ZEIT online: Herr Diouf, kann die Erde die Menschen noch ernähren?

Jacques Diouf: Ja. Es kommt aber darauf an, wie wir uns verhalten. Wenn wir so weitermachen wie in den letzten 25 Jahren, schliddern wir in eine Katastrophe. Was wir heute am Markt für Nahrungsmittel sehen, ist da nur ein Vorbote.

ZEIT online: Was läuft denn falsch?

Diouf: Die Entwicklungshilfe für den Agrarbereich wurde von 1992 bis 2000 um die Hälfte gekürzt. Und das, während wir zugleich betonen, dass wir vorrangig die Armut in der Welt bekämpfen wollten! 70 Prozent der Armen leben in ländlichen Gebieten, und mit der Kürzung vernichten wir ihre Lebensgrundlage, aber die Weltbank hat seit Beginn der 1980er Jahre ihre Ausgaben für die Landwirtschaft drastisch vermindert. Erst seit Kurzem steuert sie wieder um. Oder nehmen wir die Europäische Union und ihren neunten Europäischen Fonds für afrikanische, karibische und pazifische Länder. Lediglich 6,5 Prozent der Ressourcen gingen in die Landwirtschaft, obwohl wir uns darüber im Klaren sind, dass 60 bis 80 Prozent der Menschen in diesen Ländern von ihr leben. Zusätzlich haben diese Länder darunter gelitten, dass ihre Märkte für Bananen, Zucker und Kaffee durch die Europäische Union nicht länger geschützt waren.

ZEIT online: Mehr Entwicklungshilfe also als Lösung für die Hungerprobleme in der Welt.

Diouf: Da gibt es eine ganze Reihe von Ansatzpunkten. Erstens haben wir nicht genügend Ressourcen auf die Entwicklung der landwirtschaftlichen Infrastruktur konzentriert, zum Beispiel für die Nutzung des Wassers. In den afrikanischen Ländern südlich der Sahara werden nur etwa vier Prozent des bebaubaren Landes bewässert, im Gegensatz zu 38 Prozent in Asien, und das nicht, weil nicht ausreichend Wasser vorhanden ist. Die Länder in Afrika südlich der Sahara nutzen nur drei Prozent ihrer erneuerbaren Wasserreserven im Gegensatz zu 14 Prozent in Asien. Das erste Problem ist also zu wenig Bewässerung in der Landwirtschaft. Wenn 98 Prozent des bebaubaren Landes von Regenfällen abhängt, die ja nicht steuerbar sind, ist es doch kein Wunder, wenn es zu Produktionsschwankungen kommt, die auch Hungersnöte zur Folge haben können!

Es gibt auch zu wenige Straßen. Wie kann man da erwarten, dass die Produktion ihren Weg zum Markt findet, oder die modernen Technologien zu den Bauern? Lagerung ist ein Problem. Viele Entwicklungsländer verlieren 40 bis 60 Prozent der Produktion, weil es an entsprechenden Kühlanlagen und Konservierungsmethoden mangelt. Das ist ein Investitionsmangel. Es fehlt aber auch an Saat, Düngemitteln, Tierfutter und Ähnlichem.

ZEIT online: Warum aber müssen Staaten und Entwicklungshelfer da ran? An einem funktionierenden Markt müssten sich doch auch private Investoren für viele dieser Dinge finden?

Diouf: Es ist realistisch, auf solche Investitionen zu hoffen, sobald die Bauern Geld dafür zur Verfügung haben, und dort, wo es bereits bestehende Infrastruktur gibt. In den Ländern, in denen Bauern Saat und Düngemittel nicht zur Verfügung steht, sind deren Preise wie beim Öl gestiegen. Und ich weiß nicht, wie diese Bauern es schaffen können, das umzusetzen, was ihnen vorschwebt. Es hängt also wieder davon ab, mit wem man es zu tun hat. Wenn Sie von entwickelten und aufstrebenden Ländern sprechen, die die Angebotselastizität besitzen, auf steigende Nachfrage und Preise zu reagieren, haben die Leute recht. Wenn Sie aber sehen, was in den armen Ländern geschieht, glaube ich nicht, dass private Investoren an die Stelle der Entwicklungshilfe treten können.

ZEIT online: Wenn wir also in den Markt nicht eingreifen, ihn nicht kontrollieren, kommt die Landwirtschaft in armen Ländern weiterhin nicht vom Fleck?

Diouf: Niemand wird bestreiten, dass es schlicht keinen ausgeglichenen und fairen Markt im internationalen Handel landwirtschaftlicher Waren gibt. Einige Länder subventionieren, andere unterstützen durch Zölle, wieder andere errichten technische Handelsbarrieren, und darum sind die Verhandlungen bei der WTO blockiert. Wenn es auf dem Markt gerechter zuginge, würde das für die armen Länder, die keinen Zugang zu den Märkten haben, vieles vereinfachen. Aber auch das reicht bei Weitem nicht aus. Selbst wenn Sie Bedingungen schaffen, die den Zugang zu den Märkten ermöglichen, so hängen die Bauern doch noch immer noch vom Regen ab. Sie haben noch immer keine Straßen und Lagerungsmöglichkeiten. Also sind Staaten gefordert.