Film Solo für LichtSeite 2/2

Schon die ganz frühen Filmschnipsel – Alltagsaufnahmen von Königsbesuchen etwa, Schiffstaufen, promenierende Großstädter im Bois de Boulogne – arbeiteten mit den Bruchstücken einer Geschichte. In die Nickelodeons auf den Jahrmärkten strömten die Vorläufer der späteren Kinobesucher, um nach dem Einwurf einer Münze, eines Nickels, einen kurzen Sketch zu sehen. Die Literarisierung des Mediums feierte ihren ersten Höhepunkt in der Blütezeit des Stummfilms – und bewegte sich mit dem Aufkommen des Tons Ende der 20er Jahre mehr und mehr weg vom Bild hin zum szenischen Dialog. Die bis heute gültige Arbeitsteilung, hier der Erzähler, dort der Konsument, hatte sich da schon längst verfestigt.

Benedek Fliegaufs Milky Way aus dem Jahre 2007, der ebenfalls in Leipzig zu sehen ist, setzt sich über solche Mechanismen hinweg. Sein Film ist ebenso wie Wien: Sieben Szenen der Rückeroberung eines Mediums verpflichtet. Fliegauf arbeitet mit langen Einstellungen von verschiedenen Schauplätzen. Eine Uferlandschaft im fahlen Morgenlicht, ein Containerhof, ein Spielplatz, ein öffentliches Bad. Die Bilder folgen strengen kompositorischen Regeln und sind unterlegt mit einer klanglichen Erlebniswelt aus vorgefundenen Geräuschen und eigenwilligen musikalischen Erfindungen. Es ist eine zu Bildern gewordene Meditation. Milky Way macht Film als audiovisuelles Gesamtkunstwerk wieder erfahrbar. Ganz ohne Geschichte, ganz ohne Dialog, pures Kino.

 
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