Europa nimmt zwei derzeitige Weltkrisen nicht ernst genug. Die Finanzkrise wird beäugt, als spiele sich das alles ganz weit weg ab, sagen wir: irgendwo zwischen Appalachen und Rocky Mountains. Und die Nahrungskrise treibt die Menschen in aller Welt auf die Straße, derweil bei uns die großen Schlagzeilen den Themen Milbradt oder Mindestlöhne vorbehalten bleiben.

Den Tortilla-Aufstand in Mexiko vergangenes Jahr haben im fernen Europa allenfalls die Experten wahrgenommen. Die Nachrichten über Hungerrevolten in Tunesien oder Ägypten, immerhin zwei hierzulande höchst beliebte Reiseziele in Europas mediterranem Vorgarten, huschten vorüber wie ein Netzhautflimmern.

Es mangelt nicht nur an der nötigen Aufmerksamkeit, es mangelt auch an Hilfsbereitschaft. Vergangene Woche beklagte sich EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso über die „gefährlichen Tendenzen“ der europäischen Regierungen (wie stets sprach er allerdings diplomatisch von den Mitgliedsstaaten), ihre eigenen Verpflichtungen bei der Entwicklungshilfe zu vergessen. Versprochen war bis 2010 eine Erhöhung auf 0,56 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – verzeichnet wird ein Rückgang, minus 15 Prozent in Frankreich, minus 29 Prozent in Großbritannien (hatte dort nicht Tony Blair ein gigantisches Hilfsprogramm für Afrika ausgerufen?). In Deutschland immerhin gab es eine Steigerung der Hilfen um fast sechs, in Spanien gar von 33 Prozent. Einer großen deutschen Tagezeitung war das eine Meldung von gerade mal 24 Zeilen wert. Und da war die Hungerrevolte in Haiti längst ein Thema.

Es werden weltweit mehr Lebensmittel denn je produziert. Doch diese Steigerung kann die rapide wachsende Nachfrage aus den Schwellenländern, allen voran China, Indien, Brasilien, Mexiko, nicht länger stillen. Schon malt ein UN-Dokument das Schreckbild von 1,2 Milliarden Menschen an die Wand, die bis 2025 chronisch Hunger leiden könnten – doppelt so viel wie in ähnlichen Prognosen bislang angenommen.

Die Bekämpfung dieses Hungers wird sich von der bisherigen Politik unterscheiden müssen. Es geht hier nicht um Mitleid mit den Ärmsten der Armen, sondern um den Umgang mit Nationen und Regionen, die für ihren Erfolg in einer globalisierten Ökonomie zugleich einen hohen Preis entrichten. Welternährungspolitik wird damit zur Sicherheitspolitik: In Haiti stürzt eine Regierung, in Ägypten greift das Regime zu den Waffen, auf den Philippinen werden Reistransporte schwer bewaffnet eskortiert.

Und Europa? Hier will man die Zeichen nur unwillig zur Kenntnis nehmen, allenfalls mit Blick auf steigende Milchpreise und eine wachsende Inflation. Die Prognose ist nicht gewagt: Es kommt auch für Europa alles nur noch schlimmer. Der Internationale Währungsfonds legte jetzt eine Karte vor, sie zeigt weltweit die Auswirkungen der Agrarpreise auf die Handelsbilanz. Unter den EU-Staaten gibt es da durchweg nur Verlierer, mindestens um ein Prozent schmälerten die Agrarpreise die nationale Wirtschaftsbilanz, Ausnahmen sind Frankreich und die baltischen Staaten. Und unsere südlichen Nachbarn, von Marokko bis Ägypten, stehen noch viel heftiger unter Druck.