Gesundheitsreform Kippt der Gesundheitsfonds?

CSU und SPD machen in Bayern gemeinsam mobil gegen das neue Krankenkassen- Beitragssystem. Nicht nur deswegen ist unsicher, ob der Fonds 2009 tatsächlich startet

In den vergangenen Monaten war es relativ ruhig geworden um die Gesundheitsreform und vor allem deren Herzstück, den neuen Gesundheitsfonds. Doch seit einigen Tagen verschärft vor allem die CSU ihren Widerstand gegen dieses zentrale Vorhaben der Großen Koalition. Parteichef Erwin Huber, selber in Nöten, warf Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) am Donnerstag vor, sie habe „Organisation und Realisierung der Gesundheitsreform nicht im Griff“. Die CSU argwöhnt, dass Schmidt sich nicht an Abmachungen halten will, wonach die bayerischen Versicherten und Ärzte durch den Fonds nicht übermäßig belastet werden dürfen. Die Drohung aus München: Wenn die Ministerin weiter zu tricksen versuche, werde die CSU ihr Veto gegen die Einführung zum 1. Januar 2009 einlegen.

In ihrem Feldzug für Bayerns Mediziner und Patienten hat die CSU neuerdings  ungewohnte Mitstreiter. Denn auch der bayerische SPD-Chef Franz Maget will den Fonds „verschieben oder stoppen“, weil er nach seiner Ansicht schlicht und einfach nichts bringt.

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Nun sind Franz Maget und die kleine Schar bayerischer Sozialdemokraten niemand, vor dem die Koalition in Berlin zittern würde. Trotzdem zeigen die Wortmeldung aus München und die Schlagzeilen, die sie verursachten, wie groß die Nervosität der Regierungsparteien in Sachen Gesundheitsfonds mittlerweile ist.

Denn obwohl die Koalition seine Einführung bereits vor anderthalb Jahren beschlossen hat, alle zugehörigen Gesetze verabschiedet sind und die Vorbereitungen auf Hochtouren laufen, ist es noch immer wesentlich leichter, auf einen Gegner des Fonds zu treffen als auf einen Befürworter: Die Arbeitgeber, die Gewerkschaften, die Krankenkassen und fast alle Gesundheitsexperten sind gegen das neue Modell der Beitragserhebung.

Allen Beteuerungen zum Trotz ist deshalb nach wie vor unsicher, ob der Fonds tatsächlich pünktlich startet, und ob er überhaupt kommt. Das liegt jedoch nur zu einem kleinen Teil daran, dass die CSU aus relativ durchsichtigen Motiven dagegen Sturm läuft. Selbst in den Koalitionsparteien tun viele Abgeordnete mittlerweile so, als seien sie bei der Verabschiedung des Gesetzes nicht dabei gewesen. Nur Gesundheitsministerin Schmidt betont unermüdlich, der Gesundheitsfonds werde wie beschlossen kommen.

Der Fonds soll eigentlich das entscheidende Element jener Gesundheitsreform werden, auf die sich die Große Koalition im Herbst 2006 nach zähen Verhandlungen verständigt hatte. Die Idee, die ihm zu Grunde liegt, ist folgende: Alle Versicherten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zahlen künftig wie bei der Renten- und  Arbeitslosenversicherung den gleichen Beitragssatz; bisher schwankt er je nach Krankenkasse zwischen 12,2 und 16,7 Prozent. Die Kassen erheben den Beitrag wie bisher und führen ihn an den zentralen Fonds ab. Von dort erhalten sie dann nach einem komplizierten Schlüssel ihre Einnahmen.

Der Bund übernimmt gleichzeitig die Kosten für die Mitversicherung von Kindern, die bisher die Versicherten tragen. Dafür zahlt er zunächst 4 Milliarden Euro in den Fonds ein, bis zum Jahr 2015 soll der Zuschuss aus der Staatskasse auf 14 Milliarden Euro steigen.

Der einheitliche Beitragssatz soll zu mehr Transparenz und zu mehr Wettbewerb zwischen den Kassen führen. Krankenkassen, die gut wirtschaften, dürfen ihren Mitgliedern Prämien erstatten. Wer schlecht wirtschaftet, darf einen Zusatzbeitrag von maximal einem Prozentpunkt erheben, den allein der Versicherte trägt – der dann allerdings auch die Kasse wechseln kann.

Für die Verteilung der Beitragseinnahmen zwischen den etwa 220 Krankenkassen sorgt das Bundesversicherungsamt. Weil die Kassen jedoch unterschiedlich viele kostenintensive Ältere und chronisch Kranke beziehungsweise Junge und Gesunde unter ihren Mitgliedern haben, wird der bereits existierende Risikostrukturausgleich ausgeweitet; sein Volumen könnte sich auf bis zu 30 Milliarden Euro verdoppeln. Auch ein neues Vergütungssystem für Ärzte, von dem vor allem die Hausärzte und die ärmeren Regionen in Deutschland profitieren würden, soll eingeführt werden.

