Jazz „Ich werde nie weiß sein“
Alles andere sei möglich, sagt die große Sängerin Dianne Reeves. Im Interview erzählt sie von der Kraft ihrer Stimme und von ihrer neuen CD „When You Know“
Die 51-jährige Dianne Reeves ist auf dem Höhepunkt ihres Könnens angelangt. Sie verkörpert die Tradition des klassischen Jazzgesangs in allen Facetten. In einer Lounge im obersten Stockwerk des EMI-Gebäudes in Köln sitzt sie zwischen Plakaten, die für ihre neue CD„When You Know“werben. Sechs Jahre lang hat sie kein eigenes Studioalbum mehr aufgenommen, ihr Soundtrack zu George Clooneys Film„Good Night & Good Luck“ wurde 2006 mit einem Grammy ausgezeichnet. Die neue Platte ist eine sehr persönliche Auswahl an Liebesliedern, die sie durch ihr Leben begleitet haben, eine Bestandsaufnahme und ein Erinnerungsalbum.
ZEIT online: Mrs. Reeves, Sie waren eine der ersten Sängerinnen, die Ende der Achtziger einen Vertrag mit dem wiederbelebten Traditionslabel Blue Note schlossen. Die Plattenfirma war durch eine schwierige finanzielle Krise gegangen und stand kurz vor der erneuten Schließung, und dann kam der kommerzielle Erfolg von Norah Jones. Jetzt steckt der Mutterkonzern EMI wieder in der Krise. Viele Künstler haben ihren Ausstieg angekündigt. Wie steht es mit Ihnen?
Dianne Reeves: Ich bin seit 1987 bei Blue Note, das ist meine Heimat, und ich werde sie nicht verlassen.
ZEIT online: Sie haben 2002 bei der Schlusszeremonie der Olympischen Winterspiele in Salt Lake City gesungen. Im gleichen Jahr hatten sie einen Gastauftritt in der Serie Sex And The City . Wird Jazz jetzt Pop?
Reeves: Das war mir eine große Ehre, gleichzeitig eine Anerkennung meiner Person und meiner Arbeit als Jazzsängerin.
ZEIT online: Sie leben jetzt wieder in Denver, wo sie als Kind bei ihrer Großmutter aufwuchsen. Warum sind Sie zurückgegangen?
Reeves: Ich wollte in der Nähe meiner Familie und Freunde sein. Denn das ist, was zählt. Jetzt können sie einfach vorbeikommen wie früher auch. Ich habe mein eigenes Studio mit meinem Klavier. Dort kann ich meine Lieder üben, wann immer mir danach ist. Und ich bin in der Nähe meiner Mutter. Sie ist jetzt 83 Jahre alt.
ZEIT online: Sie haben eine lange Pause gemacht, bevor sie Ihr neues Album aufgenommen haben.
Reeves: In dieser Zeit ist sehr viel passiert. Ich habe Nachwuchsprojekte bei den Los Angeles Philharmonics geleitet und bin mit großen Orchestern aufgetreten. Auch mit Sir Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern. Es war eine großartige Erfahrung.
ZEIT online: Und sie waren im Kino zu sehen. In George Clooneys Film Good Night & Good Luck spielen sie eine Jazzsängerin.
Reeves: Es war eine wundervolle Gelegenheit, die Lieder der späten Vierziger und frühen Fünfziger zu singen und mich zu kleiden wie die großartigen Sängerinnen aus dieser Zeit. Ich habe nicht nur für den Film gesungen, es war ein Tribut an diese Künstler und an die Geschichte des Jazz.
ZEIT online: Schöne Musik in einer schwierigen Zeit. Nachkriegsdepression, Kommunistenverfolgung, Afro-Amerikaner lebten segregiert. Es durfte im Radio und im Fernsehen von Liebe gesungen werden, aber nicht von Problemen. Wie war das damals in Denver, in Ihrer Kindheit?
Reeves: Ich war in der Junior High School, als ich mir wirklich bewusst wurde, worum es in der Bürgerrechtsbewegung ging. Es war der Beginn des Bussings in den Vereinigten Staaten, die Anfänge der Integration. Mit der Vision von einem besseren Verständnis für einander wurden Kinder aus vornehmlich schwarzen Schulen mit Bussen in weiße Gegenden gefahren und umgekehrt. Ich war eines dieser Kinder, die plötzlich in einem Bus saßen und in eine fremde Schule kamen, fast eine Stunde von zu Hause entfernt. Ich verstand, dass ich Teil eines Experiments war. Aber das, was uns über all die Unterschiede wirklich verband, war die Kunst. Wir lernten Dichter kennen, von den großen afro-amerikanischen Poeten bis hin zu Neruda. Wir machten gemeinsam einen Auftritt, und das hatte etwas Tröstendes, Heilendes für mich.
ZEIT online: Hat dieses Experiment aus Ihrer Sicht funktioniert?
Reeves: Es fing sehr gut an, aber jetzt sind wir wieder da, wo wir zu Beginn waren. Aber ich habe aus dieser Zeit die Erinnerung an die Energie des gemeinsamen Aufbruchs und des gemeinsamen Ziels. Und Musik war ein wesentlicher Teil dieser Bewegung für gleiche Bürgerrechte und gegen den Vietnamkrieg. Alle kamen zusammen, und es ging um Menschlichkeit und Hoffnung. Die Künstler kamen zusammen wegen ihres Charakters und nicht wegen ihrer Hautfarbe. Als ich aufwuchs, hörte ich im Radio Ray Charles und Nat „King“ Cole, sie sangen Country-Musik.
