Schule Unglücksfall und ChanceSeite 2/2
An dieser Stelle wurde schon gestern richtiggestellt: „Sechs Jahre Grundschule schaden nicht.“ In der erziehungswissenschaftlichen Community ist nun niemand mehr zu finden, der Lehmanns Interpretation stützt. Über Lehmanns Gründe gibt es viele Spekulationen.
Aber der von Olaf Köller und anderen beklagte Unglücksfall könnte auch zu etwas gut sein. Die Öffentlichkeit und die Zunft müssen endlich kapieren, dass solche Studien, wie Jürgen Baumert, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Doyen der empirischen Bildungsforschung immer wieder betont, nicht einfach etwas beweisen, sondern die Daten für begründete Interpretationen liefern. Diese müssen sich allerdings der Prüfung und Debatte in der wissenschaftlichen Community aussetzen. Vielleicht vertreibt der Unglücksfall diesen Ton von Gottesurteilen in der Rezeption der Studien. Sie geben keine Befehle für die Praxis. Sie sollen die Gestaltungsfantasie stimulieren und zeigen, was nicht geht.
Je genauer man die Studien betrachtet, desto mehr Fragen werfen sie auf - und das ist gut so. Eigentlich ist die Qualität dieser Fragen das eine Maß, an dem sich Wissenschaft messen lässt. Natürlich ist die Qualität der Antworten der andere Maßstab. Dass gute Antworten noch bessere Fragen hervorbringen, ist das kleine ABC des Forschens und Lernens. Da dürfen doch ausgerechnet Lernstudien mit einem Überschuss an Gewissheiten nicht analphabetisch sein. So gesehen könnte der Unglücksfall dann doch ein Beinahe-Unfall gewesen sein und sogar einen Fortschritt in der Kultivierung der Debatte hervorrufen.
- Datum 04.09.2009 - 22:58 Uhr
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- Serie Bildungskolumne
- Quelle ZEIT online
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Was sagt die Studie eigentlich über gute Schüler aus? Wie entwickeln sich diese am Gymnasium im Vergleich zur Grundschule weiter?Das ist für mich die viel interessantere Frage. Es kann ja durchaus sein, dass die an der Grundschule verbliebenen größere Lernzuwächse in Deutsch haben. Ob dies an der besseren Schulform liegt, oder daran, dass es wesentlich schwerer ist sich von einem hohen Niveau noch weiter zu verbessern, bleibt offen.Ein Vergleich von ähnlich leistungsstarken Schülern an den beiden Schulformen wäre da recht aufschlussreich.Meiner persönlichen Einschätzung nach ist es nicht hilfreich wenn es neben weniger schlechten auch weniger gute Schüler gibt. Mittelmaß haben wir schon zur genüge. Alles was die Abiturientenquote steigert bei gleichbleibendem (oder steigendem) Schwierigkeitsniveau wäre eine echte Verbesserung.Es klingt hart, aber ich befürchte die Realschule von heute ist die Hauptschule von morgen. Verbesserungen am System die nicht zu einer verbesserung beim Erwerb der Hochschulreife führen sind kosmetischer Natur.Das hat man nebenbei in Ostasien ebenso erkannt. Dort "züchtet" man mittlerweile Leistungseliten für die Wissensgesellschaft. Wenn wir die Bildung nicht passend umstellen wird Deutschland seine Rolle von "Hund mit Schwanz" hin zum "Schwanz mit Hund" verändern. Das bedeutet eine ungleich stärkere wirtschaftliche Abhängigkeit von anderen Ländern.Deutschland darf nicht aus der Gruppe der Technologieführer fallen. Das geht nur über mehr Bildung. Das ist die eigentliche Aufgabe.
Ich teile Ihre Hoffnung Herr Kahl, dass die offentsichtlich verschiedenen Interpretationen der Studie dazu beitragen, solche Studien mehr als Datengrundlagen und weniger als absolute Beweise fuer dies oder jenes zu sehen.Wenn allerdings gerade der Autor der Studie sich nicht daran hællt, dass erst die Daten verøffentlicht werden und dann darueber diskutiert wird, dann hat er seinen Anspruch auf wissenschaftliches Arbeiten hinter seinen Wunsch nach Publicity gestellt.Wenn sich dann auch noch herausstellt, dass der Grossteil seiner Fachkollegen (nachdem sie die Daten auch lesen konnten) zu vøllig anderen Interpretationen kommen, dann læsst sich der "Unfall" wohl nicht mehr vermeiden.Schade fuer die Erziehungswissenschaften insgesammt und fuer die HU Berlin insbesondere.