Was die Diskussion so schwierig macht, ist, dass sich in dieser hochkomplexen, aber wichtigen Frage die unterschiedlichsten ökonomischen, politischen und regionalen Interessen zu einem kaum noch entwirrbaren Knäuel vermengen.

Da ist erstens der Gesundheitsfonds selbst, an dem immer mehr Experten Zweifel äußern, weil er sich zu einem teuren Monster mit neuer Bürokratie entwickelt. Im Grunde haben sich Union und SPD auf das Fondsmodell nur verständigt, weil es zu ihren ganz unterschiedlichen Vorstellungen passt: Die SPD will weiter eine Bürgerversicherung, die alle Einkommensarten umfasst. Die CDU war mit dem Ruf nach einer Kopfpauschale in den letzten Wahlkampf gezogen. Beide konnten ihr Ziel nicht durchsetzen, aber beide gehen davon aus, dass sie ihr Modell nach einem Regierungswechsel auf den Fonds aufbauen können.

Zweitens werden durch den Fonds zweistellige Milliardenbeträge im Gesundheitssystem umverteilt, da gibt es zwangsläufig Gewinner und Verlierer: bei den Krankenkassen, den Ärzten und in den einzelnen Ländern und Regionen. Die CSU will den Fonds vor allem deshalb kippen, weil Bayern zu den Verlierern gehören könnte. Dort wie im ebenfalls reichen Baden-Württemberg, das auch schon vorsorglich protestiert, nehmen die Kassen trotz niedrigerer Beiträge viel ein, und sie bezahlen ihre Ärzte besser. Bis zu 30 Prozent weniger Einnahmen befürchten zum Beispiel die bayerischen Hausärzte für den Fall, dass das neue Vergütungssystem umgesetzt wird.

Das führt drittens zu den praktischen Schwierigkeiten bei der Umsetzung. Denn der damalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber hatte eine sogenannte  Konvergenzklausel durchgesetzt. Danach dürfen im Rahmen des Finanzausgleichs aus den reichen Ländern zunächst höchstens 100 Millionen Euro im Jahr in die Kassen der ärmeren Länder abfließen. Experten haben aber mittlerweile festgestellt, dass die Klausel, so wie sie im Gesetz steht und wie sie Stoiber selber formuliert hatte, nicht funktioniert, ohne den gesamten Fonds in Schieflage zu bringen. Also muss gegebenenfalls nachverhandelt werden, und das eröffnet der CSU die willkommene Gelegenheit, den Gesundheitsfonds vielleicht doch noch ganz zu kippen. 

Auch die Idee der Zusatzbeiträge und Prämienvergütung lässt sich nach Einschätzung von Fachleuten nicht praktikabel umsetzen, weil dies vermutlich zu einem permanenten Kassenwechsel der Versicherten führen wird.

Heftigen Streit und viele ungeklärte Fragen gibt es zudem bei dem neuen Risikostrukturausgleich. Der Transfer zwischen den Kassen soll sich künftig stärker am Gesundheits- bzw. Krankheitszustand der Versicherten orientieren. Von der Frage, welche Krankheiten in die dafür entscheidende Liste aufgenommen werden und wie hoch jeweils die Zu- und Abschläge sind, hängt ab, welche Kassen davon profitieren. Unter den Beteiligten wird darum mit harten Bandagen gekämpft. Ein hochrangig besetzter wissenschaftlicher Beirat hat Ende März bereits entnervt aufgegeben.

Für die CSU, aber nicht nur für sie, hat der Widerstand gegen den Gesundheitsfonds viertens auch ganz banale machtstrategische Gründe. Denn Ende September wird in Bayern ein neuer Landtag gewählt, da geht es darum, die einmalige Vormachtstellung zu verteidigen. Die Proteste der Hausärzte haben der CSU schon den Kommunalwahlkampf verhagelt, das soll sich im Herbst nicht wiederholen. Außerdem kann sich das zuletzt so glücklose CSU-Führungsduo aus Ministerpräsident Günther Beckstein und Parteichef Huber im Kampf gegen den Gesundheitsfonds wunderbar als bayerische Interessenvertretung gegen Berlin profilieren.

Zudem tobt auch in Berlin bereits der Bundestagswahlkampf, und auch dies ist fünftens ein Grund dafür, warum sich auch im Bundestag doch noch eine Mehrheit finden könnte, die die Einführung des Gesundheitsfonds stoppt.

