Pokalfinale Triumph des FC Hoeneß

In einem packenden Finale gewinnt den DFB-Pokal eine Münchener Mannschaft, die der Manager neu geschaffen hat. Der erste Schritt zu einem möglichen Titel-Triple

Fast schien es so, als hätten sie ihn vergessen. Die Konfetti-Raketen schossen gerade Millionen goldener Papierschnipsel in den Berliner  Nachthimmel, Oliver Kahn reckte den blank geputzten, so eben in einem  dramatischen Match gegen Borussia Dortmund gewonnenen DFB-Pokal in die  Höhe und sprach dabei die Worte: „Da ist er!“

Der gesamte Betreuerstab  des  FC Bayern München, vom Zeugwart über den Kommunikationsdirektor  bis zum Co-Trainer, feierte ausgelassen zu einschlägiger Musik auf dem  Rasen – da stand der Mann noch immer am Rand: links und rechts von ihm Fotografen, die wie er durch eine grüne Banderole am Betreten des  Feldes gehindert wurden.

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Ganz ruhig stand er da, alleine, in dieser wie immer etwas zu üppig geschnitten wirkenden Daunenjacke mit dem  Bayern-Logo. Er klatschte nicht einmal in die Hände. Und obwohl man  sein Gesicht nicht sehen konnte, wusste jeder, der den Mann erkannte,  dass er das, was er sah, mit außerordentlichem Wohlgefallen betrachtete.

Uli Hoeneß, der Manager, hatte sich der allgemeinen Ausgelassenheit  entzogen und war, jedenfalls in dieser Phase des Abends, ein stiller  Genießer. Seine Bayern hatte im Finale die Dortmunder in der  Verlängerung niedergerungen. „Seine Bayern“: Nie war die Kombination  dieser beiden Worte wahrer als in diesem Augenblick.

Und vermutlich  wird man schon ab der kommenden Saison, wenn Jürgen Klinsmann 
Cheftrainer wird, nicht mehr mit der gleichen Berechtigung von „seinen  Bayern“ sprechen können. Was nicht nur daran liegt, dass dies das  letzte Mal Pokalspiel gewesen sein dürfte, dass Hoeneß auf der Bank  neben den Trainern verbrachte. Denn in Zukunft, hat er kürzlich 
angekündigt, wolle er die Spiele lieber von der Tribüne aus  betrachten.

Was Uli Hoeneß in den 120 Minuten im Berliner  Olympiastadion gesehen hatte, das er geschaffen: diese  Münchner Mannschaft des Jahres 2008, die an diesem Abend jederzeit in der Lage war, das Spiel zu  kontrollieren, die zu keiner Phase des Spiels wirklich in Gefahr war,  es zu verlieren.

Aber das war es nicht, was Hoeneß am Spielfeldrand vermutlich reichlich melancholisch werden ließ: das  Pokalfinale 2008 war der Beleg für seine in der Branche unerreichten 
Fähigkeiten, strategisch zu denken und zu handeln. Nach der verpatzten  Saison 2006/2007 hatte er getan, was nur ganz Große erfolgreich tun:  sich unter dem Eindruck der Geschehnisse von einer seiner wichtigsten  Maxime („mögen alle anderen in die Kreditabteilungen der Banken gehen  – wir werden immer die Festgeldabteilung aufsuchen“) verabschiedet.

Er  hat auf dem weltweiten Spielermarkt nach den Besten gesucht, er hat  dabei ­- im Gegensatz zu den 25 Dienstjahren zuvor ­- auch die Teuersten  in den Blick genommen und schließlich für nahezu 100 Millionen Euro  den Franzosen Frank Ribéry, den Italiener Luca Toni und den deutschen  Miroslav Klose verpflichtet. Er hat damit das Festgeldkonto  erheblich geschröpft, wohl aber keinen Euro Schulden aufgenommen.

