Es gibt viele Gründe, die Bahn und ihren selbstgefälligen Chef Hartmut Mehdorn nicht zu mögen. Seit dem vergangenen Wochenende ist ein weiterer hinzugekommen: Der historische Zug zum Gedenken an die von der Deutschen Reichsbahn während der NS-Zeit deportierten Kinder sollte nämlich an diesen Tagen in Berlin ankommen. Über 5000 Kilometer hat die rollende Ausstellung schon hinter sich, mehr als 160.000 Besucher kamen in die Waggons – darunter viele, die nicht zur üblichen Gedenkstättenklientel gehören, Menschen auf dem Weg zur und von der Arbeit, Reisende.

Endlich einmal wurde die Erinnerung an den Holocaust nicht in Museen verbannt oder auf staatstragende Denkmäler begrenzt, sondern mitten in den Alltag integriert. Schließlich fanden die Gräuel nicht nur im „fernen“ Auschwitz und anderswo „im Osten“ statt – ihren Anfang nahmen viele Deportationen mitten im reichsdeutschen Alltag. Von vergleichbarer Präsenz und Eindringlichkeit wie die rollenden Waggons sind in Deutschland zurzeit nur die Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig.

Die Ankunft des Zugs war in allen Städten ein großes Ereignis. Doch die Einfahrt in den Berliner Hauptbahnhof – Mehdorns Prestige-Objekt – blieb dem „Zug der Erinnerung“ verwehrt. Die Begründung dafür scheint an Haaren herbeigezogen: Eine Einfahrt des Zuges sei aus „technischen und betrieblichen Bedingungen“ nicht möglich, zitieren die Initiatoren der Ausstellung aus einem Schreiben der Deutschen Bahn AG. Wegen fehlender „Restkapazitäten“ könne es womöglich zu Verspätungen bei anderen Zügen kommen. Zudem beeinträchtige der von der Dampflok verursachte Lärm das Wohnumfeld – wohlgemerkt geht es um den von einer Brachfläche umgebenen größten Bahnhof Europas, durch den täglich hunderte Züge und S-Bahnen rattern.

Sogar die ökologischen Folgen hat die Bahn bedacht. Das Niederschlagswasser der Dampflok belaste die Umwelt in nicht hinnehmbarer Weise: Rußpartikel könnten unaufbereitet in die Kanalisation gelangen.

Es fehlte eigentlich nur noch der Hinweis, dass die deprimierende Botschaft des Zugs unzumutbar sei: Die Darstellung, wie bereitwillig die Reichsbahn bei der Deportation der jüdischen Bevölkerung mithalf, könnte ja zu Depressionen und Verstimmungen bei den heutigen Bahn-Mitarbeitern führen.

Grund dazu hätten sie allemal. Denn die Ausstellung führt drastisch vor, dass der Holocaust nicht nur ein Werk sadistischer Herrenmenschen war, sondern auch, dass er ohne die aktive Unterstützung normaler deutscher Bürger niemals durchführbar gewesen wäre. Ohne die zahllosen Weichensteller, Lokführer und Fahrplaner hätten die Züge ihr Ziel nie erreicht.