Popliteratur Ich bin ein Micky-Maus-HeftSeite 4/4
Käsmayr:
Auch über Carl Weissner. Weissner war zu dem Zeitpunkt Lektor bei Melzer, und dort sollte eigentlich Fausers
Tophane
erscheinen. Sie hatten vielleicht auch einen Vertrag, keine Ahnung. Jedenfalls hat der alte Melzer gesagt, das Buch käme ihm nicht in die Tüte. Carl Weissner hat mir das dann geschickt. Da wusste ich von Fauser noch gar nichts. Aber es gab einen Kreis, in dem die Figur Fauser schon etwas galt. Das hat sich herauskristallisiert. Ich glaube sogar, dass der eigentliche Kontakt über die Druckerei, in der ich damals gejobbt hab, zustande kam, denn die erste Nummer von
Gasolin 23
(die Underground-Zeitschrift von Jürgen Ploog, Jörg Fauser und Carl Weissner, Anm. der Redaktion.)
habe ich persönlich gedruckt.
ZEIT online:
Sie haben vor der Verlagsgründung als Drucker gejobbt und dann dank Bukowski ihre eigene Druckerei aufgemacht. Man hätte das Geld ja auch nutzen können, um eine richtige Verlagsinfrastruktur aufzubauen. Nach dem brillanten Start hätte das doch auch nahegelegen.
Käsmayr:
Da hatte ich zu viel Bammel. Aus dem einfachen Grund, weil ich gerade erst dabei war, dieses Business zu erlernen. So ein Typ wie Klaus Wagenbach, der bei Fischer gelernt hatte, oder Vito von Eichborn, die taten sich leichter mit ihren Neugründungen. Die kannten sich aus. Ich war Autodidakt. Jetzt kenne ich das Business, obwohl ich mittlerweile auch schon nicht mehr richtig durchsteige. Wenn es da nur noch um die Vermarktung von soundsoviel Quadratmetern an der Wand geht oder um die Höhe der Stapel, die neben der Kasse liegen, dann ist mir das fremd. Der Buchhandel hat sich in einer Weise verändert, meiner Meinung nach verschlechtert. Das Buch ist eine austauschbare Ware. Ob da ein Buch oder ein Holzklotz liegt, ist vollkommen egal. Wichtig ist: Die Leute nehmen das mit.
ZEIT online:
Würden Sie heute etwas anders machen?
Käsmayr:
Weil ich immer alles selber machen und nichts delegieren wollte, habe ich mir das Leben selbst schwer gemacht. Die Auslieferung zum Beispiel hätten wir weggeben müssen. Ich habe ja weiterhin die Rechnungen mit der Hand geschrieben und Pakete gepackt, und ich bin jeden Tag zur Post gefahren, weil ich das Gefühl hatte, das sind meine Bücher, die muss ich zur Post bringen. Ich habe immer gedacht, ich könnte dem Buchhändler, der schon mehrmals bestellt hat, einen Gruß draufschreiben. Das kann die Auslieferung ja gar nicht.
ZEIT online:
Der junge Blumenbar Verlag hat sich gerade mit einem potenten Geldgeber zusammengetan. Gab es solche Angebote auch bei Ihnen?
Käsmayr: Es gab später durchaus Übernahmeversuche. Da kamen Leute, die das Handwerk gelernt hatten und bei mir einsteigen wollten. Als die dann aber sahen, welche Philosophie ich vertreten habe, sind die alle abgesprungen. Ich will ja auch die alten Titel, etwa von Tiny Stricker und anderen, nach Möglichkeit immer lieferbar halten. Die gehen ja davon aus, bei einer Auslieferung verursacht jeder Titel jeden Monat so und soviel Lagerkosten. Deshalb gibt es ja dieses Verramschen, Kaputtmachen, Makulieren, oder wie die das nennen, das habe ich ja nie gemacht. So ticke ich nicht.
Das Interview führte Frank Schäfer
- Datum 05.04.2008 - 05:37 Uhr
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- Quelle ZEIT online
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2004, es mag auch 2005 gewesen sein, schrieb ich eine drei-Seiten E-mail an Käsmayer, um ihm die technischen, wirtschaftlichen und künstlerischen Möglichkeiten des Internets für den Maro-Verlag, wie auch für Literatur im Allgemeinen darzulegen; eine Antwort kam nie. Von einer Reaktion ganz zu schweigen.
Man mag Wagenbach und Käsmayer ihre stete Nonkonformität hoch anrechnen, tatsächlich aber bewegen sie sich auch nur am Rande eines ausgetretenen Pfades, in deren Mitte immer noch die Konzerne marschieren.
Und wenn Käsmayer nun darüber klagt, dass es dem Buchhandel egal ist, ob sie Bücher oder Holzklötze verkaufen, so gebe ich zu bedenken, dass er mitverantwortlich ist an dieser Situation, denn sein Denken und Handeln als Verleger unterscheidet sich von dem der Verlagskonzerne letztlich auch nur darin, dass er Literatur als künstlerisches Werk schätzt und liebt. Die Resultate mag man ihm durchaus anrechnen, allerdings hat Käsmayer, der sich da als Sponti generiert, ebenso wenig nach neuen Wegen der Literatur gesucht, wie Wagenbach, beide suchten stets nur danach, Literatur, die sie begeisterte, in denselben Markt zu bringen, der schon damals von anderen dominiert wurde, mit Mitteln die sich von denen der Konzerne nur quantitativ unterschieden.
Und heute erzählt er von den glorreichen, vergangen Zeiten wie einer jener typischen 68er, die von der damaligen Energie und Vision zwar schwärmen, davon aber nichts in die Gegenwart hinüber retten konnten. Die Vision ist an der Realität zerbrochen und die Energie schon längst erlahmt, eine neue zu formulieren, übrig bleibt nur, sich auf Kleinverlegertreffen gegenseitig auf die Schultern zu klopfen, und sich zu gratulieren, dass man trotzdem noch 'am Markt' ist. Veteranen im doppelten Sinne, ohne Gegenwärtigkeit und daher ohne Gegenwart und ohne Zukunft.
Ruht in Frieden. Wir, die wir heute unsere Grenzen und Möglichkeiten kennen, und beide nutzen, werden uns Eurer erinnern, wenn wir mal so alt geworden sind, und daran werden wir uns zu messen haben. Hoffentlich versanden wir nicht genauso.
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