Nach dem bisherigen Fahrplan muss die Bundesregierung den einheitlichen Beitragssatz am 1. November festlegen. Alle Prognosen gehen davon aus, dass er über 15 Prozent liegen wird. Das würde bedeuten, dass bis zu Zweidrittel aller gesetzlich Versicherten ab 2009 höhere Beiträge zahlen müssten. Das macht bei den Wählern gleich zu Beginn des Wahljahrs schlechte Stimmung, und wenn sich anschließend erwartungsgemäß auch noch die eine oder andere Panne offenbart, wenn Ärzte auf die Straße gehen oder Krankenkassen Insolvenz anmelden müssen, weil sie nicht rechtzeitig ihre Altschulden getilgt haben, dann könnte das die Bundestagswahl verhageln.

Schon ducken sich viele Politiker in Berlin weg. Wenn es um den Gesundheitsfonds geht, keiner will es gewesen sein, und im Wahlkampf werden SPD und Union wohl wieder ihre alten Konzepte preisen. Sicherheitshalber hat SPD-Chef Kurt Beck bereits darauf verwiesen, dass der ganze Gesundheitsfonds die Idee von Kanzlerin Merkel gewesen sei. Es kann nie schaden, frühzeitig Schuldzuweisungen zu verteilen.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Hoppla

    Zu Beginn ihrer Kanzlerschaft hat Frau Merkel die Gesundheitsreform zur Chefsache gemacht und wollte sich am Ende daran messen lassen. Schon vergessen Herr Seils?

  2. bekommen viel Geld für ihre Untersuchungen und Beurteilungen. Ehrlich gesagt, diese Ergebnisse über den Gesundheitsfond hätte meine Oma am Frühstückstisch zwischen zwei Brötchen heraus gefunden.
    Alle Kassen den gleichen Beitrag, für zweidrittel der Beitragszahler ist dies eine Erhöhung. Was diese Regierungen der letzten zwanzig Jahre hier in Deutschland alles verbockt haben, da kann ich ja gleich die Kommunisten wählen - Herr Honnecker würde sich totlachen, wenn er nicht schon gestorben wäre. Unsere PISA-Politiker sollten alle wegen staatsschädigendem Verhalten angeklagt werden. 

  3. ... das ganze bringt wieder nur Entlastung für die Unternehmen! Die Beiträge für die Kinder werden jetzt vom Staat bezahlt, also nicht direkt von den Versicherten, dafür zahlt jetzt der Steuerzahler (das sind dummerweise aber auch wir, also wir bezahlen immer noch, vermutlich sogar mehr als vorher). Dafür wird der Beitragssatz gesenkt und die Arbeitgeber sparen daher bei Ihrem Arbeitgeber-Anteil jedes Jahr etliche Milliarden.Die Mehrkosten für z.B. Verwaltung zahlt der Steuerzahler (also wir). Unter dem Strich ändert sich für uns nichts ausser die höhere Kostenbelastung, die Unternehmen sparen wieder einmal jährlich einige Milliarden auf unsere Kosten ein.(gekürzt. Bitte unterlassen Sie Pauschalisierungen dieser Art. Die Redaktion/jk)...

  4. Vorschlag zur Einsparung: Einheitlichen Beitragssatz auf 12,2 % festlegen.Die Kassen, die zu diesem Satz nicht arbeiten können, gehen pleite, und die wirtschaftlichen bleiben übrig.Wenn der Kassenwechsel unbürokratisch online möglich ist, ist ein häufiger Kassenwechsel auch kein Problem, die Verwaltung kann ja bei den Kassen auch automatisch computergestützt ablaufen.Weitere Vorschläge zur Kosteneinsparung: Selbstdiagnose per Internet (Einsparung von Wartezeiten in der Arztpraxis, Einsparung von Ärztehonoraren, und im Zweifelsfall nimmt sich der Patient für die Diagnose mehr Zeit als der Arzt ;-), Medikamente gegen  verbreitete Erkrankungen per Supermarkt bzw. Internet vertreiben. Und im Zweifelsfall kann das Diagnoseprogramm sicherheitshalber doch den klassischen Arztbesuch empfehlen.

  5. ... 14 Milliarden werden wir armein Schweine mehr bezahlen, egal ob über Steuer oder Versicherungsbeitrag.

