Bundesliga-Kommentar „Juden-Jena“-Sprüche sind ein Skandal!

Wer Böller in Stadien der ersten Liga schmeißt, ist kriminell. Eine größere Schande ist es aber, wenn Fans antisemitische Parolen aufs Fußballfeld brüllen

Michael A. Roth wurde schon oft belächelt. Teppich-Michel nennen die Fans des 1. FC Nürnberg den Präsidenten und Geldgeber ihres Clubs oft. Der Unternehmer hat sein Vermögen mit dem Vertrieb von Läufern, Bettumrandungen und Teppichen mit Rasenmustern gemacht. Seit 18 Jahren leitet die weißhaarige Eminenz die Geschicke des Fußballvereins aus dem Frankenland.

Bekannt wurde Roth zum einen durch seinen originellen Führungsstil: Bevor Hans Meyer den Club trainierte, wechselten die Trainer schneller ihre Posten als Roth die Muster der neuen Teppichkollektionen. Er bekam den Beinamen „Trainer-Killer“. Und zum anderen durch verwunderliche Aussagen: „Nach dieser Vorstellung muss ich sagen, ich habe eine Pistole samt einem Waffenschein und würde einigen Spielern am liebsten das Hirn durchpusten“, sagte Roth einst, als sein Verein noch in der Zweiten Liga gegen den VfB Lübeck verlor.

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An diesem Spieltag allerdings wurde der Nürnberger Klub-Präsident für viele zum Helden. Während in den anderen Bundesligastadien die letzten Tore vor dem Halbzeitpfiff geschossen wurden, rollte im Stadion in Frankfurt kein Ball mehr. Der Schiedsrichter hatte die Begegnung unterbrochen. Bereits in der 17. Minute ging im Nürnberger Block der erste Knallkörper los. Es folgten weitere Feuerwerkskracher und eine Leuchtrakete. Als die Spieler über eine Viertelstunde in den Kabinen warteten, witzelten und sich die Muskeln dehnten, nahm Michael A. Roth das Stadionmikrofon in die Hand: „Das ist ein unmöglicher Zustand, was Sie da machen.“ Er forderte die Fans im Gästeblock auf, „das sein zu lassen“.

Als der Schiedsrichter mit dem Hinweis, dass das Spiel nach der nächsten Rakete endgültig abgebrochen werden würde, wieder anpfiff, hatte Roth sich positioniert: Als „menschlicher Schutzschild“ stand er zwischen die brandstiftenden Fans und dem Spielfeld. „Lasst das mit den Feuerwerkskörpern, sonst wird der Block geräumt und ihr könnt alle nach Hause gehen“, schrie Roth. Als einige Fans lachten, drohte der Nürnberger Präsident erneut mit dem Rausschmiss – aus der Frankfurter Arena.

Am Ende ging alles gut. Niemand traute sich, Raketen auf Roth zu schießen, und der 1. FC Nürnberg gewann sogar das erste Mal seit sehr langer Zeit.

Was bleibt, ist die Diskussion um das Geschehene. Bereits während der Anreise der Nürnberger Fans wurden im Frankfurter Hauptbahnhof Kanonenböller auf den Bahnsteig geworfen. Laut Polizeibericht verletzten sich dabei mehrere Beamte der Bundespolizei. Auf der Fahrt zum Stadion zogen die Nürnberger Fans dann die Notbremse der S-Bahn. Wieder flogen Feuerwerkskörper aus den Fenstern. Schon vor dem Spiel stellte der Ordnungsdienst 30 Stoßwaffen, 96 Wurfgeschosse und Reizmittel im Stadion sicher.

