Schule Lehrer mit vielen Zeugnissen

Erst spickmich.de, jetzt schulradar.de: Nach den Schülern können nun auch die Eltern Lehrer online bewerten. Zeit zum Gruseln für die Pädagogen

Bereits seit vergangenem Jahr können sich Schüler auf der Internet-Seite spickmich.de Luft machen, indem sie ihre Lehrer benoten und die Atmosphäre an ihrer Schule gleich mit. Für manche Lehrer ist das schmerzhaft, denn sie bekommen ihr Zeugnis öffentlich und anonym ausgestellt – sichtbar für jeden, der will, und ohne sachliche Begründung. Deshalb wird spickmich.de immer wieder verklagt, bislang allerdings ohne Erfolg. Die Meinungsfreiheit der Schüler zählt den Gerichten mehr als die verletzte Seele eines Lehrers. Die meisten werden übrigens recht gut benotet.

Jetzt kommt es allerdings noch schlimmer für die Lehrer, denn die Betreiber von spickmich.de haben schulradar.de gegründet – eine Seite, auf der auch die Eltern ihre Meinung loswerden können. Diese hatten ein solches Angebot laut spickmich.de -Machern massenweise eingefordert.

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Eltern sind doppelt Schul-geschädigt. Sie tragen schwer an ihren eigenen traumatischen Erinnerungen wie den sadistischen Mathelehrer oder nicht verschließbare Klotüren und verquirlen sie jetzt mit den wirklichen und befürchteten Qualen ihrer Kinder. Eine Gruppe von Eltern reagiert mit der Augen-zu-Methode „Da musst du durch, ich hab’s ja auch geschafft.“ Für diese ist schulradar.de uninteressant.

Von den Vertretern der zweiten Gruppe - jene mit der heute verbreiteten Haltung: „Mama und Papa kämpfen für deine Sache“ - werden sich jedoch einige auf schulradar.de zu Wort melden. Diese Eltern wissen alles besser, auch als ihre Kinder. Die anstrengendsten unter ihnen suchen monatelang nach der richtigen Schule, ziehen um, um im richtigen Einzugsgebiet zu wohnen, klagen zur Not einen Platz für ihr Kind ein, um schließlich auch noch den Lehrer vor den Richter zu zerren, der einen vermeintlich scharfen Ton angeschlagen hat. Das Gegenteil ist auch nicht angenehmer: Eltern, die glauben, dass die Lehrer zu kuschelig agierten und dafür zuständig sein sollten, dem Kind Manieren und Disziplin beizubringen.

Wer als Lehrer schon Angst vor spickmich.de hatte, kann sich jetzt richtig gruseln. Bisher ist noch nicht viel zu sehen auf dem Schulradar. Die Seite ist erst am Dienstag online gegangen. Aber vergleicht man, wie die Schüler das Internat Schloss Salem bewertet haben mit jenen zwölf Eltern, die dasselbe getan haben, ahnt man, was den armen Paukern blühen kann.

Die Schulleitung bekam von den Schülern eine 2,0, von den Eltern eine 3,5. Die Qualität der Lehrer bewerteten die Schüler mit 1,9, die Eltern vergaben in der Kategorie „Lehrkörper“ eine 3,0 und für „individuelle Förderung“ eine 3,5. Vorenthalten werden den Eltern die schönen Bewertungskriterien der Schüler: „Flirt-, Alk-, Party- und Faustfaktor“. Obwohl sie da wohl wirklich nicht mitreden können, beklagt sich schon einer darüber im Forum.

Leser-Kommentare
  1. Vorn viel Papier reintun und hinten nichts rauskommen lassen, so lässt sich der derzeitige Evaluationismus im deutschen Bildungswesen zusammenfassen. Schulen werden zwar evaluiert oder müssen es gar selbst tun, aber Hilfsangebote gibt es dann keine. Tolles System. Aber schön, wenn wir uns alle mal evaluiert haben.

    • bikooo
    • 09.04.2008 um 18:00 Uhr

    So lernte ich schulradar.de kennen:
    Nachdem ich im Radio (WDR) einen unkritischen Bericht zur Eröffnung von schulradar gehört hatte, loggte ich mich ein und bewertete mit der Absicht, den Bewertungsvorgang kennen zu lernen, als erster meine Schule - zugegeben: Ich bin Lehrer und kein Elternteil.
    Meine Bewertung wurde unmittelbar auf der Seite veröffentlicht. Anders als bei spickmich.de gibt es hier offensichtlich keine Mindestzahl von Bewertungen, ehe sie im Netz veröffentlicht werden.
    Zu meiner Überraschung wurde außerdem angezeigt, dass diese Bewertung auf der Basis von 8 Elternbeurteilungen beruhe (die in der gleichen Minute mit exakt den gleichen Bewertungen gestimmt haben müssten).
    Um dem auf den Grund zugehen meldete ich mich erneut mit einer anderen Emailadresse an und bewertete erneut. Diemal waren es schon 14 Eltern, die dieses Urteil angeblich teilten. Nach zwei weiteren Tests hatten angeblich 30 Eltern meine Schule bewertet und immer genau mit meinen Urteilen.
    Diese Erfahrung sagt eigentlich alles über die Seriösität dieser Seiten und ihrer "fundierten" Aussagen.
    H.S.

