Film Solo für Licht

Das zeitgenössische Kino entdeckt die Kraft der stummen Bilder. Das Stummfilmfestival in Leipzig erinnert daran.

Es ist eine Reminiszenz an bessere Tage. Als im Kino noch gearbeitet wurde. Ohne die Stützstrümpfe einer fein austarierten Dramaturgie, roh, gewaltsam und vor allem: fast ohne Worte. Daniel Plainview (Daniel Day-Lewis) sticht in den ersten dreißig Minuten von Paul Thomas Andersons Epos There Will Be Blood auf die Erde ein, als wolle er einem Verdächtigen das Geständnis aus dem Leib prügeln. Immer neue Löcher werden in den Boden gehauen. Plainview und seine Helfer kommunizieren über ihre Blicke und Gesten, ihre Hacken und Äxte. Am Ende dieser halben Stunde ist der kalifornische Ölpionier am Ziel: Die Erde spricht und gibt ihren schwarzen Schatz preis. Das Schweigen ist zu Ende und der Dialog beginnt.

Was in den ersten drei Dekaden der Filmgeschichte normal war, ist heute ein herausragendes und irritierendes stilistisches Phänomen: die Sprachlosigkeit. Doch die sprechenden Bilder, die ohne oder nur mit ganz wenig Dialog auskommen, waren nie weg. Sie versteckten sich bloß: im Arthouse- und Autoren-Kino, im Dokumentar- und Experimentalfilm. Doch nun gewinnt selbst das Mainstreamkino Stück für Stück das Vertrauen in die Kraft der Bilder zurück. Es ist eine noch zaghafte Rückbesinnung auf die wahren Möglichkeiten der Kinematografie. Der Eingangsakt von There Will Be Blood ist ein Beispiel, Ballast von Lance Hammer, der andere herausragende Beitrag im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale , ein anderes. Hammer braucht nur eine Hand voll Sätze, um ein hochkomplexes Beziehungsgeflecht zu entwerfen. Das Gros erledigt das stumme und dabei so beredte Spiel der Akteure und die präzise Beobachtung der Kamera. Warum immer ausplaudern, was genauso gut und sogar besser auch gezeigt werden kann?

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Ein neues Festival in Leipzig mit dem schönen Titel „Solo für Licht“ zeichnet in seinem Programm zwischen dem 28. März und 25. Mai eine Traditionslinie nach, die von 1919 bis ins Jahr 2007 reicht. Sie macht anschaulich, dass die stummen Bilder immer da waren, auch als die meisten von ihnen zu sprechen begannen. Die gängigen Klassiker sind zu sehen: von Das Cabinet des Dr. Caligari (1919/20) über Der Golem, wie er in die Welt kam (1920) bis Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens (1921/22), dem wohl atmosphärisch dichtesten Geniestreich jener Jahre. Die eigentlichen Entdeckungen im Programm sind Filme, die lange nach der Einführung des Tons entstanden sind. Filme, die dem so geschwätzig gewordenen Kino seine Bilder zurückerobern und der strikten Taktung von Wendepunkten und Spannungsverläufen das fühlbare Verstreichen der Zeit entgegensetzen.

Der Dokumentarfilm Wien: Sieben Szenen (1998) von Joachim Hildbrand, Michael Gartner und Rainer Frimmel ist ein radikaler Gegenentwurf zu allen gängigen Vorstellungen von Dramaturgie und Rezeption. Die drei Filmemacher stellten ihre Kamera an sieben verschiedenen Orten in Wien auf und guckten was passiert: nämlich nichts. Ein trister Park, eine Häuserzeile mit einer Kneipe, eine Zuschauertribüne auf einen Weihnachtsmarkt. Autolärm ist zu hören, ein Kind geht durchs Bild, eine Gruppe von Arbeitern. Die Ereignislosigkeit wird zum Ereignis. So als sei der konzentrierte dokumentarische Blick inzwischen der einzige Kontrapunkt zur überreizten Wahrnehmung auf allen Ebenen der medialen Wirklichkeit. Eine Zumutung für den Zuschauer und eine großartige Erfahrung zugleich. Der Zuschauer wird auf sich selbst zurückgeworfen und nun seinerseits vom Film in die erzählerische Pflicht genommen. Klammheimlich erinnert dies an die Anfänge des Mediums, an die Filme der Brüder Lumière, aufgenommen mit den Mitteln von heute.

Schon die ganz frühen Filmschnipsel – Alltagsaufnahmen von Königsbesuchen etwa, Schiffstaufen, promenierende Großstädter im Bois de Boulogne – arbeiteten mit den Bruchstücken einer Geschichte. In die Nickelodeons auf den Jahrmärkten strömten die Vorläufer der späteren Kinobesucher, um nach dem Einwurf einer Münze, eines Nickels, einen kurzen Sketch zu sehen. Die Literarisierung des Mediums feierte ihren ersten Höhepunkt in der Blütezeit des Stummfilms – und bewegte sich mit dem Aufkommen des Tons Ende der 20er Jahre mehr und mehr weg vom Bild hin zum szenischen Dialog. Die bis heute gültige Arbeitsteilung, hier der Erzähler, dort der Konsument, hatte sich da schon längst verfestigt.

Benedek Fliegaufs Milky Way aus dem Jahre 2007, der ebenfalls in Leipzig zu sehen ist, setzt sich über solche Mechanismen hinweg. Sein Film ist ebenso wie Wien: Sieben Szenen der Rückeroberung eines Mediums verpflichtet. Fliegauf arbeitet mit langen Einstellungen von verschiedenen Schauplätzen. Eine Uferlandschaft im fahlen Morgenlicht, ein Containerhof, ein Spielplatz, ein öffentliches Bad. Die Bilder folgen strengen kompositorischen Regeln und sind unterlegt mit einer klanglichen Erlebniswelt aus vorgefundenen Geräuschen und eigenwilligen musikalischen Erfindungen. Es ist eine zu Bildern gewordene Meditation. Milky Way macht Film als audiovisuelles Gesamtkunstwerk wieder erfahrbar. Ganz ohne Geschichte, ganz ohne Dialog, pures Kino.

 
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