Die Angaben der Polizei lesen sich bedrohlich. Dieses Spiel war tatsächlich keine Werbung für den Fußball. Frankfurts Vorstandsvorsitzender Heribert Bruchhagen warnte nach der Spielunterbrechung gar vor „italienischen Verhältnissen“ in der Bundesliga. In Italien sind in der laufenden Saison zwei Fans nach Ausschreitungen ums Leben gekommen. Einige Medien sehen in dem Spiel in Frankfurt nun einen Skandal, „den es seit mehreren Jahren“ nicht mehr gab. In der öffentlichen Debatte werden die Böllerwerfer aus Nürnberg nun ihren Raum bekommen.

Obwohl die Ausschreitungen in Frankfurt nicht hingenommen werden dürfen, sollten wir auf Verhältnismäßigkeit achten. Es ist lediglich wenige Wochen her, als im Spiel VfB Stuttgart gegen Karlsruher SC Leuchtraketen aufs Spielfeld gefeuert wurden. Beide Vereine erhielten hohe Geldstrafen.

Einen schwerwiegenderen, leider auch nicht einmaligen Skandal, gab es aber tatsächlich vor Kurzem im deutschen Fußball. Vor etwa einer Woche kam es in der Oberliga im Spiel zwischen dem Halleschen FC (HFC) und dem FC Carl Zeiss Jena II allerdings zu keinem Spielabbruch. HFC-Fans hatten immer wieder antisemitische Parolen gebrüllt. Die „Juden-Jena"-Rufe waren so laut, dass sie laut Zuschaueraussagen der Schiedsrichter und seine Assistenten unmöglich überhört haben konnten - im Spielberichtsbogen dokumentierte der Unparteiische die Randalen und Schmährufe der Hallenser Fans nicht.

Die Staatsanwaltschaft leitete kein Ermittlungsverfahren gegen den Verein ein. Der Tatbestand der Beleidigung oder Volksverhetzung sei nicht erfüllt. Der Ruf „Juden-Jena“ sei moralisch verwerflich, mit dem Strafrecht aber nicht zu fassen, sagte ein Sprecher.

Die Verantwortlichen des ehemaligen Erfolgsklubs der DDR äußerten sich zu den aufgezeichneten Schmähgesängen ihrer Fans nicht. Stattdessen heißt es auf der Vereins-Website: "Der Vorstand hat in Abstimmung mit dem Präsidenten des Verwaltungsrates entschieden, ab sofort jegliche Zusammenarbeit mit allen Medienvertretern bis auf Weiteres auszusetzen. Dies betrifft neben den Offiziellen auch alle Trainer und Sportler unseres Vereins, deren Konzentration vollumfänglich dem angestrebten Regionalligaaufstieg gelten soll."

Über den Teil der HFC-Fans, die mutmaßlich antisemitisch und rechtsradikal sind, soll nicht gesprochen werden. Bereits vor zwei Jahren hatten Fans des Klubs während des Meisterschaftsspiels gegen den FC Sachsen Leipzig zum wiederholten Male einen dunkelhäutigen Spieler beleidigt. Gegen das damalige Urteil des Fußballverbands hatte der Klub Einspruch eingelegt. Michael Schädlich, der Präsident des HFC, sagte damals, der Verein sei nicht in der Lage, Auswirkungen "gesamtgesellschaftlich bestehender Probleme zu unterbinden".

Der andere Präsident, Michale A. Roth, meldete sich direkt nach dem Spieltag wieder zu Wort. Er gab mehrere Interviews. Auf die Frage, ob er denn keine Angst gehabt hatte, als er vor den randalierenden Fans stand, antwortete er: "Nein, ich habe doch den größten Teil meines Lebens schon hinter mir.“ Über den Teppich-Michel kann man lachen. Die Situation um einige Fans des HFC ist zu skandalös für einen Witz.

ZEIT-Spiel. Die Bundesliga-Kolumne auf Zeit online. In jeder Bundesliga-Woche kommentieren fußballbegeisterte Autoren der ZEIT den Kampf um Tore und Punkte, Meisterschaft und Abstieg.

 
Leser-Kommentare
  1. und die zeit kooperiert mit dem dfb im "kampf gegen rechts!". mähähä

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