Digital Tschüss, Gutenberg
E-Book statt Wälzer: Das gedruckte Wissen geht ins Netz. Claudia Weissman beliefert Bibliotheken mit virtuellen Büchern. Ein Interview
Bücher werden zu Datenströmen, transportierbar auf Mobiltelefonen, Organizern und Laptops. Ganze Bibliotheken sind inzwischen im Internet. Per Klick kommt ein Buch auf den Bildschirm oder ein Hörbuch durch die Lautsprecher. In den USA gehen mittlerweile mehr und mehr städtische und universitäre Bibliotheken dazu über, virtuelle Ausleihen anzubieten. Keine Schlangen vor der Kasse, kein lästiges Zurückbringen. Das größte Unternehmen, das diesen Service überhaupt möglich macht, kommt aus Ohio:
OverDrive.
Claudia Weissman ist Verkaufsdirektorin des Unternehmens. Im Interview spricht sie von den Möglichkeiten virtueller Medien und der Zukunft der Bibliothek.
ZEIT online:
Frau Weissman, ist Gedrucktes bald tot?
Claudia Weissman: Das würde ich nicht sagen. Doch zumindest wird ein Trend deutlich: Gedrucktes wird mehr und mehr durch Virtuelles und Digitales ersetzt.
ZEIT online: Wo liegt denn der Vorteil des virtuellen Buches?
Claudia Weissman, Verkaufsdirektorin bei OverDrive
Weissman: Man kann bis zu 50, 60 Bücher überall mit hinnehmen. Auf dem Handheld zum Beispiel. Soviel Papier wäre ganz schön schwer. Den größten Vorteil haben die Bibliotheken: Ein E-Book ist immer verfügbar. Die Bibliotheksnutzer können Wissen jederzeit abrufen. Sie müssen sich nicht ärgern, wenn ein Buch aus dem Bestand verliehen ist.
ZEIT online: OverDrive gibt es seit 1986. Es ist weltweit der größte Vertrieb virtueller Medien. Mit wie vielen Bibliotheken arbeiten Sie zusammen?
Weissman: Derzeit sind es weltweit 7.500, die meisten in den USA. Dort versorgen wir alle großen Bibliotheken in New York, Boston oder Chicago. In Singapur, Australien und Neuseeland werden es immer mehr. Auch in Mexiko haben wir inzwischen Kooperationen.
ZEIT online: Und wie viele Leser nutzen dieses Angebot?
Weissman: Pro Bibliothek werden etwa monatlich 10.000 E-Books, Hörbücher und Videos ausgeliehen. 2006 verzeichnete die New York Public Library mehr virtuelle Ausleihen als physische. Viele E-Books habe eine höhere Zirkulation als gedruckte Exemplare.
ZEIT online: Wie viele virtuelle Medien stellen sie den Bibliotheken zur Verfügung?
Weissman: Momentan haben wir 13.000 Hörbucher, mehr als 50.000 E-Books, jeweils etwa 5.000 Videos und Musikalben. Mehr als 500 Verlage schicken uns ihren Bestand.
ZEIT online: Und der liegt in einem großen digitalen Warenlager?
Weissman: Ja. Die Dateien lagern bei uns auf großen Servern. Die Bibliotheken und auch Online-Händler greifen darauf zu. Mit der Nummer des Bibliotheksausweises kann man die Medien downloaden. Nach 21 Tagen läuft die Frist ab, und das Hörbuch oder E-Book verschwindet vom eigenen Computer. Man muss es nicht zurückbringen, und es gibt kein böses Erwachen, falls man es vergisst. Das ist auch angenehmer für die Bibliothekare.
ZEIT online: Aber eine Datei könnte man doch kopieren. Wie sind diese virtuellen Bestände gesichert?
Weissman: Das ist unterschiedlich. Die meisten Hörbücher sind durch ein Copyright geschützt. Manche Verlage geben ein Buch zum Ausdruck frei. Papier kann man ja schließlich auch kopieren.
ZEIT online: Ist das die Zukunft der Bibliothek?
Weissman: Wissen wird jedem überall zugänglich. Gedruckte und virtuelle Medien sind zudem eine wunderbare Kombination. Zum Roman auf Papier gibts dann beispielsweise das Hörbuch online. Oder man lädt sich ein E-Book auf seinen Organizer, wenn man einen schweren Wälzer nicht immer mitschleppen will. Bibliotheken wollen relevant bleiben, da müssen sie diesen Schritt zur Virtualität gehen. In den USA wird in diese Technologie kräftig investiert.
