MusikbuchAb geht der Postpunk

Scritti Politti, Joy Division, Depeche Mode: Was die Erben des Punk zwischen 1978 und 1984 umtrieb, beschreibt Simon Reynolds in einem detailverliebten Buch. von Susanne El-Nawab

Was kam nach Punk? Postpunk! Es war 1978, als der Punk erlahmte. Der britische Autor Simon Reynolds erzählt in seinem Buch Schmeiss alles hin und fang neu an. Rip It Up And Start Again , wie es weiterging. Musiker hielten den Geist des Punk am Leben und blickten nach vorn. Sie banden Disco, Reggae und Funk ein, um etwas Neues zu wagen. Der Autor definiert Postpunk als eine Musik, die modern sein wollte. Ihre Protagonisten hätten in dem Glauben gehandelt, dass „radikaler Inhalt auch nach radikalen Formen verlangt“. In diesem Buch werden Phänomene wie Throbbing Gristle samt ihres radikalen Wahnsinns besprochen, aber auch Boy Georges bunte Popwelt und Frankie Goes To Hollywood.

Ab 1984 hat sich „der Wandel in der Independent-Kultur vom Futurismus hin zum Retro entscheidend verfestigt“, schreibt Reynolds. Er fügt hinzu: „Das Bedürfnis, ‚alles hinzuschmeißen und neu anzufangen‘, das zunächst Postpunk und dann auch New Pop beflügelt hatte, war noch immer vorhanden. Aber zum ersten Mal führte der Impuls nun dazu, dass man sich an der Vergangenheit orientierte.“

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Das Buch liest sich wie 500 Plattenbesprechungen mit kulturtheoretischem Überbau. Reynolds bettet die Musikgeschichte in Zeitgeschichte. Vorwiegend aber beschäftigt er sich mit der Musik und den Musikern, nur sehr selten mit dem Publikum. Überzeugend stellt er seine persönliche Sicht, biografische Bezüge und die soziokulturellen Rahmenbedingungen der Musik dar. Er schildert, wie unabhängige Plattenfirmen das Musikgeschäft umkrempelten. Oder beschreibt seine Faszination für ein Plattencover des Polit-Projekts Scritti Politti: Es zeigt ein vollgestopftes Wohnzimmer aus einer anderen Welt, in der auch ein gebrauchter Teebeutel neben Hammer und Sichel baumeln darf. Die Band war von marxistischen Theoretikern wie Jacques Derrida beeinflusst. Als Sechzehnjähriger studierte Reynolds dieses Bild stundenlang und bekam einen Einblick in die Londoner Hausbesetzer-Szene, in der Scritti Politti musikalische Manifeste verfassten. Brilliant analysiert der Autor, wie sich der Sänger und Gitarrist Green Gartside vom Kollektivkämpfer zum Solokünstler wandelt.

Mühsam und langweilig wird das Buch, wenn Reynolds wortmalerisch fachsimpelt. In diesen Momenten ist es ein Werk für Musik-Spezialisten und solche, die es werden wollen. Gelegentlich schreibt Reynolds amüsant, beispielsweise wenn er die Sisters Of Mercy vernichtet, selten auch peinlich, wenn er ins Vulgäre kippt.

Leserkommentare
    • RifRaf
    • 23. August 2011 19:59 Uhr
    1. Klasse

    ist auch Reynolds neues Buch, zu Retro und Nostalgie

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