Nicht allen kommt die Demokratisierung der einst so elitären Modewelt gelegen. Seit prominente Blogger Einladungen zu Défilés erhalten und ihre Eindrücke in Echtzeit veröffentlichen, haben die Kritiker der großen Magazine und Zeitungen ihre Meinungshoheit eingebüßt. Die Designer stehen unter wachsendem Druck, da ihre Kollektionen gleich nach der Präsentation von einer globalen Fangemeinde online begutachtet werden können.

Anna Wintour, die unnahbare Chefredakteurin der amerikanischen Vogue , macht aus ihrer Verachtung für die breite Masse keinen Hehl. Allein schon das Wort "Blog" ist der berüchtigten Modekritikerin mit der akkuraten Bob-Frisur zu vulgär für ihre Magazin-Webseite. Als sie das Wort in ihrer Redaktion auf den Index setzte, wurde die Blogosphäre kreativ. Wie wäre es stattdessen mit "Annalog", "Vogg" oder "Blogue"? hieß es spöttisch. Letzteres würde sich sogar elegant auf Vogue reimen . Wintour hüllt sich dazu in vornehmes Schweigen.

Ihre Kollegin Cathy Horyn von der New York Times hat die Wirkungsmacht der Blogs dagegen längst erkannt. Während sich Wintour kaum in die Karten schauen lässt, führt Horyn die Leser ihres Kultblogs On the Runway auch hinter die Kulissen der glitzernden Modewelt. Ein Drink an der Hotelbar nach einem anstrengenden Tag der Pariser Modewoche, ein Besuch im Atelier von Azzedine Alaïa und zwischendurch ein paar Gedanken zu extravaganten Hochfrisuren auf den Laufstegen. Horyn liefert subjektive Randnotizen, die durchaus Breaking News enthalten können.

Auf ihrem Blog erlaubt sich die streitbare Kritikerin so manchen ironischen Seitenhieb, den sie sich in den Berichten für die Druckausgabe wohl lieber verkneift. So zeigte sie kürzlich ein Foto der französischen TV-Modeexpertin Agnès Boulard, die als Anna Wintour verkleidet zum Lanvin-Défilé kam. Die Resonanz auf Horyns Blog ist so groß, dass ihn mittlerweile auch bekannte Designer als Plattform nutzen. Marc Jacobs beteuerte dort nach einem Streit mit Suzy Menkes, dass er der einflussreichen Kritikerin der International Herald Tribune nicht die Zunge herausgestreckt habe.

Neben Cathy Horyn und anderen "eingebetteten" Bloggern, die immer unter dem Dach ihres Stammmediums bleiben, machen auch unabhängige Schreiber von sich reden. Eine der schrillsten Figuren der internationalen Modeblogger-Szene ist sicherlich Diane Pernet. Die schwarz gekleidete Designerin mit Turmfrisur, Schleier, Sonnenbrille und signalrot geschminkten Lippen schreibt auf ihrem Blog Diane, a shaded view on fashion über Avantgarde-Mode, Kunst, Film und Musik.

Die Amerikanerin, die von New York nach Paris zog, verfolgt weltweit die neuesten Trends und kuratiert auch Modefilm-Festivals. Zunächst berichtete sie für Websites bekannter Magazine wie Vogue und Elle , bis sie keine Rücksicht mehr auf deren Anzeigenkunden nehmen wollte.

Auf ihrem eigenen Blog könne sie über das schreiben, was sie selbst am meisten interessiere, sagte Pernet in einem Interview . Überhaupt sei das Internet das schnellste Medium, um sich zu informieren. Modeblogs seien immer aktuell, gedruckte Modemagazine müssten dagegen oft monatelang im Voraus planen. Pernets Leser sind zumeist Designer und Marketing-Experten, die sich über das Blog miteinander vernetzen.

Zu den bekannten Meinungsmachern gehört auch Scott Schuman, der auf The Sartorialist die interessantesten Streetwear-Trends in Modemetropolen wie Paris, Mailand und New York vorstellt. Das Time Magazine fand den Blog des früheren New Yorker Nobelkaufhaus-Managers so überzeugend, dass es ihn zu den 100 Personen zählte, die weltweit stilprägend wirken. Wie ein Designer suche er auf der Straße nach neuen Ideen, erklärt Schuman auf seiner Site. Er fotografiere Leute, die großartig aussähen. Dabei achte er vor allem auf Farben, Proportionen und die Kombination verschiedener Muster. Scott Schuman bekommt begeisterte E-Mails - von Modeprofis und Amateuren.

Auch in Deutschland sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Blogs entstanden, die sich an kreativer Alltagsmode orientieren. Auf der rein englischsprachigen Website des Kölner Autors Adriano Sack können alle Modeinteressierten eigene Fotos einstellen. I like my style , so der Name, gewann bereits wenige Monate nach dem Start den Lead Award in Silber in der Kategorie "Webcommunity des Jahres".

