Jazz „Ich werde nie weiß sein“Seite 3/3
ZEIT online: Sie haben im Februar ein großes Konzert am Valentinstag gegeben.
Reeves: Das war im New Yorker Apollo-Theater, und für mich war es ein unglaublich intensives Konzert. Das Apollo ist ein wichtiger Ort für afro-amerikanische Künstler. Hier konnte man zuerst Ella Fitzgerald, Sarah Vaughan und all diese großartigen Architekten des Jazz und R'n'B hören. Ich bin normalerweise nervös vor einem Konzert, aber diesmal habe ich mich gefühlt, als hätte ich noch nie zuvor gesungen.
ZEIT online: Sie denken sehr viel über Politik und Gesellschaft nach, aber in Ihrer Musik kommen diese Themen nicht vor.
Reeves: Sie stecken in meiner Musik, in den Geschichten, die ich erzähle. Die Menschen kommen zu meinen Konzerten, weil sie sich nach den Dingen hinter den Liedern sehnen: das Gute in der Welt. Interviews sind eine Möglichkeit, über meine Ideen zu sprechen. Aber die größte Macht liegt in einem Wort. Und das ist Liebe . Liebe die Menschen, liebe die Erde, sei großzügig, verantwortungsvoll! Ich glaube an Gott und praktiziere meinen Glauben. Wir können die Dinge verändern, wir können uns entscheiden.
ZEIT online: Sie geben Workshops und Meisterklassen für Gesang. Sprechen Sie mit Ihren Studenten auch über Ihr politisches Engagement, wie über das Benefiz-Konzert für die Opfer des Hurrikan Katrina?
Reeves: Ja, sehr oft. Es gibt viele verwüstete Gegenden auf dieser Welt. Manchmal ganz in der Nähe. In der eigenen Familie oder im eigenen Leben. Wenn ich mit Studenten arbeite, erzähle ich ihnen von dem größten Wunder: Es gibt Milliarden von Menschen und darunter nicht zwei, die gleich sind. Du bist einzigartig. Und du kannst dein Instrument üben und perfektionieren, aber deine Stimme ist dein Charakter, Ausdruck deiner Ideen. Ein Instrument ist nur das Transportmittel deiner Stimme. Und ich sage den Studenten, dass sie herausfinden müssen, was sie auf ihrem Instrument sagen wollen. Dass sie eine Rolle in der Gemeinschaft einnehmen. Mit Verantwortung und Respekt.
ZEIT online: Vor zehn Jahren sprachen Sie über die Schwierigkeiten, als Frau im Musikgeschäft zu bestehen. Hat sich seitdem Ihre Sicht geändert?
Reeves: Zuerst und vor allem bin ich ein menschliches Wesen, ein Geist. Ich bin eine afro-amerikanische Frau und sammele Erfahrungen, die mich entweder stärken oder zerbrechen. Es gibt viele Herausforderungen und viele Dinge, die sehr verletzend sind. Aber es gibt immer einen Weg, wie man die Dinge betrachtet. Alles ist möglich. Das habe ich gesehen, als Herbie Hancock in diesem Jahr für die Joni Letters den Grammy für das Beste Album gewann. Zum ersten Mal ging dieser Preis an einen Jazz-Künstler. Und er sagte: Möglichkeiten sind immer möglich.
ZEIT online: Was ist einer afro-amerikanischen Künstlerin heute unmöglich?
Reeves:
Ich werde nie weiß sein. Aber ich glaube, sonst ist alles möglich. Meine Mutter sagte immer: „Sei bereit, dann musst du dich nicht erst bereit machen.“
Das Gespräch führte
Maxi Sickert
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- Datum 30.04.2008 - 13:48 Uhr
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