Als Naturwissenschaftlerin raufe ich mir die Haare angesichts der wissenschaftlichen Maßstäbe in den Sozialwissenschaften. Wie wäre es mit der Einführung eines Systems von peer review (http://de.wikipedia.org/w...) ?Noch einmal zu den Lesefortschritten: Der Vorsprung der Gymnasiasten schmilzt zusammen, weil sie schon zu Beginn lesen konnten. Lesen können ist eben irgendwann nicht mehr steigerbar. Und in der Tat, die in der Grundschule verbliebenen Schüler sind nach zwei Jahren noch nicht einmal da angekommen, wo die Gymnasiasten schon zu Anfang waren. Was zeigt, daß auf das Gymnasium die Leistungstärksten gegangen sind. Es war also völlig angemessen, diesen Kindern einen ihren Fertigkeiten und Fähigkeiten entsprechend anspruchsvolleren Unterricht zu erteilen.
Zitat aus dem Artikel: "Aber was macht diese Gruppe <der Frühwechsler> aus? Sind es die Besten oder haben sie oft
nur die ambitioniertesten Eltern? Vielleicht bekommen sie auch am
meisten Nachhilfe? Über Motive und Haltungen weiß die Studie nichts..." Doch, das tut sie. Sogar sehr ausführlich wird gezeigt, daß bereits am Ende der 4. Klasse die objektive (!), also im Test gemessene, Leistungsfähigkeit der Frühwechsler erheblich über dem Durchschnitt lag. Der schlechteste Wechsler war mindestens mittelmäßig, fast alle lagen im Bereich der 20% Jahrgangsbesten, und je besser ihre Testwerte waren, desto höher die Wechselwahrscheinlichkeit. Die Studie kommt zu dem Schluß: Offensichtlich war die Leistungsfähigkeit ihrer Kinder, und zwar die richtig eingeschätzte, ein maßgebliches Kriterium für die Entscheidung der Eltern. Ich kann nur folgern, daß Herr Kahl die Studie entweder nicht gelesen oder nicht verstanden hat. Möglicherweise wollte er auch etwas anderes sagen: die Studie sagt nicht, WARUM die Wechsler so viel kompetenter waren als ihre Kameraden. Doch eines steht fest: jawohl, es waren "die Besten". Das zumindest, Herr Kahl, hätten Sie merken müssen.
Zu Ihren Äußerungen über "die wissenschaftlichen Maßstäbe in der Sozialwissenschaft". 1. Die sind -- gerade im Feld der Bildungsforschung -- genau die gleichen. Deshalb wird auch so schnell eingegriffen, wenn jemand glaubt, diese Maßstäbe seien verletzt worden. (Siehe den einführenden Paragraphen dieses Artikels über Olaf Köller.) 2. Den arroganten Verweis auf peer-review Verfahren können Sie sich sparen. Natürlich hat jedes ernstzunehmende Journal in den Sozialwissenschaften ein peer-review. Hier geht es um eine Studie, die vom Land Berlin in Autrag gegeben wurde -- offenbar nicht an den besten aller Bildungsforscher. Das kommt leider vor.Zu den besonderen Problemen der Sozialwissenschaften auf dem Weg zu Erkenntnis:Ganz allgemein funktioniert Sozialwissenschaften so: Theorien über die Welt werden aufgestellt (deduktive und induktive Prozesse wirken hier zusammen) und dann getestet. Die Naturwissenschaften machen -- optimalerweise -- nichts anderes. Sie stellen Theorien über die Welt auf und testen diese dann. Dabei steht (vielen) Naturwissenschaftlern (meistens) das Mittel des Experiments zur Verfügung, dass kausale Schlüsse sehr einfach macht. (Damit hat man i.d.R. noch kein vollständiges Theorigebäude getestet.) Genau das, das Experimentieren nämlich, funktioniert mit vielen sozialwissenschaftlichen Theorien und/oder Hypothesen leider nicht. Sie können eben Kinder nicht Schulformen randomisieren (=per Zufall aufteilen). Die Sozialwissenschaften greifen daher -- mehr oder weniger gezwungenermaßen -- auf Beobachtungsdaten zurück, in denen das Treatment (z.B. 4 versus 6 Jahre gemeinsamen Lernens) nicht experimentell, sondern irgendwie anders gesetzt wird (z.B. durch die Entscheidung von PolitikerInnen statt 4 Jahren erst nach sechs Jahren zu trennen; siehe Hamburg). Was das für Probleme mit sich bringt, lesen sie hier (Post in einem etwas älteren