ZEIT online: War also früher alles besser?
Reeves: Heute ist es besser. Wir leben in einer Zeit von historischer Bedeutung. Wenn ich sehe, dass Barack Obama von vielen Weißen Stimmen bekommt, wird Martin Luther Kings Traum wahr. Es geht nicht um die Hautfarbe, sondern um Inhalte. Auch die Afro-Amerikaner wählen nicht nach der Hautfarbe. Sie wählen Obama, aber ebenso Clinton und John McCain.
ZEIT online: Sie beschreiben Ihr neues Album When You Know als Retrospektive Ihrer Jugend.
Reeves: Ja, die Musik auf diesem Album dokumentiert meine spirituelle und emotionale Entwicklung. Ich musste durch all diese Phasen gehen, um hier anzukommen. Ich habe erst jetzt begriffen, dass es vor allem die Liebe meiner Familie und Freunde war, die mir durch viele schwierige Situationen geholfen hat. Damals, das war die Zeit der Unschuld, des unerschütterlichen Glaubens an eine intakte Welt.
ZEIT online: Haben Sie diese Zuversicht verloren?
Reeves: Nein, ich habe viele Dinge gesehen, die meinen Glauben an das Gute noch gestärkt haben. Vor allem glaube ich an die Kraft der Liebe.
ZEIT online: Sie haben im Februar ein großes Konzert am Valentinstag gegeben.
Reeves: Das war im New Yorker Apollo-Theater, und für mich war es ein unglaublich intensives Konzert. Das Apollo ist ein wichtiger Ort für afro-amerikanische Künstler. Hier konnte man zuerst Ella Fitzgerald, Sarah Vaughan und all diese großartigen Architekten des Jazz und R'n'B hören. Ich bin normalerweise nervös vor einem Konzert, aber diesmal habe ich mich gefühlt, als hätte ich noch nie zuvor gesungen.
ZEIT online: Sie denken sehr viel über Politik und Gesellschaft nach, aber in Ihrer Musik kommen diese Themen nicht vor.
Reeves: Sie stecken in meiner Musik, in den Geschichten, die ich erzähle. Die Menschen kommen zu meinen Konzerten, weil sie sich nach den Dingen hinter den Liedern sehnen: das Gute in der Welt. Interviews sind eine Möglichkeit, über meine Ideen zu sprechen. Aber die größte Macht liegt in einem Wort. Und das ist Liebe . Liebe die Menschen, liebe die Erde, sei großzügig, verantwortungsvoll! Ich glaube an Gott und praktiziere meinen Glauben. Wir können die Dinge verändern, wir können uns entscheiden.
ZEIT online: Sie geben Workshops und Meisterklassen für Gesang. Sprechen Sie mit Ihren Studenten auch über Ihr politisches Engagement, wie über das Benefiz-Konzert für die Opfer des Hurrikan Katrina?
Reeves: Ja, sehr oft. Es gibt viele verwüstete Gegenden auf dieser Welt. Manchmal ganz in der Nähe. In der eigenen Familie oder im eigenen Leben. Wenn ich mit Studenten arbeite, erzähle ich ihnen von dem größten Wunder: Es gibt Milliarden von Menschen und darunter nicht zwei, die gleich sind. Du bist einzigartig. Und du kannst dein Instrument üben und perfektionieren, aber deine Stimme ist dein Charakter, Ausdruck deiner Ideen. Ein Instrument ist nur das Transportmittel deiner Stimme. Und ich sage den Studenten, dass sie herausfinden müssen, was sie auf ihrem Instrument sagen wollen. Dass sie eine Rolle in der Gemeinschaft einnehmen. Mit Verantwortung und Respekt.
ZEIT online: Vor zehn Jahren sprachen Sie über die Schwierigkeiten, als Frau im Musikgeschäft zu bestehen. Hat sich seitdem Ihre Sicht geändert?
Reeves: Zuerst und vor allem bin ich ein menschliches Wesen, ein Geist. Ich bin eine afro-amerikanische Frau und sammele Erfahrungen, die mich entweder stärken oder zerbrechen. Es gibt viele Herausforderungen und viele Dinge, die sehr verletzend sind. Aber es gibt immer einen Weg, wie man die Dinge betrachtet. Alles ist möglich. Das habe ich gesehen, als Herbie Hancock in diesem Jahr für die Joni Letters den Grammy für das Beste Album gewann. Zum ersten Mal ging dieser Preis an einen Jazz-Künstler. Und er sagte: Möglichkeiten sind immer möglich.
ZEIT online: Was ist einer afro-amerikanischen Künstlerin heute unmöglich?
Reeves:
Ich werde nie weiß sein. Aber ich glaube, sonst ist alles möglich. Meine Mutter sagte immer: „Sei bereit, dann musst du dich nicht erst bereit machen.“
Das Gespräch führte
Maxi Sickert
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- Datum 30.04.2008 - 13:48 Uhr
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