Am Abend des Pokalfinales strich Hoeneß nun, im sehr übertragenen Sinne, die Zinsen seiner Investitionen ein:  Es waren noch keine 12  Minuten gespielt, da ging diese Rechnung zum wiederholten Male auf.  Ribéry überlief auf der linken Seite zwei Dortmunder, passte in die  Mitte, wo Toni in einer inzwischen fast schon beängstigenden Weise  abermals richtig stand und den Ball einschob.

Als dann, nach dem verdienten, wenn auch glücklichen Ausgleich der Dortmunder in der Nachspielzeit, die erste Hälfte der Verlängerung zur Neige ging und der Gegner dem Siegestreffer näher schien, stand  Toni erneut dort, wo Mittelstürmer zu stehen haben, und erzielte aus  kurzer Distanz das Spiel entscheidende 2:1.

Sofort wurden  Erinnerungen wach an die Legende-tauglichen Situationen im UEFA-Pokal-Rückspiel vor  wenigen Tagen in Getafe, wo Ribéry in der  Nachspielzeit den Ausgleich und Toni mit zwei Treffern in der  Verlängerung das Weiterkommen der Bayern und damit die Chance auf den Gewinn des UEFA-Cups gesichert hatten.

Doch wurde am Samstag im Berliner Olympiastadion, mit dem Gewinn des  ersten von drei möglichen Titeln dieser Saison, vermutlich auch ein neuer FC Bayern geboren. Einer, von dem Uli Hoeneß seit  Jahrzehnten träumt; einer, der seine Gegner spielend bezwingt, der lieber etwas leichtsinniger agiert (wie in den letzten zehn Minuten  der regulären Spielzeit), als sich einzumauern, der grandiose Solisten nicht nur verpflichtet, sondern auch neidlos in einer Truppe integriert, die ja ohnehin schon aus lauter Hochbegabten  besteht.

Und  der dabei noch - das ließ Philipp Lahm auf dem Weg zum Bankett durchblicken („Gott sei Dank waren keine Kameras dabei“) - in  der Lage ist, es in der Kabine hinterher richtig krachen zu lassen. Erstmals seit den legendären siebziger Jahren, als Hoeneß selbst noch über die Flügel spurtete, scheint der Verein wieder auf diese Mischung aus Genius und 
Gaudi zurückgreifen zu können, die ihm die bisher größten Triumphe bescherte.

Bei allem Jubel sollte dabei eine weitere, gewissermaßen auch  lebenswichtige Neuverpflichtung des FC Bayern nicht untergehen, zumal dieser Spiele auch einmal die Farben des Endspielgegners Borussia  Dortmund trug. Denn vor kurzem hatte Hoeneß einem  fast vergessenen  ehemaligen Mittelstürmer des Clubs einen neuen Job besorgt. Er trug  einst einen klangvollen Namen, die Älteren werden sich erinnern:  Jürgen Wegmann, genannt „Kobra“. Als der nun, total verarmt, in der Gosse zu landen drohte, holte ihn Hoeneß zu den Bayern zurück – in den Fanartikelt-Shop nach Oberhausen. „Ich lebe, weil die Bayern mich ins  Leben zurückgeholt haben“, sagt Wegmann.

Dass er für die Wegmanns dieser (Bayern-)Welt genauso kämpft, wie um  die Verpflichtung der Ribérys, Tonis und Kloses, das ist vielleicht der  größte Unterschied zwischen Uli Hoeneß und seinen smarten Kollegen aus  Mailand, Chelsea, Barcelona. Er verpflichtet die Großen, aber verlierst dabei nicht die anderen aus den Augen verlieren.

Es könnte  sein,  dass es auch solche Gedanken waren, die ihm durch den Kopf  gingen, als er, während die Seinen feierten, ein paar Minuten für sich  allein sein wollte.

 
Leser-Kommentare
  1. Uli Hoeneß ist einer der größten Manager Europas! Was er erreicht hat, ist nicht mehr zu toppen. Wäre schön, wenn er nach Italien gehen würde.

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