Meinungskolumne Alles wie gehabt?
Die Nahrungsmittelkrise droht zum Vorwand zu werden: Die EU muss ihre Agrarpolitik schleunigst reformieren
Was haben Nicolas Sarkozy und Horst Seehofer miteinander gemein? Ihr unerschütterliches Engagement für die europäische (also auch heimische) Landwirtschaft. Noch vor zwei, drei Jahren hätte man das als altes Denken abtun können, schließlich soll Europa im verschärften globalen Wettbewerb doch mit Hightech-Produkten statt mit Ackerbau und Viehzucht glänzen. Angesichts der Nahrungsmittelkrise dieser Tage, egal, wo ihre wahren Ursachen nun liegen, klingt ihre Verteidigung der europäischen Bauernschaft gar nicht mehr rückwärtsgewandt. Und das wird Folgen haben für die künftige Ausrichtung der Europäischen Union, die noch immer mit über 40 Milliarden Euro jährlich den Agrarbereich unterstützt.
Frankreichs Präsident zieht von Landmesse zu Landmesse mit demselben Kleeblatt von Argumenten in der Hand: Die Gemeinsame Agrarpolitik müsse Europas Nahrungsmittelsicherheit gewährleisten; zum globalen Gleichgewicht der Versorgung beitragen; die Balance der ländlichen Gebiete wahren; und sie möge doch die Bekämpfung des Klimawandels befördern.
Der deutsche Landwirtschaftsminister seinerseits schlug am Wochenende einen harten Ton an, der so auch einem Sarkozy nur gefallen kann: Der internationalen Nahrungs- und Futtermittelindustrie gehe es, so schimpfte Seehofer, „in erster Linie doch um eine Gewinnmaximierung und nicht um die Versorgung der Menschen. Es kann doch nicht sein, dass in den USA im Wesentlichen nur noch ein Konzern Saatgut anbietet. Die Landwirte dort werden doch erpresst und die Entwicklungsländer auch.“
Und wenn derzeit die Preisprognosen für Futtermittel um 600 Prozent steigen, weil es Futtermittelknappheit gibt, dann stehe, so der deutsche Minister, dahinter „das Interesse der Konzerne, ihren genveränderten Sojamais zu verkaufen“. Es gebe weltweit 42 Millionen Quadratkilometer landwirtschaftlicher Nutzfläche, genutzt würden aber nur 15 Millionen Quadratkilometer, davon ein Prozent für Biosprit. „Er kann also nicht für die aktuellen Probleme verantwortlich gemacht werden.“
Das deutsch-französische Duett klingt so, als solle in der EU angesichts neuer Verhältnisse besser alles beim Alten bleiben. Also weiterhin Direktzahlungen für die Bauern, weiter so mit der Gemeinschaftspräferenz und damit mit der Bevorzugung heimischer Produkte bei der Vermarktung gegenüber billigeren Erzeugnissen aus Drittländern. Also weiterhin ein EU-Haushalt, der für die Landwirtschaft mehr Geld ausgibt als für jeden anderen Wirtschaftsbereich.
Vielleicht haben Sarkozy und Seehofer ja in einem Punkt recht: Nur um die Höhe des EU-Agrarhaushalts kann es nicht mehr gehen in Zeiten der Globalisierung. Allerdings vermeiden beide ganz offenkundig eine Analyse oder Debatte über Ziel und Mitteleinsatz bei dieser Politik. Direktzahlungen etwa mögen in der langen Periode sinkender Preise sinnvoll gewirkt haben: Aber gilt das auch in einer Hochpreis-Phase?
Anders als Seehofer streiten Fachleute sehr wohl über die Effizienz der Bioenergieproduktion und schreiben ihr durchaus eine Mitschuld am Preisauftrieb zu. Vor allem aber wird in der Zunft der Agrarökonomen die mangelnde Effizienz beklagt: Soll über Ziel und Mittel hier nicht gestritten werden, nur weil Biosprit für unschuldig erklärt wird? Und wenn die europäischen Agrarmärkte weiterhin unter Naturschutz gestellt werden, so wird das die EU auf anderen Märkten womöglich teuer zu stehen kommen: Denn daran würde ganz gewiss die nächste Welthandelsrunde scheitern und die Welthandelsorganisation WTO ruiniert werden.