  6. Die Bezeichnung Reform sollte einfach Umverteilung heissen. Alle Umverteilungen der letzten Jahre nannte die Politik Reform. Es ist Wahnsinn was die Politik an Arbeit für das Land leistet. Ich kann mich nicht mehr erinnern ein positvies Ergebniss der deutschen Politik für die Gemeinschaft gehört, gelesen oder sogar selbst erlebt zu haben. Es gibt nichts was diese Regierung oder vergangene Regierungen der letzten 10 Jahre als positiven Arbeitsnachweis für ihre Bezahlung vorweisen könnten. Ich meine Gerechtigkeit und Erfolge für alle Mitglieder nicht nur für die, die an der Spitze dieses Staates stehen. Ich selbst bin in der beschissenen Lage mir meine Zähne nicht richten zu können, weil ich das Geld für die Hanse-Merkur Versicherung als Beitrag nachzahlen muss. Dazu hat mich deren Rechtsanwalt durch Kontopfändung gezwungen. Eien Versicherung in die ich als Privatversicherer eingestiegen bin und als ich noch Umsätze machte bezahlt konnte, pflichtbewusst wie ich war.  Ich habe keinen Cent dieser Versicherung jemals in Anspruch genommen, nach Zahlungschwierigkeiten hat die Versicherung mir gekündigt und ich muß Beiträge für 4 Monate nachzahlen zusätzlich fast den selben Vertag an die Rechtsanwälte. Daher kann ich mir jetzt keinen Zahnersatz mehr leisten. Ich bezahle die Versicherungsgesellschaft und bezahle deren Advocate die natürlich auch prächtig an den Schwierigkeiten Anderer mitverdienen. Die Richter, die Anwälte und auch die meisten Menschen mit denen ich gesprochen habe, sagen das ist der Preis für die Solidarität dieses Krankensystems. Solidarität in derem System durch meine Beiträge an die Versicherungen mir keine Behandlung leisten kann? Nein diese Solidarität ist vorgeschoben, ein Argument das so überhaupt nicht stimmt. Was macht dieses System den so teuer? Es ist die Verwaltung durch die Versicherungsunternehmen, die mit Abstand am teuersten Medikamenten zur Behandlung der Kranken weltweit. Die überteuerte Gerätemedizin und die konsequente Ablehnung alternativer Handlungsmethoden durch die etablierten Profiteure dieses Systems, alles mit Absegnung der Politik. Beteiligung an den Kosten? Wie wäre es wenn diejenigen die die größten Kosten, die Autoindustrie, in dieser Gesellschaft sich solidarisch mit der Hälfte ihrer Gewinne beteiligt, es wird natürlich nicht reichen wenn die 100 Tausende Verletzte und Tausende lebenslänglich Geschädigten pro Jahr beste Behandlungen erhalten sollten. Aber genau ihre Produkte machen sie reich aber die Gemeinschaft kommt für ihreVerletzten und Verkrüppelten Menschen auf, geschweige von den menschlichen Tragödien die dahinter stecken.
    Nein dieses System ist von Beitragszahlern wie es Heute praktiziert wird nicht zu Schultern.

  7. Die GKV sollte gleich vollständig aus allgemeinem Steueraufkommen finanziert werden. Die Belastung der Arbeitskosten durch den Arbeitgeberanteil des Krankenversicherungsbeitrages würde entfallen, Arbeit wieder etwas preisgünstiger, was in der Tendenz eine beschäftigungserhöhende Wirkung hat.
    Das gleiche Prinzip angewendet auf Rentenversicherung und Pflegeversicherung, und die Beschäftigungswirkung ist noch etwas größer.
     
    Dieses wird wie folgt finanziert:
    1. Beschäftigungseffekt: Durch die oben dargestellte Kostenreduktion gibt es mehr Beschäftigung, d. h. mehr Steuerzahler und weniger Transferempfänger.
    2. Moderate Erhöhung von Einkommen- und Umsatzsteuer.
    3. Verringerung der Schattenwirtschaft (wird tendentiell unattraktiver) durch die Verringerung des Abstands von Brutto- und Nettolohn. Flankiert durch verbesserte Kontrollen (mehr Steuerprüfer und Steuerfahnder) wird Hinterziehung noch unattraktiver, das Steueraufkommen wird tendentiell größer.
    Das ist das Grundgerüst einer besseren Finanzierung der Sozialversicherung, in der der Ehrliche deutlich weniger der Dumme wäre, als er es jetzt ist.
     
     

  8. nur Jenen, die eines der begehrten, "warmen Plätzchen" ergattern werden, die von unseren, an den Schalthebeln der Macht sitzenden "Volksvertretern", so gerne vermeintlich verdienten Parteifreunden zugeschanzt werden; Da werden vom hart erabeiteten Beitragsanteil der Versicherten, doch nur wieder einmal von der Politik weitere, ergibige Pfründe aufgetan, um gierige Schlünde abzufüttern die zu sonst nichts Sinnvollem zu gebrauchen gewesen wären. 

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