Nachruf Edward Lorenz, stiller RevolutionärSeite 2/2

Doch schließlich wurde Lorenz' Arbeit bekannt. Plötzlich verbreitete sich die Erkenntnis von der langfristig unvorhersagbaren Dynamik einfacher deterministischer Systeme wie ein Lauffeuer. Die Entdeckung, so wurde schnell klar, betraf viele verschiedene Gebiete: die Himmelsmechanik der Planeten, Sterne und Kometen, die Molekül- und Plasmaphysik, aber auch die Biologie. Außerdem die Populationsdynamik und natürlich auch die Mathematik.

Heute ist es üblich, das Geschehen, das Lorenz in seinem Modell gefunden hatte, als Chaos zu bezeichnen, Lorenz gilt als der Vater der wissenschaftlichen Chaostheorie. Die Bezeichnung allerdings wurde erst 1975 von den Mathematikern T. Y. Li und J. A. Yorke eingeführt. Lorenz hätte es in seiner zurückhaltenden Art wahrscheinlich nicht gewagt, einen historisch derart vorbelasteten Begriff für ein bestimmtes Verhalten dynamischer Systeme zu usurpieren. Sein Buch The Essence of Chaos beginnt er beinahe mit einer Entschuldigung dafür, dass dieser Sprachgebrauch sich nun einmal eingebürgert habe.

Edward Lorenz wurde am 23. Mai 1917 in West Hartford im US-amerikanischen Connecticut geboren. Er studierte zunächst am Dartmouth College in New Hampshire und später in Harvard Mathematik. Sein Interesse an der Meteorologie entwickelte sich während des Krieges, als er bei der amerikanischen Luftwaffe im Wetterdienst tätig war. Am Massachusetts Institute of Technology (MIT) promovierte er 1948 als Meteorologe und blieb dort bis an sein Lebensende – für einen amerikanischen Wissenschaftler eine durchaus ungewöhnliche Bodenständigkeit.

Lorenz war ein freundlicher und fast scheuer Mensch, der nie versuchte, sich in den Vordergrund zu drängen. Er liebte das Wandern und den Ski-Langlauf. Als Forscher war er nicht Manager einer großen Gruppe, sondern jemand, der sich selbst ins Nachdenken und die Arbeit an seinem Rechner vertiefte.

Für seine Arbeiten wurde Lorenz vielfach geehrt: 1969 mit der Rossby-Medaille der Amerikanischen Meteorologischen Gesellschaft, 1973 mit der goldenen Symons Gedächtnismedaille der englischen Royal Meteorological Society, 1983 mit dem Crafoord-Preis der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften, 1989 mit der Elliott Cresson Medaille des Franklin Instituts und 1991 mit dem hochdotierten Kyoto-Preis.

Die starke Resonanz auf seine Arbeiten hat er ohne Aufhebens genossen. Am 16. April erlag Edward Lorenz 90-jährig einem Krebsleiden.

Peter H. Richter ist Professor am Institut für Theoretische Physik der Universität Bremen. Er arbeitet an der Theorie regulärer und chaotischer Dynamik in einfachen klassischen Systemen. In den achtziger Jahren arbeitete er zusammen mit Heinz-Otto Peitgen an der Popularisierung von Fraktalen und Chaos, die zu dem Buch The Beauty of Fractals führte.

 
Leser-Kommentare
  1. Dieser als 'lesenswert' eingestufte Artikel bei Wikipedia relativiert die Bedeutung der sogenannten 'Chaostheorie':http://de.wikipedia.org/w...Auszug:[...][Bitte beachten Sie, dass das Kopieren fremder Texte nicht zulässig ist. Beschränken Sie sich zukünftig bitte auf den Link zur Quelle und eine kurze Zusammenfassung in eigenen Worten. Danke. /Die Redaktion pt.]

  2. Sorry: Chaos ist ein hochaktuelles und aktives Forschungsgebiet , zu dem zahlreiche internationale Konferenzen stattfinden und das sehr praktische Auswirkungen hat, etwa bei der sogenannten Chaoskontrolle. Damit gelingt es beispielweise irregulär pulsende  Laser auf eine bestimmte Frequenz zu stimmen, Herzrhythmen zu stabilisieren etc. Einen aktuellen Überblick gibt das gerade erschienene "Handbook of Chaos Control II ". Wer den pessimistischen Teil  im - ansonsten ganz vernünftigen- Wikipedia Artikel verfasst hat ist unklar. Aber klar ist er ist er hat unrecht.
    Herr Richter hat mit seinen Bildern sehr zum allgemeinen öffentlichen Verständnis komplexer Systeme beigetragen. Seinen Artikel zu Edward Lorenz finde ich hervorragend.
     
    Heinz Georg Schuster

  3. Doch! Es stimmt, was das Auswahlkomitee des hoch angesehenen Kyoto-Preises für Wissenschaft und Kunst, den Edward Lorenz 1991 erhielt, damals formulierte: "Seine größte wissenschaftliche Leistung war die Entdeckung des deterministischen Chaos, eines Prinzips, das tiefgreifenden Einfluss hatte auf eine große Zahl von Grundlagen-Wissenschaften und in unserem Weltverständnis den vielleicht dramatischsten Wandel seit Isaac Newton hervorbrachte."

    Leider halten auch heute noch viele fest an der Formel "Gleiche Ursache - gleiche Wirkung", die schon im Zuge der Quanten-Theorie erschüttert wurde. Nach Planck et al. galt dann "Ähnliche Ursache - ähnliche Wirkung". Auch diese Hilfskonstruktion wurde mit Lorenz' Entdeckung in Frage gestellt.

    Reduktionistisches, causalistisches Denken sind immer noch weit verbreitet. Wer sich aufs Glatteis bewegen möchte, denkt aber mit "Chaos" interdisziplinär und kommt zu erstaunlichen Ergebnissen, die von reinen Physikalisten nicht akzeptiert werden. Das spiegelt sich nicht zuletzt in Wikipedia, wie man an Hand verschiedener Artikel leicht zeigen kann.

    Statt starrsinnig an früheren Ideen hängen zu bleiben, sollte man lieber mal ernst nehmen, was im Artikel beinahe en passant gesagt wird: "Bei gleichen Anfangsbedingungen verursachten die zufälligen Rundungsfehler, die ein Computer zwangsläufig und immer macht, auf lange Sicht völlig unterschiedliche Resultate."

    Rundungsfehler, die ein Computer zwangsläufig und immer macht...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service