  2. 3. @ 2.

    muss man noch mehr dazu sagen? NEIN
     

  3. Alle, die den Lehrerberuf ergreifen, möchten sich für ihre Schüler engagieren. So ging es mir auch. Als ich mich auf das zweite Staatsexamen vorbereitete, konfrontierte ich mich (endlich! Geborener Verdränger!) mit dem Gesetzestext und begriff, dass ich in erster Linie den Interessen des Staates und seines Organs, der Schule verpflichtet sein würde.Im Konfliktfall mit der Schule dürfe ich also gar nicht Anwalt des Schülers sein, allenfalls Fürsprecher. Aber ich hätte das Interesse der Schule gegen den Schüler zu vertreten. (So verstand ich es vor 32 Jahren. Vielleicht ist es heute anders.)Von daher ist der Handlungsspielraum der Lehrerin, des Lehrers schon stark eingeengt. Dann muss er sich mit den Widerständen auseinandersetzen, die ihm die weniger motivierten Schüler entgegenbringen. Ein gesondertes Interesse, das mit dem der Schüler nicht immer übereinstimmt, haben die Eltern.Der Lehrer findet sich also in einem Gezerre der Kräfte wieder.Ich bewundere die Kollegen und Kolleginnen, die da immer noch ihre Motivation, sogar ihren Idealismus bewahren können.Ich gab wenig später auf; nach insgesamt sieben Jahren Praxis siegte die Erkenntnis, dass ich in diesem Mahlstrom zerschlissen werde, und ich sattelte um.

    • TimmyS
    • 10.04.2008 um 10:10 Uhr

    TiSe Ich frage mich welche Lehrer sich wirklich aufregen. Sind es nur die, die schlechte abschneiden oder wirklich alle Lehrer. Na klar muss schulradar.de noch ausgereift werden und auch spickmich.de ist nicht ohne Fehler und ich hab auch Ideen, wie man es besser machen kann. Doch was hat man erwartet? Das großes Internet wurde als die neue Informationsquelle hochgelobt. Lehrer begannen voraus zu setzen, dass Kinder einen Computer und das Internet zu Hause haben. Unterrichtsfächer werden mit dem Internet gestützt. Tatsache ist, es wurde zum Bestandteil unseres täglichen Lebens. Man regt sich aber über Seiten auf, die mehr der Defizit-Erkennung dienen sollten, anstatt sie  zu torpedieren. Dazu kommt noch, dass diese Seiten keine wirklichen Konsequenzen für den Lehrer haben. Die Noten, die ein Schüler bekommt, können schon entscheidend sein. Die soziale Kompetenz spielt auch eine wichtige Rolle, doch leider wird diese nicht bei den Lehrern untersucht. Man sollte diese Internet-Seiten eher als Druckventil ansehen, und sich einfach mal anschauen, was sich dort tut und warum es vielleicht so ist. Dazu kommt, dass ein guter Lehrer seine Schüler kennt und weiß, was er von ihnen zu erwarten hat, und so einschätzen kann, ob bestimmte Bewertungen nur ein Fake sind. Natürlich ist der Evaluationswahnsinn unangenehm, doch er hat auch seinen Sinn, und zwar die Erkennung von Defiziten. Das Einzige, wo man vorsichtig sein muss, Evaluationen dürfen nicht als Bewertungseinheit für die Gehaltsgestaltung, die Einstellung eines neuen Beschäftigten oder zur Entscheidung welche Beschäftigten tragbar sind etc. genutzt werden, weil da das Manipulationsrisiko für solche Entscheidungen zu hoch ist. Werte Lehrer lasst euch doch einfach mal evaluieren, indem ihr die Evaluation gestalten und wirklich nur euren Schülern gebt. Bitte, lasst die Schüler anonym evaluieren. 

  4. Gute Pädagogen regen sich nicht über schlechte Bewertungen auf,  sondern stellen sich vor ihre Schüler hin und fragen, was diesen mißfällt. So kommt es zu einem Dialog, in dem Mißverständnisse ausgeräumt werden können.Wer sich beschwert oder gar gerichtlich klagt, gehört aus dem Schuldienst entfernt, denn  so disqualifiziert man sich selbst.

