"Ich habe mein Hemd ausgezogen und es ihnen hingeworfen, sie können alle an meinem Leben knabbern, es aufessen wie Nüsse", schrieb Bettina Galvagni, als ihr erster Roman Melancholia erschien. Er erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens, das seinen Platz in dieser Welt sucht, und schafft eine dichte Atmosphäre aus Krankheit, Leid, Literatur, Verzweiflung, Erinnerung. Eine Studie über den "Zwang, dass die Sehnsucht nach dem Leben groß ist, dass aber die Entschlossenheit da ist, dieser Sehnsucht nicht zu folgen".

"Das Wunderkind der österreichischen Literatur" nannte das Deutschlandradio Galvagni, ihr Ton wurde mit dem von Marguerite Duras verglichen, und die Wiener Literaturzeitschrift Wespenest formte aus ihrem Debüt sowie denen von Kathrin Röggla, Zoë Jenny und Richard Obermayr "die melancholische Generation". Zuvor hatte Galvagni den Ernst-Willner-Preis beim Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb gewonnen.

Erst 2002 folgte das zweite Buch Persona bei Luchterhand und fiel bei der Kritik durch. "Preziöses Wortgeklingel" schrieb eine Rezensentin, "enervierender Wille zur perspektivischen Egozentrik" ein anderer Kritiker. Die Geschichte der psychisch kranken Lori ist tatsächlich nicht mehr so flott und voller eigenartig schöner Assoziationen wie Melancholia und hat keine eigene Sprache.

Literaturkritiker wollen beim zweiten Buch Neues entdecken. Gleichzeitig soll die Eigenart der neuen Stimme erhalten bleiben. Gerade junge Autoren tun sich damit schwer. Es setzt sie unter Druck. Die Mechanismen des Marktes sind gnadenlos geworden in den letzten Jahren: Bücher werden für einen Preis nominiert, bevor sie erschienen sind. Zeitschriften und Zeitungen fertigen Shortlists von den besten Neuerscheinungen an. Diese Listen sind nicht in erster Linie Leserservice, sondern der Versuch, sich bei über 80.000 Neuerscheinungen pro Jahr ein eigenes Profil zu erarbeiten. Literaturkritiker erfinden Generationenbegriffe und pressen neue Autoren in diese Schemata.

Verlage tragen zu den Erwartungen und wechselnden Verhältnissen bei, indem sie hohe Vorschüsse an neu entdeckte Autoren zahlen. Marketingabteilungen der Verlagshäuser kippen Lektoratsentscheidungen, sodass sich etwa 1999 Julia Franck damit abfinden muss, dass ihr zweites Buch Liebediener eine lilafarbene Umschlaggestaltung bekommt, weil es so besser in die Sparte der "Fräuleinwunder" passt. Und sollte es keinen Erfolg haben, kann man es prima in „Frauenbuch“-Ecke stellen, gleich neben Hera Lind.

Galvagnis Bücher indes werden als Mängelexemplare verramscht. Selbst schuld, kann man da natürlich sagen: Wer freiwillig sein Hemd auszieht und sich am Leben knabbern lässt, kann eben auch verletzt werden. Aber weiß man das, mit 21?

Die inzwischen fast 32-Jährige lebt nun in Paris und arbeitet als Ärztin. Vergangenes Jahr betrat sie noch einmal die Literaturbühne, als sie zusammen mit den anderen sechs jüngsten Luchterhand-Autoren Paul Fattarusos Roman Isabellas Liebe zum Flügelhorn als Podcast einlas.

"Vielleicht ist es schlicht und einfach dumm, die Tage so aufzustückeln", schreibt Galvagni in Melancholia – Tage, die aus profanen Tätigkeiten wie Essen, Schlafen, Lesen bestehen. Und vielleicht ist es schlicht und einfach dumm, Karrieren von Schriftstellern so aufzustückeln. Klein und immer kleiner, sodass noch nicht mal das Kleinste übrig bleibt: ein Platz in diesem Markt.