Olaf Köller, der Direktor des von den Kultusministern gegründeten Instituts zur Qualitätssicherung im Bildungswesen (IQB) und Professorenkollege des Bildungsforschers Rainer Lehmann an der Humboldt-Universität Berlin, war nach der Lektüre des Interviews mit Lehmann in der ZEIT über die Grundschulstudie "Element" erschrocken über die vermeintlichen Ergebnisse. Vier Tage später erschrak er erneut - diesmal über die Differenz zwischen Lehmanns Auslegung und den tatsächlichen Befunden der Studie. Nun ist er wie viele Erziehungswissenschaftler in Sorge. Er fürchtet, der vorzeitige Interpretationserguss seines Kollegen könne sich zum Unglücksfall im Verhältnis zwischen Erziehungswissenschaft, Öffentlichkeit und Politik auswachsen. Wenn in Erinnerung bleibt, dass jeder seine eigene Studie habe und Interpretationen beliebig seien, könnten die noch hoch angesehenen Studien ihr Ansehen verlieren, so die Befürchtung.

Die Interpretationen der Experten weichen indes stark voneinander ab. „Die Lernfortschritte im Lesen sind an der Grundschule höher als im Gymnasium“, sagt der Erziehungswissenschaftler Hans Brügelmann über die Element-Studie. „Die Gymnasiasten haben sich am Ende der sechsten Klasse so stark abgesetzt, dass sie zwei Jahre Lernvorsprung haben“, erklärte hingegen Rainer Lehmann, Autor der Studie, im Interview mit der ZEIT . „Die Ergebnisse belegen, dass die Berliner Grundschulen Schülerinnen und Schülern aller Leistungsstände erfolgreich fördern“, interpretiert hingegen der Auftraggeber, die Berliner Senatsverwaltung. Jürgen Zöllner, Berliner Bildungssenator, schließlich: „Eine Schere zwischen Grundschulen und grundständigen Gymnasien öffnet sich nicht. Im Gegenteil.“ Wie ist es möglich, dass eine einzige Studie so unterschiedliche Interpretationen zulässt?

Reinhard Kahl schreibt für ZEIT ONLINE die Bildungskolumne Wurzeln und Flügel © privat

Noch mal von Anfang an. „ Erhebung zum Lese- und Mathematikverständnis in den Jahrgangsstufen 4 bis 6 in Berlin“ ist der volle Name der Studie. In Berlin ist die sechsjährige Grundschule die Regel. Daneben gibt es „grundständige Gymnasien“, die von sieben Prozent der Kinder besucht werden. Ursprünglich war dies ein Sonderweg für die Latein- und Griechischschulen, wurde aber mit der Zeit zum Portal für Familien, die ihre Kinder schnell ins Gymnasium bringen wollen. Ob um unter sich zu sein, die Kinder besser zu fördern oder wegen des Fachs Latein, das sei dahingestellt.

Die Studie wurde fertig, als in Hamburg Schwarz-Grün über eine sechsjährige Primarschule verhandelte. Der mit der Studie beauftragte Rainer Lehmann hat nie einen Hehl daraus gemacht, kein Freund integrativer Systeme zu sein. Als die Studie noch nicht veröffentlicht war, mitten in den Hamburger Koalitionsverhandlungen, erklärte er in verschiedenen Interviews und am ausführlichsten in der ZEIT , dass die sechsjährige Grundschule keinen Vorteil bringe. Kinder, die gleich zum Gymnasium wechselten, seien am Ende der sechsten Klasse zwei Jahre voraus. Er sagte nicht, dass die Kohorte der Kinder, die in Berlin vorzeitig zum Gymnasium geht, gewissermaßen über Nacht diesen Vorsprung durch Selbstauswahl und eigentlich auch von der Studie zugesprochen bekommt. Aber was macht diese Gruppe aus? Sind es die Besten oder haben sie oft nur die ambitioniertesten Eltern? Vielleicht bekommen sie auch am meisten Nachhilfe? Über Motive und Haltungen weiß die Studie nichts.

Im Leseverständnis erreicht diese Gymnasiumsgruppe Ende der vierten Klasse 114 Punkte. Kinder, die in der Grundschule bleiben, erreichen 97 Punkte. Nach Klasse sechs steht es 123 zu 110. Man kann natürlich sagen, wie es in den Interviews mit Lehmann anklang, die Grundschüler seien nach zwei Jahren noch nicht einmal dort angekommen, wo die Gymnasiasten schon beim Start im Gymnasium waren. Der Leser mag das für eine Katastrophe halten. Kennt man allerdings die Zahlen, dann sieht man den Vorsprung der Gymnasien von 17 auf 13 Punkte in den zwei Jahren dahinschmelzen. In Mathe wächst der Abstand um einen Punkt.

Nach den Lehmann-Interviews tönte Hans-Peter Meidinger, Vorsitzender des Philologenverbands, auf allen Wellen, nun sei erwiesen, dass längeres gemeinsames Lernen zu Lasten der leistungsstarken Kinder ginge. Aber als dann vier Tage später die ganze Studie im Internet stand, vermisste man seinen Widerruf.