Europa braucht eine ernsthafte und offene Debatte über seine Agrar- und Nahrungspolitik - und damit über seine Haushaltspolitik, die in Brüsseler Kreisen ja längst begonnen hat. Wo die Welt sich so rasant verändert, darf eine moderne und mutige EU nicht durch Starrsinn glänzen.
- Datum 23.04.2008 - 03:52 Uhr
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Eine Reform ist gut und schön und vielleicht auch notwendig. Aber in Ihrem Artikel geht es doch prinzipiell um die gewünschte Kürzung bzw. Wegfall der Agrarsubventionen, und diese Denkweise ist sehr oberflächlich bzw kurzatmig. Natürlich hat die Agrarwirtschaft im EU-Haushalt den zweitgrößten Ausgabenteil (siehe: http://ec.europa.eu/budget/budget_glance/what_for_de.htm), aber ist dieser Haushalt doch nicht mit dem eines normalen Staatshaushaltes vergleichbar, der ist nämlich viel differenzierter/vielschichtiger. Und wenn Sie sich den Wegfall der Agrarsubventionen wünschen, so muessen Sie und die Verbraucher sich dann nicht wundern wenn die Milch und Milchprodukte dann wirklich aus dem Ausland kommen und in Deutschland und anderswo die Natur einem "Urwald" gleichen wird, weil Andere es eben "billiger" koennen. Dann pflegt/bearbeitet nämlich keiner mehr Grünland und Äcker in schwierigen Regionen (Bergland etc.) und Kühe auf der Weide etc. gibt es dann auch nicht mehr. Wir Bauern koennen z.B. nicht zu den geringen Kosten Milch produzieren wie sie in Neuseeland vorliegen. Wir sind momentan auf diese viel kritisierten Subventionen angewiesen, da die Preise, vor allem für Fleisch und Milch, katastrophal aussehen!
Wenn also der europäische Subventionswegfall vom Verbraucher gewünscht ist, so wird es in Zukunft immer mehr sogenannte Agrarfabriken geben oder gar keine Landwirtschaftsbetriebe mehr hierzulande. Das bedeutet dass Ende der bäuerlichen Landwirtschaft, wie der Verbraucher sie gerne sieht!
Die deutschen Bauern produzieren die sichersten Lebensmittel weltweit(!), und dass sollen sie zu einem Spottpreis tun? Und dann sollen auch noch die Subventionen weg? Ja, kein Problem, die brauchen wir dann nicht mehr, wenn der Verbraucher sichere Lebensmittel ordentlich honoriert!!!!
Grüße,
ein selbstbewusster Bauer
Ich denke schon, dass die Agrarsubventionen Sinn machen: Wir brauchen eine leistungsfähige, differenzierte, nachhaltig wirtschaftende Ladnwirtschaft in Europa, nicht zuletzt im Interesse der globalen Versorgung.Denn wie viele Regenwälder kann man noch abholzen, um billigeres Rindfleisch o.ä. zu produzieren? Wie weit kommen wir mit Industrie-Agro-Fabriken, die zwar billiger produzieren, aber dies nicht auf Dauer werden tun können? Die Natur zeigt uns doch schon jetzt die Quittung dafür.In Europa sind auch Urwälder gerodet worden, zugegeben, doch geschah das vor Jahrhunderten, und seitdem hat sich im Rahmen bäuerlicher Nutzung des Landes eine Kulturlandschaft etabliert, die enorme Mengen von Nahrungsmitteln produzieren kann - ohne Raubbau an der Natur. Diese Form der Landwirtschaft gilt es zu erhalten.
