Berlin-Biennale Wir singen, um uns zu beschwerenSeite 2/2
Bei sich selbst hatten die beiden Künstler den Hang zum Meckern entdeckt: Nachdem sie bei einem Spaziergang durch Helsinki wieder einmal über das schlechte Wetter klagten, schlugen sie in einem Wörterbuch nach und fanden den Ausdruck Valituskuoro – "Beschwerdechor". Sie nahmen ihn beim Wort und fragten sich: Warum die Menschen nicht einfach ihre Beschwerden singen lassen? Die Idee der complaints choirs war geboren, ein Konzept, das überall auf der Welt spontan verstanden wird.
Der erste Beschwerdechor der Geschichte entstand im November 2006 in Birmingham . Das Video dazu schaffte es bis auf die Startseite von YouTube . Seitdem reisen die Künstler mit ihren complaints choirs um die Welt. Beschweren auf hohem Niveau ist kunstfähig geworden.
Die Kalleinens, die bereits zahlreiche Projekte im Bereich Social Arts auf die Beine gestellt haben, sind nach zwei Jahren zu Beschwerdeexperten geworden und wissen, worüber man in Jerusalem, Helsinki oder St. Petersburg klagt. Es seien vor allem die kleine Dinge aus dem Alltag, die nerven. Eine Frau aus Hamburg-Wilhelmsburg bedauert, dass ihre Lieblingsunterhosen ausverkauft sind, ein Finne findet seine Träume zu langweilig, einem Russen war die Kellnerin beim Abendessen zu unfreundlich.
"Sich zu beschweren ist ein universeller Wunsch, nur die Ausprägung ist von Land zu Land unterschiedlich", erklärt Tellervo. Ihr aus Deutschland stammender Mann fügt hinzu: "Die Songs spiegeln wider, wie die Menschen vor Ort ihre Welt wahrnehmen – das ist natürlich überall anders und darum so interessant".
In Chicago, so haben die beiden beobachtet, wurde in den über tausend Beschwerden vor allem über den Straßenverkehr geschimpft, in St. Petersburg beklagte man sich nicht etwa über politische Missstände, sondern über Liebe und Gefühle. In Singapur, einem vergleichsweise reglementierten Staat, beschwert man sich über die Mitmenschen, die auf der falschen Seite der Rolltreppe fahren und in Ecken pinkeln – und fordert damit indirekt noch mehr Regulierung. Und die Berliner? Die beschweren sich am liebsten über Berlin.
- Datum 09.05.2008 - 13:12 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 16.04.2008
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Kollektive Beschwerdeenergie in Chorgesang umzuleiten ist schon eine geniale Idee. Warum nicht zum regelmässigen Ritual machen? Treffen, jammern, klingen lassen. Verbindet und macht beschwingt.
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