Österreich Sprengt die Archive!
Eine Radiosendung, die kaum einer versteht – Fritz Ostermayer macht sie. Er ist eine funkende Legende beim ORF. Ein Interview über die Bedeutung schräger Programme und schwarzer Kulturpolitik.
Seit 25 Jahren macht der Österreicher Fritz Ostermayer Radio. Berühmt wurde er durch die Sendung
Im Sumpf
, die er zusammen mit Thomas Edlinger wöchentlich
beim öffentlich-rechtlichen ORF auf der Welle FM4
gestaltet. Mit der Neigungsgruppe Sex, Gewalt und gute Laune veröffentlichte er jüngst eine CD. Denn Ostermayer ist auch Musiker. Unser Reporter traf ihn in Paris, wo er im März ein Cabaret moderierte.
Fritz Ostermayer:
Angefangen hat alles mit einem Kuckucksei, dass wir jeden Tag bei Ö3, dem Kommerzsender schlechthin, legen durften. Die Sendung hieß
Musicbox
und lief täglich von 15 bis 16 Uhr. Das war in den Achtzigern, und es war legendär. Weil wir am Nachmittag mit Henry Rollins und Sonic Youth in dieses Programm geschossen haben. Von 14 bis 15 Uhr haben 400.000 Leute diesen Sender gehört. Und auf einmal – tschack – sind Hunderttausend zum Landfunk geflüchtet. Aber 300.000 haben diese Musik über sich ergehen lassen, das war großartig. Wir mussten nicht zu den Bekehrten predigen. Es ging um Neugierde.
ZEIT online:
Waren das bessere Zeiten für solche Sendungen?
Ostermayer:
Für kleine Provokationen auf jeden Fall. Einmal haben wir eine ganze Woche lang Stuhl gebracht und Fäkalien in kulturphilosophischer Manier abgehandelt. Jeden Tag von 15 bis 16 Uhr. Lieder über Stuhl, die Theorie des Stuhls. Freud war dabei... In einer Reportage haben wir den Weg der Fäkalien von der Toilette zur Kläranlage verfolgt. Dreimal sind wir in dieser Woche angezeigt worden.
ZEIT online:
Ihre Sendung ist überaus erfolgreich.
Ostermayer:
Nach den Kriterien der Technokraten, die nur nach der Quote schielen, ist sie wahrscheinlich nicht so erfolgreich. Aber symbolisches Kapital häufen wir genug an.
ZEIT online:Im Sumpf
ist sehr beliebt und strahlt bis weit nach Bayern aus. Ist die Sendung so konzipiert, dass sie gezielt eingeschaltet wird?
Ostermayer:
Wir machen ein sehr altmodisches Radio. Ein Radio, das weder Durchhörbarkeit propagiert, noch auf Quote aus ist. Ein Radio, das nicht – da gibt es so ein verdammtes BWL-Wort – Formatradio ist. Auf Free Jazz kann ein Schlager kommen, auf Philosophie reiner Nonsens. Wir arbeiten mit dem Überraschungsprinzip.
ZEIT online:
Hat man in der heutigen Zeit nicht zu kämpfen, wenn man so etwas macht?
Ostermayer:
Ja. Gott sei Dank lassen sie uns auf FM4 in Ruhe. Ich habe neulich das schönste Kompliment von unserer Sendechefin bekommen: 'Fritz, ich hör mir den
Sumpf
gelegentlich an. Ich weiß nicht, wovon da die Rede ist, ich verstehe es nicht. Aber ich weiß, dass wir das brauchen und wollen.'
ZEIT online:
Was ist das Schöne am Medium Radio?
Ostermayer:
Es ist das einzige elektronische Medium, dass sich Zeit lassen könnte. Fernsehen kann sich keine Zeit lassen, weil die Zuschauer mittlerweile so konditioniert sind, dass sie sofort den Ausschaltimpuls spüren, sobald etwas langsamer wird. Die Menschen wollen viele Informationen auf einmal. Im Radio hast du noch die Möglichkeit, ein Gespräch über zwei Stunden zu ziehen. Wir machen das auch so, wir haben nicht die Vorgabe, dass nach drei Minuten Musik kommen muss. Ich liebe die Idee, dass Radio sich Zeit lassen kann. Und dass es ein flüchtiges Medium ist: Kaum ist das Wort über den Sender gegangen, ist es auch schon weg. Ich bin gesättigt von Archiven, ich bin dafür, dass sie gesprengt werden. Dass wieder Tabula rasa gemacht werden kann. Ein Möchtegern-Intellektueller wie ich wäre dann auch nicht so leicht überprüfbar. In Büchern kann man alles nachlesen. Sobald das Gesagte aber im Äther verschwunden ist, kann es sich entmystifizieren.