Ein nachhaltig landwirtschaftendes Europa kann, wird, muß (?) zur Kornkammer der Welt werden, wenn in Amerika das Wasser ausgeht, die Regenwaldböden allerorten erodiert sind und nicht nur der Aralsee, sondern ganz Asien ausgetrocknet ist. Mal drüber nachdenken.
" ...angesichts der Nahrungsmittelkrise dieser Tage, egal, wo ihre wahren Ursachen nun liegen..."Ja, Herr Fritz-Vannahme, das kann ich mir vorstellen, daß SIE und Ihr Arbeitgeber ganz gerne darüber hinwegsehen - und das Auge des Betrachters ebenfalls weglenken - möchten von den wahren Ursachen der Nahrungsmittelkrise:Tödliche Gier: Wie Börsen-Zocker die Lebensmittelpreise befeuern"Greg Wagner arbeitet seit über zwei Jahrzehnten im Getreidehandel.
Sein Büro liegt nur einen Block von der Terminbörse Chicago entfernt.
Was dort derzeit etwa beim Weizen passiert, hat der Analyst der Firma
AgResource noch nicht gesehen."Normalerweise haben wir hier eine überschaubare Gruppe von
Verkäufern und Käufern, also von Farmern und Silobetreibern", sagt er.
Mit dem Zustrom großer Indexfonds hat sich das geändert. Die
Finanzmanager raffen, was sie an Terminkontrakten kriegen können.
Folge: "Die Preise klettern immer höher und höher", sagt Wagner.Inzwischen, so hat er errechnet, halten die Finanzinvestoren die
Rechte an zwei kompletten Jahresproduktionen der in Chicago gehandelten
Weizensorte "Soft Red Winter Wheat".Wagner wirkt darüber immer noch ziemlich fassungslos. Der Kapitalismus frisst sich förmlich selbst auf."Nochmal die Links zur Warenterminbörse ich Chicago...jeder kann sich selber informieren, wo der Hunger von morgen schon heute gemacht wird:Mais: http://cbotdataexchange.i...Weizen: http://cbotdataexchange.i...Reis: http://cbotdataexchange.i...Auf die 5-Jahres-Übersicht gehen, und sehen, wie die Preise seit Mitte 2007 Fahrt gewinnen, je mehr die Finanzkrise Fahrt gewinnt...die Aktienblase ist schon Ende des Jahrtausends geplatzt, die Immobilienblase jetzt...und nun konzentriert sich das Spiel- und Fluchtgeld der Reichen in den Rohstoffen. Und das kann ein guter Teil der 2.300 MILLIARDEN Dollar ( http://www.heise.de/tp/r4... ) werden, über die die Hedge-Fonds verfügen.btw, Herr Fritz-Vannahme: Wie hat die Bertelsmann-STIFTUNG eigentlich ihr STIFTUNGSVERMÖGEN angelegt?
Ich denke, dass eine Reduktion der Subventionen auch der Lanwirtschaft was bringt, wenn die Einsparungen auch an den Steuerzahler weitergegeben werden. Wenn dieser mehr Geld in der Tasche hat, kann er dafür dann auch die teureren Lebensmittel bezahlen. Vorraussetzung ist natürlich, dass der Steuerzahler dann auch wirklich entlastet wird. Im Moment zahlt der Steuerzahler ja eh die subventionierten Lebensmittel (und die dazu gehörigen Behörden).Da halte ich es für wesentlich sinnvoller den Umweg über die Subventionen wegzulassen. Dann kann der Verbraucher endlich den Wert der Lebensmittel einschätzen. Wenn ich im Supermarkt das Kilo Schweineschnitzel für 3,99 Euro sehe, frage ich mich schon wie das geht.
