ZEIT online: Überall werden unsere Daten gesammelt, von Unternehmen, vom Staat und von Internetfirmen und -suchmaschinen. Ist Datenschutz antiquiert?

Viktor Mayer-Schönberger: Nein! Möglicherweise sind unsere Instrumentarien antiquiert, um Datenschutz durchzusetzen. Aber Datenschutz, oder besser Informationsschutz, gewinnt immer stärker an Bedeutung.

ZEIT online: Faktisch aber ist er derzeit kaum noch durchsetzbar.

Mayer-Schönberger: Man muss sich fragen, was die Gründe dafür sind: Sind die Datenschutzbestimmungen zu teuer? Zu aufwendig? Sind die Menschen sich ihrer Rechte nicht bewusst? Ursachen gibt es viele. Man muss überlegen, was überhaupt noch getan werden kann. Vielleicht muss Datenschutz ja völlig anders gedacht werden, vielleicht pragmatischer.

ZEIT online: Sie haben einen solchen Vorschlag gemacht mit ihrer Idee, dass Informationen nach einer bestimmten, vom Nutzer festgelegten Zeit verfallen sollen. Das Problem dabei ist aber, dass ich erst einmal akzeptieren muss, dass Daten über mich gesammelt werden. Ich habe keine Chance, das zu verhindern...

Mayer-Schönberger: Richtig, doch wir können uns aus unserem informationellen Sein nicht mehr verabschieden. Durch das Verfallsdatum werde ich aber ständig mit dem Problem konfrontiert, da ich angeben muss, für wie relevant ich eine Information halte und wie lange sie gespeichert werden soll – beispielsweise Suchabfragen bei Google. Ich muss mich immer wieder damit auseinandersetzen, mir auch die Gefahren bewusst machen.

ZEIT online: Wie soll das Verfallsdatum gesichert werden?

Mayer-Schönberger: Mein System eines Verfallsdatums soll nicht vorrangig eine technische Lösung sein, um Informationen nach einer gewissen Zeit zu löschen. Viel wichtiger ist, dass es die Menschen zwingt, über die Lebensdauer von Informationen nachzudenken, sie sich bewusst zu machen. Damit geht es fast ausschließlich um die Bewusstseinsveränderung und nicht um die technische Lösung des Problems.

ZEIT online: Allerdings torpediert die Idee, Informationen verfallen zu lassen, den derzeitigen Versuch von Unternehmen und Staaten, so viele Daten wie möglich zu sammeln und zu speichern, weil sie irgendwann wertvoll werden könnten. Wäre also nicht doch wieder staatliche Regulierung nötig, um sie durchzusetzen?

Mayer-Schönberger: Ich glaube, hier kann entweder staatliche Regulierung helfen, oder aber Druck der Bevölkerung – als Marktdruck oder durch öffentlichen Druck auf die Gesellschaft und die Politik, entsprechende Gesetze einzuführen.

ZEIT online: Ist nicht Google ein Beispiel dafür, dass solche Marktmechanismen gerade nicht funktionieren?