ZEIT online:
Wobei
Im Sumpf
sicherlich von vielen mitgeschnitten wird...
Ostermayer:
Es gibt genug Freaks, die mitschneiden.
ZEIT online:
Begrüßen Sie das überhaupt?
Ostermayer:
Es gibt einen Typen, den wir – in Anlehnung an Hitler – Grösufaz nennen. Den größten
Sumpf
-Fan aller Zeiten. Und der ist natürlich gut, weil er das Archiv ist, dass wir nicht haben. Wenn ich also wirklich wissen muss, was ich in einer bestimmten Sendung gesagt habe, genügt ein Anruf. Der hat das alles im Kopf, kann alles zitieren. Er hat alle Platten, die wir je gespielt haben. Und alle Bücher, die je vorgestellt wurden. Wir waren mal bei ihm zu Hause, es ist wie ein
Sumpf
-Mausoleum.
ZEIT online:
Auffällig ist, dass gerade in konservativ regierten Ländern progressives, öffentlich-rechtliches Radio gemacht wird. In Deutschlands Süden gibt es den Zündfunk und den SWR, in Österreich FM4. In Norddeutschland hingegen dudelt der NDR. Woran liegt das?
Ostermayer:
Sozialdemokraten machen überall die schlechteste Kulturpolitik. Nach den Grünen. Die Sozialdemokratie schielt immer nach dem sogenannten kleinen Mann. Wobei "kleiner Mann" für Hausverstand und Massenkultur steht. Schwarze Regierungen lassen in ihrem dämlichen elitistischen Selbstverständnis avancierte Kultur zu. Man sieht das in Österreich: Bundesländer, die bürgerlich regiert werden, haben sensationelle Festivals. Und was haben die Wiener? Blöde Operettenfestspiele.
ZEIT online:
Wer sich für Kultur interessiert, muss also schwarz wählen?
Ostermayer:
Das soll es nicht heißen! Man muss kommunistisch wählen. Und sich mit ein paar Aristokraten der ÖVP verbinden, um einen Kulturbegriff zu pflegen, der sich vom Massenkompatiblen absetzt.
Bei uns in Österreich tritt alles mit ein paar Jahren Verspätung ein. Da ist es in anderen Ländern schon wieder alt. Unser Formatradio kommt vielleicht erst. Aber ich glaube es nicht, weil wir in manchen Dingen so langsam sind, dass die anderen schon ihre Fehler eingestehen, bevor wir sie überhaupt nachmachen. Das ist der Vorteil der Verschlafenen.
ZEIT online:
Als John Peel gestorben ist, wurde allerorts auf seine Qualitäten hingewiesen. Aber das Radio ist dadurch nicht besser geworden.
Ostermayer: Die Leute, die das Radio kaputtmachen, brauchen Figuren wie Peel, um ihre Taten zu legitimieren. Er wird als Ausnahmeerscheinung dargestellt – so alt und immer noch neugierig. Darüber wundern sich diese jungen BWLer, weil sie schon jetzt keine Neugier mehr haben. Außer der Neugier auf die Quote.
Das Gespräch führte
Sebastian Reier.
Geht der deutsche Rundfunk an der Quote zugrunde?
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- Datum 28.03.2008 - 03:02 Uhr
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Schönes Interview, FM4 ist klasse und den Sumpf werde ich mir auf jeden Fall mal anhören.
Eine Frage habe ich allerdings noch: Was ist den am SWR so progressiv? Ich bin in BW aufgewachsen und kann mich nicht erinnern, dass da jemals irgendwie was "Gutes" gelaufen wäre (bis auf Elmar Hörig).
Beste Grüsse
das soll noch mal einer verstehen! es tut mir ja leid, ich kommentiere selten, aber dieses mal konnte ich nicht still halten.im konservativ regierten süden und in ö gibt es progressives radio, im norden deutschland dagegen nicht.und die herren ministerpräsidenten von niedersachsen und schleswig-holstein, sowie der herr bürgermeister aus hh wurden bei dieser gewagten stuss-these völlig übersehen. was für ein journalistenSUMPF. mal davon abgesehen, dass ö ja auch ne sozialdemokratische regierung hat.
also dass der swr progressiv sein soll, davon wüsste ich was. das waren nicht mal sdr und swf vor ihrer fusion. ein dickes lob für fm4, das ich zum glück über kabel hören kann. das öffentlich/rechtliche ist ja trotz gez auf einschaltquote aus. und die bekommt man bekanntlich nicht mit mut zu neuem, sondern mit einheitsbrei, der zunehmend auge und ohr beleidigt.grüße aus münchen
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