Die Vorteile Mitteleuropas liegen klar in der rel. Sicherheit mit Niederschlägen. Unsere Böden sind seit der Rodung für die Landwirtschaft aber schon erodiert, die gute Nutzbarkeit liegt alleine daran, dass diese während der Eiszeiten neu gebildet werden und noch nicht erodiert wurden, bzw. die Bodenbildung nicht so weit fortgeschritten ist. Die Böden der Tropen sind sehr alt und deswegen nicht mehr so gut nutzbar. Die Tropen hatten während der Eiszeit keinen, bzw. nur einen geringeren (Löß), Nachschub mit Substrat. Die Erosionsrate ist aber auch auf unseren Böden groß, jährlich z. B.20 t/ha in den Lößgebieten Bayerns. "Raubbau" ist also weiterhin vorhanden.Und der Aralsee ist am austrocknen weil der Mensch im das Wasser (Zufluß) gekappt hat, und nicht weil "ganz Asien austrocknet".PS: Ich weiß, dass Quellen fehlen, die kann man sich aber bei Interesse leicht googeln.
Der Autor macht sich fuer die Globalisierung der Landwirtschaft stark, er kritisiert u.a. das
"weiter so mit der Gemeinschaftspräferenz und damit mit der Bevorzugung heimischer Produkte bei der Vermarktung gegenüber billigeren Erzeugnissen aus Drittländern."
Die Nahrungsmittelkrise zeigt jedoch klar, dass der Autor hier komplett falsch liegt. Aber schon der gesunde Menschenverstand sagt einem doch, dass die Landwirtschaft, die vor meiner Haustuer liegt, mehr unterstuetze als Reisfelder in China. Denn ich weiss nie wie sich die Preise fuer Reis aus China in Zukunft entwickeln.
Nahrungsmittel sind ein hochsensibles Gut, das nicht den globalen Finanzspekulanten oder unverantwortlichen Firmen üeberlassen bleiben darf. Im Gegenteil muessen Menschen vor Ort in der Lage sein zuerst sich selbst zu versorgen, am besten ueberall in der Welt. Erst dann darf der globale Handel beginnen. Globalisierung ist also nicht per se schlecht, es muss jedoch mit Verstand betrieben werden. Wenn ich die Produkte, die ich esse, zum Gegenstand globalen Handelns mache, mache ich mich aber total abhaengig.
Der Autor hat also seine Thesen bereits durch die Realität widerlegt bekommen, und er gibt es ja auch indirekt im Text zu. Und auch die Kuerze des Textes zeigt, dass er uns eigentlich ausser ein paar Lobbyphrasen nicht viel zu sagen hat.
@DoFeWas läßt Sie glauben, daß die Verbraucher bei Steuerentlastungen auch mehr Geld für Nahrung ausgeben würden? Im Land von Aldi und Lidl? Ich vermute doch eher, das zusätzliche Geld würde in dickere Autos oder größere Flachbidschirme wandern (für einen Großteil der Bevölkerung).@GenerellMit der folgenden Meinung werde ich hier jetzt nicht viele Sternchen ergattern, aber ich will mich nicht zurückhalten: Warum ist denn industrielle Landwirtschaft immer böse? Die Holländer betreiben eine sehr intensive Landwirtschaft, mit den höchsten Getreide- und Milcherträgen in der EU. Ich sehe das Land, trotz seiner extrem hohen Besiedelungsdichte, nicht vor einem ökologischen Kollaps. "Industrielle" Landwirtschaft kann genauso nachhaltig betrieben werden, wie eine "bäuerliche" (wo auch immer mann die Trennline zwischen beiden zieht ... ist ein Melkrobotor dann schon industriell, und deswegen böse?). Meiner Meinung nach sollte jede Innovation und Effizienzsteigerung, so lange sie nachhaltig ist und, im Falle von Tierhaltung, artgerecht (nicht nur Bio kann artgerecht sein) ist, durchgeführt werden.
Gegenfrage: Wo bekommen denn die Discounter Ihre billig Ware her, wenn nicht mehr innerhalb der EU? Wenn überhaupt von noch weiter her, und da kommen ja auch noch die Transportkosten hinzu. Da nähern sich die Produkte aus der Region dann schon den Kosten der Nahrungsmittel von außerhalb der EU. Zur Zeit schaut es ja nicht danach aus als würden global gesehen die Treibstoffpreise und Nahrumgsmittelpreise sinken.
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