Madonna hat's getan, danach U2, und nun verlässt auch Rapper Jay-Z seine Plattenfirma, um mit dem Konzertveranstalter Live Nation einen Vertrag auszuhandeln. Ein Vertrag, der wohl zu den lukrativsten in der Popgeschichte gehört: Für rund 150 Millionen Dollar kauft Live Nation die Rechte an allen Plattenaufnahmen, Tourneen und deren Vermarktung. Angesichts stetig sinkender CD-Verkäufe sind derartige Rundum-Sorglos-Pakete vielen Unternehmen eine Gelegenheit, von kommerziell umtriebigen Künstlern zu profitieren. Besonders von jenen, die mehr tun, als bloß Platten aufzunehmen.

Jay-Z ist ein viel beschäftigter Mann: Durch seine Modelinie Rocawea r, seine eigene Plattenfirma Roc-A-Feller Records und der Beteiligung an zahlreichen Nachtclubs gehört er zu den erfolgreichsten Unternehmern der Musikbranche. Mit fünf Millionen Dollar im Jahr baut Live Nation dieses Imperium weiter aus, weitere 25 Millionen stehen als Vorschuss zur Verfügung. Die restliche Summe investiert der Veranstalter in Tourneen, Plattenaufnahmen und sonstige Aktivitäten. Der Vertrag läuft zehn Jahre, an den Umsätzen ist der Konzertveranstalter zur Hälfte beteiligt. Jay-Z ist der erste HipHop-Künstler, den das Unternehmen exklusiv unter Vertrag nimmt.

Bisher waren es besonders die Tourneen von Rockbands und Country-Größen, mit denen Live Nation seinen Profit machte. Darüber hinaus hat auch Jay-Z mit schleppenden Plattenverkäufen zu kämpfen. Sein letztes Album American Gangster war mit einer Million verkaufter Exemplare ein mittelschwerer Flop. Zum Vergleich: das Black Album aus dem Jahr 2003 verkaufte sich über drei Millionen Mal.

Mit solchen Verträgen sichert sich Live Nation den Künstler als Gesamtkonzept. Ob Merchandising, Werbung oder Lizenzen – der Konzertveranstalter kann jeden Aspekt vertraglich abdecken. Was einige Kritiker als bequeme Rentenabsicherung für gealterte Stars bezeichnen, ist manchen Klienten ein reizvoller Deal: Künstler und Bands sind nicht mehr gezwungen, ihre Geschäfte auf unterschiedliche Vertragspartner zu verteilen, sondern bekommen ein millionenschweres Komplettpaket.

Im Falle von U2 und Jay-Z umfasst dieses auch zukunftsweisende Marketingkonzepte wie das Angebot von Downloads oder die Erweiterung des Online-Auftritts. Live Nation will jedoch mit Tourneen den größten Gewinn machen.

Das Geschäft mit Live-Konzerten gilt in der Branche als nahezu krisensicher. Während die CD-Verkäufe immer mehr einbrechen, boomt der Umsatz mit den Konzerttickets. Die Lieblingsband live gesehen zu haben, ist in den Augen vieler Fans ein großes Erlebnis. So brachte die Vertigo -Tour von U2 der Band im Jahr 2006 einen Gewinn von 389 Millionen Dollar, während Madonna mit ihrer Confessions -Tournee knapp 260 Millionen Dollar einspielte. Den Rekord halten die Rolling Stones, deren A Bigger Bang -Tour im letzten Jahr mehr als 500 Millionen Dollar Einnahmen garantierte.  Jay-Z denkt in einem ähnlichen Maßstab: »Ich habe mich in die Rolling Stones des HipHop verwandelt«, sagte der Rapper der New York Times . Seine bereits ausverkaufte Tour mit Mary J. Blige ist ein Schritt in diese Richtung.

Der unkontrollierbare Download-Markt und die immer problematischere Veröffentlichungspolitik vieler Plattenfirmen haben dazu geführt, dass ein Großteil des Geldes wieder dort verdient wird, wo Musiker sich am liebsten sehen: auf der Bühne. Der Umsatz mit digitalen Daten erscheint vor dem Hintergrund der Tournee-Einnahmen unzeitgemäß. In diesem Zusammenhang betonen Musiker gerne, wie wichtig es ihnen sei, wieder verstärkt live auftreten zu können. Dies gehört ebenso zum Authentizitätsanspruch wie der ständige Verweis auf die Unabhängigkeit vom kommerziellen Musikgeschäft.

Doch: Werden durch solche riesigen Verträge Konzerte nicht bald zu großen Werbeveranstaltungen? Durch die schwindende Relevanz der CD-Veröffentlichungen werden Künstler mehr dazu gezwungen, regelmäßig auf Tourneen zu gehen. Unternehmen wie Live Nation bietet sich so eine ständige Werbekulisse, die die Aufmerksamkeit von Tausenden Konsumenten garantiert.

Mit den allumfassenden Verträgen hat Live Nation die Möglichkeit, auf Konzerten andere Angebote des Künstlers zu bewerben. Dessen Musik würde sich den Mechanismen des Musikmarkts entziehen und herkömmliche Werbekampagnen der Plattenfirmen unterlaufen. Auf Konzerten begegnet man schließlich direkt dem Konsumenten. Mit dem Kauf eines Konzerttickets können die Fans beispielsweise den exklusiven Zugriff auf Downloads und andere Produkte erwerben.

Nicht das bloße Live-Erlebnis steht im Vordergrund, sondern die umfassende Bindung des Konsumenten an den Musiker. »Wir wünschen uns eine engere, direktere Beziehung zwischen der Band und dem Publikum. Live Nation wird uns dabei helfen«, erklärt U2-Sänger Bono.

Auch Jay-Z ist der Ansicht, dass der Ausstieg zahlreicher Stars aus dem System der Plattenfirmen viele junge Musiker inspirieren könnte. »Ich möchte wie eine Indie-Band operieren«, sagt der Rapper. »Ich will die Musik auf Tour spielen, statt mich auf das Radio zu verlassen.« Was Jay-Z dabei vergisst: Das ist schon längst die Realität vieler Nachwuchsbands.