  5. Schule ist eine öffentliche Einrichtung die auch öffentlich diskutiert wird, "neuerdings" auch im Internet.
    Wer Internetdiskussionen verfolgt stellt fest, das dabei Meinungen geäußert werden, die so wohl nur im Schutz vermeintlicher Anonymität vertreten werden, also häufig sehr emotional und wenig rational. Warum soll das ausgerechnet beim Thema Schule anders sein?.
    Laut PISA verlassen knapp ein Viertel der Schüler als strukturelle Analphabeten die Schule. Eine Erfolgsbilanz sieht unbestreitbar anders aus. Als Folge davon werden seitdem u. a. Lehrstandserhebungen durchgeführt. Interessanter Weise werden aber diese validen Ergebnisse zumindest hier in NRW nicht so veröffentlicht, daß daraus auf eine bestimmte Schule geschlossen werden könnte. Warum? Weil sich daraus u. U. Handlungszwang ergeben könnte?
    Hier bricht sich offensichtlich ein drängendes Bedürfnis Bahn, das bisher nicht befriedigt worden ist. Ist eine auf fundierten Kenntnissen beruhende Beurteilung einer Schule nicht möglich, schafft man sich Ersatz.
    .
    Statt zu jammern sollte die Schule, genauer die Lehrerschaft, lieber die Flucht nach vorne antreten. Als Lehrer wird einem nicht verborgen geblieben sein, daß einige "Kollegen" problematisch sind. So wie es Schulversager auf Schülerseite gibt, gibt es sie auch auf Lehrerseite, wie im Übrigen in jedem anderen Beruf auch. Während man woanders versucht die Situation zu verbessern, sei es durch Fortbildung, Versetzung oder Kündigung, werden im Schulwesen die resultierenden Probleme ignoriert, bestritten oder die Verantwortungt abgewälzt, wahlweise auf verantwortungslose Eltern oder eine verantwortunglose, ideologisierte Ministerialbürokratie.
    Ich bin nicht so naiv bestreiten zu wollen, das von diesen Seiten einem Lehrer eher wenig Unterstützung droht. Sich aber allein darauf zu kaprizieren ist ebenfalls verantwortungslos. Letzteres scheint mir die Haltung der GEW zu sein, die sich damit zur Vertretung der Schulversager auf Lehrerseite macht.
    .
    Mir als Vater eines schulpflichtigen Kindes fehlt der handlungswillige Ansprechpartner. Natürlich gibt es und kenne ich engagierte Lehrer und natürlich gibt es in der Ministerialbürokratie unideologische Beamte und, man höre und staune, eine Menge Eltern für die der Lehrer nicht der Kinderfeind ist, sonst würden sich auch nicht so viele Eltern in ihre Freizeit in und für die Schule engagieren, wenn man sie denn läßt.Aber wer ist der Vertreter und das Sprachrohr der engagierten Lehrer?

  6.  
    Dass die meisten Lehrer – auch nach ihrem Eindruck im Bericht – gut bewertet werden, spricht nur scheinbar für diese Foren. Sie vermitteln den Eindruck eines Machtinstruments, das sie nicht sind. Sie vermitteln den Eindruck, sie würden irgendetwas an Schule verbessern, was sie nicht tun. Und sie vermitteln den Eindruck, der Lehrer und sein Unterricht würde dadurch verändert, was überhaupt nicht der Fall ist.
     
    Und Schülerinnen und Schüler haben schon immer unter sich über Lehrer hergezogen. Denn dass Schülerinnen und Schüler andere Interessen (wortwörtlich) haben als ihre Lehrer und auch die Eltern liegt in der Natur der Jugend. Da tragen Foren eine besondere Verantwortung, wenn sie etwas veröffentlichen. Leider sind sie sich häufig dieser Verantwortung nicht ganz bewusst oder wollen gar eigene Schulschädigungen aufarbeiten.
     
    Dass Lehrer mächtig sind, macht vielen gerade heute große Angst, denn Macht ist häufig nur noch strukturell bedingt und nicht mehr an Personen gekoppelt. Aber viele Lehrer sind mündig genug, um dies wissen und keine ausführenden Trottel des Staates. Manchmal sind sie sogar der einzige Anwalt des Kindes.
    Auch wenn Lehrer mit Eltern kooperieren sollen, ist es gut, wenn Lehrer relativ unabhängig von Eltern sind – auch wenn diese zum „schulradar“ greifen. Zu unterstellen, dass Eltern im Kampf gegen andere Eltern, manche im Kampf für ihr Kind, wieder andere im Kampf zur Durchsetzung ihres eigenen Egoismus bessere Kontrolleure von Lehrern sind, wage ich sehr zu bezweifeln.
     
    Und nun noch an „den Vater“ (@ Kommentar 7): wenn selbst die Rütli-Schule nie geschlossen wurde, ist ihre Behauptung falsch, dass durch die Veröffentlichung von Ergebnissen auch nur eine Schule dicht machen würde. Was würde tatsächlich passieren? Jeder vernünftige Mensch, der diese Information erhält, würde sein Kind nicht auf die schlechteste Schule in seiner Region schicken. Aber würde diese dadurch besser?

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