Der langjährige Feuilletonist betreibt nach eigenen Angaben "ein soziales Netzwerk für Menschen, die Mode lieben". Nutzer haben die Möglichkeit, dort ihren persönlichen Alltagsstil zu zeigen und die Selbstinszenierungen anderer Leute zu bewerten. Menschen, die sich selbst mögen, können im Internet "User Generated Glamour" kreieren - davon ist Sack überzeugt.

Als Mary Scherpe und Benjamin Richter 2006 ihr Streetstyle-Blog Stil in Berlin gründeten, gab es bereits Vorbilder in Städten wie New York, London, Paris und Tokio. Haute Couture, Vintage-Mode und Selbstgemachtes ergäben in Berlin eine besondere Mischung, beschreiben sie ihr Projekt.

Die meisten Fotos entstehen in Berlin-Mitte rund um die Schönhauser Allee. Nachts ziehen Scherpe und Richter auf Motivsuche durch angesagte Clubs. Spontane Schnappschüsse findet man in dem Blog allerdings nicht. Fotografiert werden nur Leute, die auch auf den zweiten Blick noch interessant erscheinen.

Zahlreiche Links führen zu ähnlichen Seiten in aller Welt. Auch bekannte Designer lassen sich von dem bunten Stilmix inspirieren. Viele Ideen gelangen somit von der Straße auf den Laufsteg, nicht umgekehrt. Zwar hatten große Couturiers wie Yves Saint-Laurent und Vivienne Westwood schon vor Jahrzehnten Trends aus dem Alltag aufgegriffen. So global vernetzt wie die heutige Internet-Community waren sie damals aber nicht.

Manchen Bloggern genügt ein einziges Projekt längst nicht mehr. Mary Scherpe ist auch an dem Gemeinschaftsblog Pudri beteiligt. Dort schreibt auch die Heidelberger Galeristin Mahret Kupka, die ansonsten die Website F&Art Guide betreibt. Kupka interessiert sich für Grenzgänge zwischen Mode und Kunst. Durch ihr Blog ist sie bereits so bekannt geworden, dass die Kosmetikfirma Lancôme sie nach Paris einlud.

Auf Stilvorlage gibt es Trends aus dem Hamburger Schanzenviertel zu sehen. Und der Münchner Filmhochschul-Absolvent Gunnar Hämmerle konnte sich im Februar mit Styleclicker in einem internationalen Ranking von Street-Blogs ganz vorn platzieren. Das internationale Netzwerk dieser Streetstyle-Jäger wächst weiter rasant. Websites wie The Cool Hunter haben bereits einen Querschnitt von Trendfotos aus aller Welt gezeigt.

Wer über Mode mitreden will, kommt an Paris nicht vorbei. Unter dem Pseudonym "Garance Doré" startete eine französische Illustratorin im Juni 2006 ihr eigenes Blog . Aus Frust über öde Auftragsarbeiten veröffentlichte sie zunächst ein paar ihrer Modezeichnungen und schrieb Texte dazu, dann stellte sie auch Schnappschüsse von originell gekleideten Leuten auf Pariser Straßen ein. Inzwischen ist Garance Doré weit über Frankreich hinaus bekannt. Über sie berichteten nicht nur Elle , L'Express , Le Monde und Le Figaro , sondern sogar ein Magazin aus dem fernen Brasilien. Mode, erklärt Garance Doré, sei wie die Creme zwischen zwei Kuchenhälften - sie halte alles zusammen.

Viele Blog-Betreiber wollen in erster Linie Spaß haben und neue Kontakte knüpfen. Manolo, der Schuhblogger (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Designer) vermarktet sich hingegen professionell. Nachdem er 2004 das weltweit erste Accessoire-Blog mit Promi-Klatsch lancierte, kann der anonyme Schreiber inzwischen gut von seiner Idee leben.

Laut Wikipedia gehört die mit Werbebannern gespickte Website Shoeblogs zu den gewinnträchtigsten unabhängigen Modeblogs. Manolo selbst hat vor einigen Jahren enthüllt , dass er durch Bloggen, Werbeanzeigen und E-Commerce ein sechsstelliges Einkommen erwirtschaftet. Als Experte ist er auch für traditionelle Medien interessant: In Express , einer Publikation der Washington Post , schreibt er eine wöchentliche Kolumne.

Branchenkenner rechnen damit, dass der Einfluss von Blogs auf die milliardenschwere Modeindustrie weiter zunehmen wird. Große Ketten wie H&M und Gap haben dort bereits Werbung geschaltet, auch andere Firmen richten ihre PR-Strategien zunehmend auf Blogger aus. Und in Deutschland will das Netzwerk Adical gezielt Werbekunden an beliebte Blogs vermitteln. Skeptiker befürchten allerdings, dass Blogger durch Anzeigengeschäfte bald in ähnliche Interessenkonflikte geraten könnten wie die traditionellen Medien.