Vergessene Autoren Die Alpen an der Wäscheleine

Kauzig und sperrig waren die Werke des Schweizers Ludwig Hohl. Ihm war bloß eines wichtig: das Schöpferische!

Der Schweizer Ludwig Hohl schrieb regelmäßig seine Träume auf. Dies ist der schönste: Der Schriftsteller liest eine verworfene Jugendschrift, als wäre sie das Werk eines anderen. „Die Herrlichkeiten darin – nur Berge (die frühesten meiner Kindheit), lebendiges Glühen der Liebe, und Kunst – waren unsäglich!“, notiert er begeistert.

In der Realität hat es dem 1980 verstorbenen Autor an solchem Zuspruch bitter gemangelt. Das Bekannteste, das heute von ihm geblieben ist, sind einige Bilder, die ihn in einer Genfer Kellerwohnung in ärmlichen Verhältnissen zeigen. Hinter ihm mehrere Bahnen Wäscheleine, an denen seine Arbeit wie zum Trocknen aufgehängt ist: Blätter in verschiedenen Formaten, eine Notiz, eine Formulierung, die Skizze einer Idee, ein mehrseitiger Text.

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An der Leine arbeitete Hohl an seinen Texten, tauschte aus, fügte etwas hinzu, entfernte etwas anderes. Der Großteil seines Werks war bereits Ende der dreißiger Jahre fertig. Da war Hohl noch keine vierzig. Veröffentlicht hatte er bis dahin nur in Zeitungen und Zeitschriften, und die fortwährenden Zurückweisungen der Verleger trafen ihn hart.

Die Grundlage seines schriftstellerischen Schaffens bildeten die Epischen Grundschriften , dreißig Notizhefte, die zwischen 1926 und 1937 in Paris, in Savoyen, in Österreich und Holland entstanden. Diese Hefte enthalten sehr unterschiedliche Aufzeichnungen, unter anderem Bausteine von Hohls einzigen Roman, Mitternachtsgesellschaft , den er nie fertig stellte. Zwischen 1934 und 1936 entstand in Holland sein Hauptwerk Die Notizen , die nach philosophischen Fragestellungen strukturiert sind.

Hohl orientierte sich an Georg Christoph Lichtenbergs Sudelbüchern . Manche seiner Aufzeichnungen, in denen Hohls Überlegungen einen großspurigen oder chauvinistischen Ton annehmen, wären wohl besser auf der Wäscheleine geblieben. Bei einem Thema jedoch wird seine Brillanz deutlich: Hohl spricht mit großer Klarheit von der schöpferischen Arbeit, ergründet den Zusammenhang zwischen künstlerischer Arbeit und Depression, indem er genaue, plastische Bilder findet und so echte Erkenntnis vermittelt.

Dass Hohl nicht nur Schriftsteller war, sondern auch ein erfahrener Alpinist, kam seiner Auseinandersetzung mit der Schriftstellerei zugute. Das „Steigen im Gebirge“, das heißt: die Technik des Steigens, bedeute ihm nichts anderes als das geistige Denken, schreibt er in den Notizen . Hohl, der Zeit seines Lebens keinen Brotberuf ausübte, ließ als Arbeit nur das gelten, was jenseits des „Handwerks“ und der Routine stand: das Schöpferische! „Das wahre Arbeiten wäre wie die Melodie einer Orgel, wenn die Melodie einer Orgel mehr Orgeln und immer größere Orgeln erschüfe", schreibt er.

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