Nahrungskrise Die Preisspitze ist erreicht

Nahrungsmittel sind teuer wie nie. Trotz 50 Milliarden Euro an Agrarsubventionen trägt die EU daran keine Schuld, sagt OECD-Direktor Tangermann. Dennoch könnte sie die Folgen lindern.

Ein Gespräch mit Stefan Tangermann, Direktor für Handel und Landwirtschaft bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris.

ZEIT online: Hilfsorganisationen wie Brot für die Welt machen die Europäische Union für die steigenden Nahrungsmittelpreise verantwortlich, vor allem in Entwicklungsländern. Haben sie recht?

Stefan Tangermann:
Nein, dafür ist kein einzelner Wirtschaftsraum mit seiner Agrarpolitik verantwortlich. Die Preisexplosion vergangener Monate ist nicht so sehr auf Politikentwicklungen zurückzuführen, sondern darauf, dass seit einigen Jahren in wichtigen Produktionsgebieten der Welt das Wetter nicht richtig mitgespielt hat und deshalb die Getreideernten zum Beispiel in Australien deutlich unter dem üblichen Trend geblieben sind. Gleichzeitig stieg die Nachfrage beispielsweise in Indien oder China drastisch an. In der Folge gingen die weltweiten Lagerbestände zurück. In einer solchen Situation schießen die Preise stets nach oben.

ZEIT online: Dann ist das Wetter schuld an den hohen Preisen?

Tangermann: Ja, das ist zumindest der Hauptgrund. Dahinter stehen dann auch fundamentale Faktoren, die ohnehin einen gewissen Preisanstieg bewirkt hätten, vor allem die zusätzliche Nachfrage nach Biosprit.

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ZEIT online: Aber laut EU-Kommission wurden 2007 gerade einmal 1 Prozent der Getreideproduktion für die Ethanolherstellung verwendet.

Tangermann: Weltweit ist das aber deutlich mehr gewesen. Man könnte diese Mengen jetzt wieder als Nahrungsmittel verwenden. Selbst wenn man nur ein Prozent in einen Markt lenkt, der an einer überhitzten Preisentwicklung leidet, trägt das deutlich zur Beruhigung bei.

In der EU werden im Übrigen nicht nur Getreide, sondern vor allem pflanzliches Öl für die Produktion von Biotreibstoffen genutzt. Von der Weltproduktion an pflanzlichen Ölen verwendet die EU neun Prozent für die Herstellung von Biodiesel. Der Preisauftrieb, den das bewirkt, heizt letztlich auch die Preise auf anderen Märkten an. Deshalb besteht sehr wohl ein Zusammenhang zwischen den hohen Preisen und dem Einsatz von Biodiesel.

ZEIT online: Welchen Anteil hat die Spekulation an den Preisen?

Tangermann: Die hat sicherlich mit dazu beigetragen, aber auch da muss man die Kirche im Dorf lassen. Diese Spekulation findet im Wesentlichen auf den Terminmärkten statt, wo die Preise für die Zukunft fixiert werden. Da hat es in der Tat einen erheblichen Zufluss von Kapital gegeben, das nicht aus dem Bereich des Warenhandels kommt, sondern von Anlegern, die Geld damit verdienen wollen.

Solche Terminmärkte haben aber eine wichtige Funktion für das Marktgeschehen insgesamt, weil sie den Produzenten, aber auch den Verbrauchern erlauben, sich abzusichern gegen künftige Preisschwankungen. Sie sind also nichts Verwerfliches, sondern im Grunde etwas sehr Gutes.

Natürlich kann es aber immer zu Preisübertreibungen kommen. Die ursprünglichen Preisanstöße werden jedoch nicht durch die Marktteilnehmer ausgelöst, sondern durch fundamentale Faktoren – wie zum Beispiel den Abbau der Lagerbestände. Doch solche Preisentwicklungen können auch durch Nervosität der Marktteilnehmer noch verstärkt werden.

Leser-Kommentare
  1. Es sollte nicht vergessen werden, daß der Einsatz von Lebensmittel-Grundstoffen aus landwirtschaftlicher Produktion seit geraumer Zeit zur Energieerzeugung durch unterschiedlich geartete Subventionen gefördert wird. Und unsere "Klimaschutz"-Experten auf der politischen Ebene waren ja stolz darauf, daß man anderenorts sich am deutschen Vorbild orientiert. Wie das so ist, verbrannte oder vergaste Lebensmittel können nicht noch zusätzlich verzehrt werden. Diese Mengen sind aus dem Markt verschwunden, mit entsprechenden Signalen für den Markt.Es ist doch wohl hirnrissig, jetzt zu fordern "Stattdessen sollte man den Armen dieser Welt helfen,
    die besonders vom Preisanstieg betroffen sind, indem man ihnen Geld zur
    Verfügung stellt, damit die Menschen dort selber Nahrungsmittel kaufen
    können." Nein, die sofortige und ersatzlose Streichung aller
    Subventionierungen der anderweitigen Verwendung von landwirtschaftlichen
    Lebensmittel-Grundstoffen kann nur die Konsequenz der eingetretenen Entwicklung
    sein. 

