Kunst Der Bärentöter
Kunststoff-Wappenfiguren wie die Berliner "Buddy Bären" verschandeln zusehends deutsche Innenstädte. Der Künstler Andreas Siekmann hat 13 von ihnen zerschreddert und daraus eine Skulptur gemacht. Ein Gespräch
ZEIT online: Im vergangenen Jahr haben Sie 13 sogenannte Stadt-Figuren in die Schrottpresse gesteckt und aus den Trümmern Ihre Installation Trickle Down geschaffen. Was wollten Sie damit ausdrücken?
Andreas Siekmann: Meine Arbeit widmet sich speziell der "urban art" der städtischen Marketing-Abteilungen. Größtenteils handelt es sich dabei um glasfaserverstärkte Kunststofffiguren. Sie werden von Sponsoren, Unternehmern oder Geschäftsleuten finanziert, von Künstlern und Künstlerinnen bemalt und dann in den Innenstädten aufgestellt. Mittlerweile gibt es allein in Deutschland an die 600 Städte und Gemeinden, die mit diesen Figuren ausgestattet sind. Die Figurenrohlinge werden seriell produziert und greifen meist ein Motiv der jeweiligen Stadtgeschichte auf: Bären, Radschläger, Wasserträger, Elefanten.
Die Figuren und ihre Kampagnen wollen Gegenwart und Geschichte der Stadt aber nicht erzählen, sondern "branden". Wenn man diese Figuren als Schlusspunkt einer Diskussion um die Kunst im öffentlichen Raum versteht, dann wirken sie wie das übertrieben finstere Ende einer Debatte um Anwendbarkeit, Freiheit, und Interventionsrecht von Kunst in der Stadt.
ZEIT online: Wie haben Sie diesen Vorwurf in Ihrer Arbeit ausgedrückt?
Siekmann: Ich habe eine Anzahl von diesen Figurenrohlingen aus verschiedenen Städten mit Szenen der Privatisierung der Stadt bemalt. In den piktogrammartigen Computerzeichnungen werden sie zu Objekten – zu einem stummen Publikum – in einer Privatisierungslandschaft, in der eine tiefgreifende ökonomische Veränderung stattfindet. Was einige vielleicht schon als Phänomen der sogenannten Dritten Welt wahrgenommen haben, z.B. den Verkauf von Wasserrechten, Bildungssystemen oder Elektrizitätsversorgung an internationale Konzerne und Banken, ist inzwischen auch alltägliche Geschäftspraxis in den Kommunen geworden.
Die bemalten Figuren habe ich schließlich in einem Press-Container zerstören lassen; ihre Trümmer bilden eine große Kugel. Container und die Kugel wurden dann nebeneinander aufgestellt wie eine Guillotine nach dem Vollzug.
ZEIT online: Was bedeutet der Titel Trickle Down ?
Siekmann: "Trickle Down Theorie" oder "Pferdeäpfeltheorie" ist die verlogene Selbstlegitimation der ungezügelten Marktlogik; sie behauptet, dass von großem Reichtum schließlich auch ein Restwohlstand für alle durchsickert. An liegengebliebene Pferdeäpfel erinnern auch diese Figuren im öffentlichen Raum. Die "Trickle Down Theorie" ist Teil der ideologischen Offensive des Neoliberalismus in den 90er Jahren. Nun, da die Umsetzungen und neuen Machtkonstellationen allmählich manifest werden, zeigen sich auch ihre Symptome wie Markenzeichen an der Oberfläche der Stadt.
Mit meiner Arbeit wollte ich die Strukturen dieser Veränderung und ihre Vorgehensweise, ihre Zugzwänge und Mechanik, ihre Protagonisten und ihre Macht anschaulich machen.
ZEIT online: Wie sind Sie an die Figuren gekommen? Mussten Sie sie den Städten abkaufen?
Siekmann: Der Erwerb der Figuren war komplizierter als angenommen. Die Städte versuchen über ein Vertragswerk, ihre Figuren und das Image zu schützen bzw. es zu kontrollieren. Daher erwarten manche Agenturen Entwürfe oder ein Profil des Käufers und behalten sich rechtliche Schritte vor, wenn das "Image" beschädigt wird. Das Recht des Käufers, sein Gekauftes auch zu zerstören, haben wir rechtlich über einen Zwischenkäufer ausgehebelt, weil bei einem Weiterverkauf das Vertragswerk nicht bindend sein muss.
ZEIT online: Welche Reaktionen sind Ihnen vonseiten der "Wappentier"-Städte entgegengeschlagen?
Siekmann: Meine Heimatstadt Hamm hat sich offiziell gefreut, dass auch ein Elefant der Hammer Elefantenparade Teil einer künstlerischen Auseinandersetzung zum Thema Kunst im öffentlichen Raum geworden ist. Die Stadt Dortmund ließ hingegen verlauten, die Verschredderung eines ihrer "wunderbaren Dortmunder Tiere" stimme sie traurig. Aus Berlin kam nur der Hinweis, dass man dort grundsätzlich die Freiheit der Kunst befürwortet.
Die Fragen stellte Carolin Ströbele
Welche großen Städte in Deutschland die bunten Skulpturen aufgestellt haben, sehen Sie im Überblick auf der
aktuellen Deutschlandkarte
- Datum 02.04.2008 - 08:09 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 03.04.2008
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