Thread): http://kommentare.zeit.de...Das Korrigieren von Heterogenität und Selbstselektion kann extrem komplex, sprich schwierig werden. Wirklich gute Sozialwissenschaft betreiben ist nicht nur schwieriger als (leider) beinahe jedeR zu wissen glaubt, sie ist strenggenommen auch schwieriger als jede Naturwissenschaft -- in der Komplexitätspyramide ist die Sozialwissenschaft nämlich ganz oben, die Universalsprache Mathematik ganz unten. Das heißt nichts anderes, als dass -- strenggenommen -- jeder Sozialwissenschaftler auch Mathematik und die Naturwissenschaften beherrschen muss. Dies ist natürlich ein theoretisch zurechtgesponnener Optimalfall, den es in der Praxis nicht gibt, weil nicht geben kann -- Menschen kommen irgendwann an Ihre Grenzen.Dass gute Sozialwissenschaft zu selten betrieben wird und es -- genau wie unter Naturwissenschaftlern -- immer schwarze Schafe geben wird, ist leider wahr. Vielleicht lesen sie mal hier nach, was gute Sozialwissenschaftler sich reinfahren, damit sie kausale Inferenz ziehen können:http://www.mii.ucla.edu/c...http://books.google.com/b...http://en.wikipedia.org/w...Mit anderen Worten: Dass es zu Streit über die Auslegung sozialwissenschaftlicher Studien kommt, rührt von der Komplexität des Gegenstandes und eines gesunden Verständnisses von Wissenschaft her. Ach ja: Mir ist zu Ohren gekommen, dass es auch in den Naturwissenschaften Streitgkeiten über die Auslegung der Ergebnisse von Experimenten gibt. Natürlich, denn auch die meisten Naturwissenschaftler haben einen oft komplexen Gegenstand und ein gesundes Verständnis von Wissenschaft.
Tja, Synelly, bevor sie hier rumtröten, sollten sie sich ersteinmal mit den qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden der Erziehungswissenschaft auseinandersetzen. Wenn Sie die verstanden haben, möchten Sie sich dringend den Erkenntnistheorien und der Wissenschaftstheorie widmen. Ihr Vorschlag eines Peer-Reviews zeigt nur, das sie weder die empirische Forschung, noch den Zeit-Artikel überhaupt verstanden haben.
Sollte der besagte Artikel richtig sein,...dann hat Herr Prof. Lehmann in seiner "Interpretation" einen signifikanten Einflussfaktor in der Statistik vergessen. Während das in einem naturwissenschaftichen oder Ingenieur-Studium Punktabzug in der Prüfung geben würde (-- schließlich könnten später Menschenleben von sowas abhängen) , scheint das in den Sozialwissenschaften kein so großes Problem zu sein, den es gibt ja statt dessen die "Erkenntnistheorien und Wissenschaftstheorie" (Richtig, kaishakunin ? ). Ein "Peer-Review" -Verfahren für Äußerungen in Zeit- und anderen Interviews zu semi-politischen, unveröffentlichten Ergebnissen ist wohl etwas zu hochgegriffen (aber eine lustige Idee). Es bleibt zu beklagen, dass sich in der Professorenschaft der HU-Berlin ein ausgewiesener Statistik-Nichtschwimmer befindet, der über das Schicksal unserer Kinder entscheidet. Das ist wohl eher ein Unfall, als eine Chance! ... wohlgemerkt nur wenn der Artikel sachlich richtig ist. Gruß an alle mit ebenso gerauften Haaren!
Besonders dieser Abschnitt ist bemerkenswert: Diese müssen sich allerdings der Prüfung und Debatte in der
wissenschaftlichen Community aussetzen. Vielleicht vertreibt der
Unglücksfall diesen Ton von Gottesurteilen in der Rezeption der
Studien. Sie geben keine Befehle für die Praxis. Sie sollen die
Gestaltungsfantasie stimulieren und zeigen, was nicht geht. Danke für diese Worte. Wäre schön, wenn man das künftig alle Bildungsstudien einer breiten wissenschaftlichen Diskussion unterwirft, bevor man sie etwa in Form eines Rankings auf den Markt wirft. Das könnte aber natürlich die Meinungshoheit der Stammtische und bestimmter über den Dingen schwebender Bildungsforscher ins Wanken bringen. Namen muss man ja nicht nennen. Es sind immer die gleichen...
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