Popliteratur Ich bin ein Micky-Maus-Heft

Zu seinem sechzigsten Geburtstag erzählt der Underground-Verleger Benno Käsmayr, wie er Charles Bukowski berühmt machte, Haschisch in ein Buch kommt, und was sich in der Buchbranche geändert hat. Ein Gespräch

Der Maro-Verlag sei in einem Dachzimmer untergebracht, schrieb der Verleger Benno Käsmayr 1971 in einem der ersten Verlagsprospekte. "Und besteht aus: 1 Schreibmaschine, 5 Leitzordnern, 1 Schneidemaschine, 1 Adresskartei, einer Menge fertiger und halbfertiger Bücher."

Maro ist in den fast vierzig Jahren seines Bestehens ein Kleinverlag geblieben, der die literarische Gegenkultur trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – seit den siebziger Jahren maßgeblich geprägt hat. Käsmayr hat Bukowski verlegt und durchgesetzt, er hat John Fante entdeckt, sich um die Beat-Poeten William S. Burroughs und Jack Kerouac gekümmert. Auch hat er dem hierzulande zumeist völlig unbekannten US-Underground eine verlegerische Heimstatt geboten. Käsmayr hat das Frühwerk von Jörg Fauser drucken lassen, als den noch keiner wollte. Die deutschen Autoren in seinem Programm - Michael Schulte oder Uli Becker - gehören schon lange zum literarischen Kanon. Käsmayrs Arbeit wurde 2002 mit dem Preis der Kurt-Wolff-Stiftung gewürdigt. Nun wird der Verleger sechzig Jahre alt. Ein Gespräch.

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ZEIT online: Wenn man über den Maro-Verlag reden will, muss man wohl zuallererst über Charles Bukowski reden.

Benno Käsmayr: Bukowski hätte damals natürlich auch beim März Verlag gut reingepasst. Und der hätte das auch wesentlich effektiver vermarkten können, als es Maro zu diesem Zeitpunkt überhaupt in der Lage war. Aber Carl Weissner (Bukowskis Übersetzer und Agent, Anm. der Redaktion) war ziemlich gefrustet von der damaligen Lektorin von Kiepenheuer, die diese Gedichte entschieden abgelehnt hat. Das hat ihn ungemein getroffen, und so kam er dann zu mir. Warum auch immer. Maro war ja zu diesem Zeitpunkt ein Verlag, der absolut noch nichts vorweisen konnte und sich als Szeneverlag längst noch nicht etabliert hatte.

ZEIT online: Immerhin war Tiny Strickers ziemlich irrwitziges Prosabuch „ Trip Generation erschienen.

Käsmayr : Ja, aber das war ja eine Baustelle. Das Buch ist der Umstände wegen auch von mir geschrieben. Das weiß nur keiner. Dieses Ding war ein Sammelsurium aus Zetteln, Bierdeckeln und beschriebenen Prospekten, die Tiny Stricker von seinem Nahost-Trip mit nach Hause gebracht hat. Er hat dann auch noch einiges dazu geschrieben. Ich habe das dann alles mit der Schreibmaschine auf Matritze abgetippt. Oder habe, als ich vollkommen kirre war, das war ja die Zeit von Speed, einfach auf einer Seite einen Einschub gemacht: „Ich bin ein Micky-Maus-Heft.“ Da sind dann Sachen hineingekommen, die dem Buch sicher nicht geschadet haben. Im Nachhinein bin ich sehr froh darüber, dass wir das Buch in dieser Art fertig gestellt haben.

ZEIT online: Das Buch hat im literarischen Untergrund schon Aufsehen erregt.

Käsmayr: Ja. Die erste Auflage lag bei 120 Exemplaren, weil die Spiritus-Matritzen nicht mehr hergaben. Aber dann haben sich ein paar Leute einen Gag gemacht und das Buch auf der Mainzer Minipressenmesse zum Alternativ-Buch des Jahres gewählt. Es kam eine Besprechung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung . Und Wolf Donner, ein Berliner Journalist, der für die ZEIT gearbeitet hat, der hat dieses Buch geliebt und weiterempfohlen. Dann kam plötzlich das Angebot vom Rowohlt Verlag. So hatten wir schon im zweiten Verlagsjahr eine Taschenbuchlizenz verkauft.

ZEIT online: Zunächst wurden ihre Bücher aber nicht im regulären Buchhandel verkauft.

Leser-Kommentare
    • Kometa
    • 07.04.2008 um 10:01 Uhr

    Versichern Sie sich vor der Veröffentlichung von Gedichten, dass deren Autor auch damit einverstanden ist. Danke, die Redaktion / mh

    • Anonym
    • 17.04.2008 um 12:03 Uhr

    2004, es mag auch 2005 gewesen sein, schrieb ich eine drei-Seiten E-mail an Käsmayer, um ihm die technischen, wirtschaftlichen und künstlerischen Möglichkeiten des Internets für den Maro-Verlag, wie auch für Literatur im Allgemeinen darzulegen; eine Antwort kam nie. Von einer Reaktion ganz zu schweigen.
    Man mag Wagenbach und Käsmayer ihre stete Nonkonformität hoch anrechnen, tatsächlich aber bewegen sie sich auch nur am Rande eines ausgetretenen Pfades, in deren Mitte immer noch die Konzerne marschieren.
    Und wenn Käsmayer nun darüber klagt, dass es dem Buchhandel egal ist, ob sie Bücher oder Holzklötze verkaufen, so gebe ich zu bedenken, dass er mitverantwortlich ist an dieser Situation, denn sein Denken und Handeln als Verleger unterscheidet sich von dem der Verlagskonzerne letztlich auch nur darin, dass er Literatur als künstlerisches Werk schätzt und liebt. Die Resultate mag man ihm durchaus anrechnen, allerdings hat Käsmayer, der sich da als Sponti generiert, ebenso wenig nach neuen Wegen der Literatur gesucht, wie Wagenbach, beide suchten stets nur danach, Literatur, die sie begeisterte, in denselben Markt zu bringen, der schon damals von anderen dominiert wurde, mit Mitteln die sich von denen der Konzerne nur quantitativ unterschieden.
    Und heute erzählt er von den glorreichen, vergangen Zeiten wie einer jener typischen 68er, die von der damaligen Energie und Vision zwar schwärmen, davon aber nichts in die Gegenwart hinüber retten konnten. Die Vision ist an der Realität zerbrochen und die Energie schon längst erlahmt, eine neue zu formulieren, übrig bleibt nur, sich auf Kleinverlegertreffen gegenseitig auf die Schultern zu klopfen, und sich zu gratulieren, dass man trotzdem noch 'am Markt' ist. Veteranen im doppelten Sinne, ohne Gegenwärtigkeit und daher ohne Gegenwart und ohne Zukunft.
    Ruht in Frieden. Wir, die wir heute unsere Grenzen und Möglichkeiten kennen, und beide nutzen, werden uns Eurer erinnern, wenn wir mal so alt geworden sind, und daran werden wir uns zu messen haben. Hoffentlich versanden wir nicht genauso.

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