Berlin-BiennaleWir singen, um uns zu beschweren

Das deutsch-finnische Künstlerpaar Tellervo Kalleinen und Oliver Kochta-Kalleinen verwandelt gesellschaftlichen Frust in Musik - von Helsinki bis Berlin von Iris Rodriguez

Die Deutschen halten sich für die Weltmeister im Meckern. Dass auch andere Nationen in dieser Kunst ganz groß sind, beweist das finnisch-deutsche Künstlerpaar Tellervo Kalleinen und Oliver Kochta-Kalleinen . Sie gründen überall auf der Welt complaints choirs ("Beschwerdechöre"). Wer möchte, kann hier seinen Ärger und Frust einfach heraus singen. Eine ziemlich ungewöhnliche Idee, fanden die Kuratoren der 5. Berlin Biennale und luden die Künstler ein.

Der kleine Saal in der Galerie Kunstwerke ist überfüllt. Mit so viel Andrang hat keiner gerechnet. Es gibt offensichtlich viel Grund zur Beschwerde. Auf jedem Sitz liegen ein Post-it-Block und ein Stift. In drei Minuten – so erklären die Kalleinens - soll jeder so viele Beschwerden aufschreiben, wie ihm einfallen. Die Zettel werden an eine Pinnwand geheftet. Innerhalb von nur einer Stunde will die Komponistin Miss Le Bomb noch am selben Abend aus diesem Beschwerdezettelwust eine Melodie komponieren, die jeder mitsingen kann.

Anzeige

Mitsingen? Daran denkt zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Während die Besucher bei Rote-Bete-Suppe, Wein und Zigaretten am Flurfenster rätseln, wie es wohl weitergehen wird, sitzt Miss Le Bomb in einem Raum im Hinterhof und sucht nach den richtigen Klängen.
Einen derart spontanen Beschwerdechor zu organisieren, ist auch für die Künstler ein Experiment: normalerweise haben sowohl Komponisten als auch Laiensänger drei Wochen Vorbereitungszeit.

Die Erfinderin der "Beschwerdechöre", Tellervo Kalleinen, in den Berliner Kunstwerken

Die Erfinderin der "Beschwerdechöre", Tellervo Kalleinen, in den Berliner Kunstwerken

Doch schon vor Ablauf der Stunde ist Miss Le Bomb zurück. Unter ihrer Leitung klagt der zusammengewürfelte und immer noch ziemlich überraschte Berliner Beschwerdechor kurze Zeit später einträchtig über zu viele Möchtegernkünstler, rüde Autofahrer, leere Handy-Akkus und geschlossene Geschäfte am Sonntag. Am Ende singen alle lauthals mit und die ursprünglich durchaus ernst gemeinten Beschwerden klingen plötzlich gar nicht mehr so schwer.

Genau diese Wirkung wollen die in Helsinki lebenden Künstler mit ihrem Projekt erreichen. "Menschen verbringen sehr viel Zeit damit, sich zu beschweren," finden Tellervo Kalleinen und Oliver Kochta-Kalleinen. "Wir wollten diese negative Energie in etwas Großes, Kollektives, etwas Lustiges und Kraftvolles umwandeln."

Leserkommentare
  1. Kollektive Beschwerdeenergie in Chorgesang umzuleiten ist schon eine geniale Idee. Warum nicht zum regelmässigen Ritual machen? Treffen, jammern, klingen lassen. Verbindet und macht beschwingt.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Biennale | Komponist | Kunstwerk | Künstler | Video | Berlin
Service