, bevor man solche Beiträge veröffentlicht.Zweitens, warum werden Menschen von derartigen "Experten" wie Wolfgang Bergmann immer in Gruppen eingeteilt? "Die heutige Jugend", Jugendliche Ausländer" etc? Der Holzklotzwurf scheint ein Einzelfall zu sein, warum werden solche Einzelfälle immer zur Bewertung einer Gruppe herangezogen?Drittens, ist die Tendenz , die er beschreibt, eigentlich Ergebnis einer wissenschaftlichen und repräsentativen Studie oder einfach seine Privatmeinung als Psychologe? Zitate wie: "Diesen Abschied vom Gewissen beobachten wir seit zehn, fünfzehn Jahren
    mit wachsender Intensität. Mir berichten nicht nur Therapeuten, sondern
    auch Grundschullehrer: Wir haben immer mehr Kinder, die wir nicht
    erreichen, als könnte man sie im Innersten nicht mehr berühren."scheinen mir nicht sonderlich repräsentativ zu sein.Und fünftens werden immer wieder die üblichen Versächtigen für eine derartige Verrohung der Jugendlichen genannt: Alkohol, illegale Drogen und dann die schlimmen Computerspiele. Derartige Schuldzuweisungen scheinen mir immer nur schwerlich einleuchtend zu sein, weil eben Millionen andere ebendiese ohne derartige Verhaltensweisen nutzen

    • lef
    • 02.04.2008 um 17:15 Uhr

    Richtig wird wohl die Beschreibung sein, wie sich die Täter (falls es Jugendliche sind, was ja bislang nur vermutet wird!!) jetzt fühlen,aber in der Analyse der Ursachen liegt Bergmann IMHO sehr daneben.Was er nicht sieht (Andere aber auch nicht), ist, dass wir hier in D. (und allen "westlichen" Gesellschaften) in einem großen Wertewandel befangen sind, der Individualität fördert und fordert, nicht mehr hingegen wie früher die Identität, also die fixierte Zugehörigkeit zu einer Gruppe.Was bislang nicht ein Mal in Lexikas steht, ist, dass Individualität durchaus nicht Vereinzelung oder Vereinsamung bedeutet, sondern nur, dass  für Individuen die Zugehörigkeit zu Gruppen nur sehr viel ungebundener ist.Das setzt jedoch eine Fähigkeit voraus, die ebenfalls noch lange nicht genug erkannt geschweige denn als lernbares Lernziel formuliert ist,nämlich allgemeine Empathie - nicht nur für die Gruppe, sondern auch für Andere.Es ist richtig, dass sehr viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene eher Egoisten sind, aber Individualität ohne ausgeprägt erlernte Empathie ergibt nun Mal Egoismus.Leider sind aber weder Pädogogen noch Eltern dazu fähig, Empathie zu vermitteln, da sie esweder selbst mal erlernt haben ,noch die große Bedeutung dieser Fähigkeit erkannt worden ist.Richtig wäre also, zu erkennen, dass Empathie zusätzlich als Lernziel (und zwar sinnvollerweise spätestens im Kindergarten) formuliert werden muss,und natürlich auch die daraus folgenden Fähigkeiten wie Duale Narration und Emergente Ordnung.Erst dann kann eine emergente und trotzdem stabile soziale Ordnung erreicht werden.Bis heute leben auch wir in Europa immer noch in einer Zwischenphase, in der Vieles erreicht wurde, aber mangels Wissen über dieses Erreichte Ausfälle nicht erklärbar sind, geschweige denn das Ziel sichtbar ist.

  3. Klare Antworten, aber wichtige Fragen fehlen. Die Welt der Jugendlichen ist kein isoliertes Phänomen, keine Metastase in einem eigentlich gesunden Körper. Unter dem selektiven Vergrößerungsglas verschwindet leicht die Umgebung! 
    All die hier beschriebenen psychischen Faktoren sind der Spiegel einer sozialen Realität. Und um gängigen Fehlinterpretationen vorzubeugen: mir geht es dabei überhaupt nicht um irgendwelche Entschuldigungen, bzw. Schuldzuweisungen, sondern einzig um das Warum!
    Der Konflikt zwischen Realität und Selbstwertgefühl, die immer brutaler ausgelebte Konkurrenz-Situation, die zunehmende Bereitschaft, schon bei geringen Anlässen auszuflippen, die schwindende Fähigkeit, Folgen von Gewalt vor dem Ergebnis zu bedenken, finden sich zuerst in der "Erwachsenenwelt", ehe sie in der Welt der Kinder und Jugendlichen reproduziert werden. Hinzu kommt die sehr wirksame Infantilisierung einer Gesellschaft, die ethische Richtlinien schnell vergißt, wenn es darum geht ihre eigene "Moral" grenzüberschreitend -  auch gewalttätig - wirksam werden zu lassen.
    Mir scheint, wir stehen tatsächlich erst am Anfang eines sehr massiven allgemeinen Problems kognitiver Wahrnehmung der von uns selbst geschaffenen Realitäten. Die Vermischung leicht zugänglicher virtueller Erfahrungen und der komplexen Realität des Tages, erschwert manchem Jugendlichen, den eigenen Standort zu konstruieren. Der Stein auf dem Brückengeländer wird als Accessoir einer virtuellen Spielwelt ohne Konturen erfahren - erst wenn er fällt, wird damit schlagartig eine vernichtende, scharf umrissene, Realität geschaffen, deren Folgen dann seelisch nicht angenommen werden.
    So steht man immer häufiger vor Taten - oft mit Todesfolge - die den jugendlichen Täter völlig ungerührt und kalt erscheinen lassen, weil es zwischen beiden Welten für manche Heranwachsende keine klare Trennung gibt, ehe nicht das unumkehrbare Resultat schockartig den Zugang völlig blockiert. Verweigerung als "Methode" zur Selbsterhaltung.  
       

    • Sentis
    • 02.04.2008 um 18:03 Uhr

    Das Gewissen wird seit 20 Jahren totgeschlagen: erst durch TV, durch Kino und nun auch durch das Internet.Da dies "nur" Medien, also "Vermittler von Botschaften" sind, wird die Schuld wohl bei Intendanten und Hostern zu suchen sein. Denke ich. Warum lässt die Rechtsprechung all den Scheiß zu, der gesendet wird. Eltern sind beteiligt, aber überfordert.

    • self22
    • 02.04.2008 um 18:23 Uhr

    Die Vermischung leicht zugänglicher virtueller
    Erfahrungen und der komplexen Realität des Tages, erschwert manchem
    Jugendlichen, den eigenen Standort zu konstruieren. Der Stein auf dem
    Brückengeländer wird als Accessoir einer virtuellen Spielwelt ohne
    Konturen erfahren - erst wenn er fällt, wird damit schlagartig eine
    vernichtende, scharf umrissene, Realität geschaffen,
    deren Folgen dann
    seelisch nicht angenommen werden.In meiner Jugend hätte ich so einem Jugendlichen einfach als - völlig durchgeknallt - bezeichnet. Muss ich mich jetzt auch noch daran gewöhnen, dass das jetzt in der ach so komplexen Welt ein Normalzustand werden soll?? Für mich bleibt die Frage offen: Wie verhindern wir, dass Menschen derart psychisch degenerieren?? Denn das wird niemals normal sein. 

  4. [Geloescht. Bitte unterlassen Sie derartige Beleidigungen und Herabwuerdigungen./ Die Redaktion; ew]

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