ZEIT online: Festplatten können gelöscht werden, Server können abstürzen. Manche fürchten um das Kulturerbe, falls Bücher irgendwann nur noch virtuell existieren.
Weissman: Das brachte der Wechsel von Schallplatte zur CD auch mit sich. Natürlich haben virtuelle Medien keinen Ewigkeitswert. Andererseits: Papier auch nicht. Außerdem gibt es so viele Bücher, die man einmal liest und dann nie wieder. Viele will man sich gar nicht ins Regal stellen.
ZEIT online: Andererseits ist eine Bücherwand daheim eindrucksvoll.
Weissman: Die Frage ist, ob man sich ein Buch bloß hinstellt oder einem der Inhalt wichtig ist. Wer sich ein Statussymbol kaufen will, soll weiter nach der Goldausgabe von Goethe suchen und die Regale damit voll stellen. Aber letztlich ist es so: Die wichtigen Bücher will man doch immer bei sich tragen.
ZEIT online: Welche tragen Sie denn gerade bei sich?
Weissman: Auf meinem Handheld sind zurzeit 16 verschiedene Hörbücher. Gerade bin ich bei Henning Mankells Die Hunde von Riga .
Das Interview führte David Hugendick
- Datum 17.04.2008 - 08:36 Uhr
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- Quelle ZEIT online
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"Die wichtigen Bücher will man doch immer bei sich tragen." Also, ich habe ein durchaus inniges Verhältnis zu Büchern. Aber so eng, daß ich einige davon immer bei mir tragen will, ist es nun auch wieder nicht. Einige Nachschlagewerke habe ich auf der Festplatte, aber ich benutze sie nur bei Ganztextsuchen. Ansonsten nehme ich ein Buch lieber in die Hand. Das mit dem Tschüs, Gutenberg halte ich für Wunschdenken. Das haptische Gedächtnis wird da nicht mitmachen. _________________
Lyriost – Madentiraden
Ich finde gerade bei Fachbüchern die digitalen Varianten hilfreich. Per geeignetem Suchprogramm findet man sich schnell zurecht und meist braucht man eh nur einen kleinen Teil eines Buches. Damit ist das zur schnellen Wissenssortierung ein echter Fortschritt.Bei der Belletristik sieht das aber schon anders aus: Mit einem Buch im Sessel sitzen erhöht mein Lebensgefühl ungemein... Die Bildschirme sind ja mittlerweile ganz angenehm, aber so schön, dass ich mich wie bei einem spannenden Buch eine Nacht davor hocken würden, sind sie dann doch noch nicht.
nur zustimmen. Ein Fachbuch ist in elektronischer Form wirklich gut, insbesondere, wenn man etwas darin sucht. Aber schon zum Lernen ist es für mich keine Alternative. Papierne Bücher sind auch wesentlich angenehmer zu handhaben. Das führt auch zum Lesen an sich. Lesen ist ein Wert an sich, kein Mittel zum Zweck. Insofern wird es noch Jahre und Jahre Bücher geben, wenn auch weniger...
Sicherlich gibt es viele Leser, die ihre Tageszeitung online lesen - ich gehöre nicht dazu. Ich muss den "Packen" vor mir haben, brauche die körperliche Nähe zu meiner Zeitung. Ferner gehöre ich zu den "Anstreichern", denn besonders schöne Passagen pflege ich mit einem Stift zu markieren. Aber wenn ich in meinem alten "Guti" blättere, der Duft seines angegrauten Papiers mir in die Nase steigt, dann ist das Nostalgie pur für mich. Und die bewahre ich mir.
benutze ich nur noch wenn es keine digitalen Versionen gibt und auf das haptische Erlebnis kann ich sehr gut verzichten. Wer braucht ein sinnliches Lexikon? Bei Belletristik bleibe ich allerdings konsequent bei meinen Büchern, denn es wird wohl kaum ein elektronisches Medium erfunden werden, das stundenlanges Lesen ermöglicht. Außerdem möchte ich die Texte dauerhaft verfügbar haben.Und Hörbücher? Also bitte! Vorlesen lasse ich mir nur Texte, die es nicht wert sind gelesen zu werden.
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