    • gayorg
    • 29.04.2008 um 11:22 Uhr

    Was soll man von so einem Interview halten ? Irgendwie sind alle möglichen Faktoren Schuld für die Misere und damit ist natürlich auch Niemand verantworlich.Das ist auch der Grund dafür, daß Nichts passiert, außer neuen Analysen von immer neuen Experten. Diejenigen die hungern haben Nichts von diesen esoterischen Diskussionen.

    • zoomi
    • 29.04.2008 um 11:46 Uhr

     
     
    Schönen Tag, Lebensmittel sind oder werden teuerer, und dass zurecht. Aber bisher kommt diese Verteuerung noch nicht mal bei den Herstellern an (Landwirten) Wenn man bedenkt dass Landwirte die letzten zwanzig Jahre keine wesentliche Preissteigerung bekommen haben, ist eine minimale Erhöhung noch nicht mal der Rede Wert. Hier verdienen momentan nur Spekulanten und Handelsketten. Ich frage mich manchmal ob denn ein Bandarbeiter bei BMW und Co. für das Geld noch arbeiten würde dass er vor zwanzig Jahren bekommen hat. Landwirte bekamen und bekommen Subventionen damit der Mensch sich Luxusgegenstände kaufen konnte .Dass ist eine Tatsache, man wollte die Industrie so schnell wie möglich nach oben bekommen. Viele Landwirte haben die letzten Jahre wirklich am Existenzminimum leben müssen (war dass richtig) in vielen Regionen hören massenweise Landwirte auf zu produzieren (sollte man nicht unterschätzen) Wir alle brauchen keine Subventionen wenn ein fairer Preis für unsere Prudokte bezahlt wird. Eines muss jedem klar sein wer schreit "streicht die Subventionen" muss damit rechnen dass die Preise endlich soweit nach oben gehen dass auch der Landwirt wieder von seinem Produkt leben kann. Übrigens sollte jeder Mal beachten dass Düngerpreise um über 100% gestiegen sind. Usw. Usw. Ich wäre froh wenn endlich mal eine Diskussion stattfinden würde mit Zahlen die die Wirklichkeit zeigen. Vielleicht sollten alle Landwirte heuer mal die Produktion auf ihren Feldern stehen lassen damit man endlich mal erkennt wie wichtig dieser Zweig ist, und wie wenig man vom Bauern hält der eine ganze Bevölkerung ernährt. MFG Ly

  2. Alles wird teurer,Brot,Butter,Milch,Gemüse,Obst etc. Aber dies liegt nicht allein an der Tatsache, das jetzt in Asien mehr Milch gebraucht wird. Wenn man recherchiert weiß man das die Asiaten, keine Laktose vertragen. Das ändert sich doch nicht in 1 oder 2 Jahren; oder ??! Oder das Biosprit getankt werden soll. Nein wenn man einmal genau hinschaut ist diese Preisentwicklung schon lange auch eine Folge des nicht zu kalkulierenden Euros. Beispiel, wenn früher eine grüne Salatgurke 0,60 Pfeninng gekostet hat und dieselbe Salatgurke heute 0,99 Cent kosten ist das ein Preisanstieg von 147 %. Denn hier ergibt sich eine Preisdifferenz von 1,36 DM. Genau so verhält es sich mit der Butter früher hat ein Stück Butter 2,10 DM gekosten heute kostet umgerechnet ein Stück Butter 1,49 €, ca 3,10 DM. Natürlich sollen wir Bürger die DM vergessen, denn die gibt es ja nicht mehr. Doch gerade viele ältere Menschen haben die DM noch im Kopf. Manche 60 jährigen sagen heute noch zum Euro, ich hab eine  DM Mark in der Hand, weil er den Begriff Euro garnicht für sich mehr umsetzen kann. Weiterhin sollte man die Wahrheit zum Wechselkurs nicht vergessen, wie sehe denn heute der Wechselkurs in DM aus, der Euro steht aktuell bei 1,557 zum Dollar, das heißt im Klartext 3,04 DM . Man bekommt also für einen Dollar der heute bei 0,639 Euro steht ca 3,04 DM ausgezahlt. Allein daran kann man doch erkennen das finanzwirtschaftlich und währungswirtschaftlich etwas nicht stimmen kann. Gut man kann sehr billig in die USA reisen und einkaufen. Aber dass alles ist in einem solchen Ungleichgewicht, dass sich Preise und Margen kaum richtig kalkulieren lassen. Diejenigen die das Geld habe, denen tut das nicht weh. Weh tut das dem kleinen Mann auf der Straße. Wenn früher ein ganzes Brot 2,00 DM gekostet hat und heute kostet es 2,00 €, dann sind das statt 2,00 DM doch glatt ein Aufschlag von + 2,00 DM, nämlich 4,00 DM. Der Umrechnungskurs von Euro zu DM lautet, 1,95583, für alle die ihn doch nicht mehr richtig wissen. Also stellt sich gleichzeitig die Frage wie kann man die Produktivität in einem Land steigern. Man verdoppelt die Preise, lässt aber die Lohnentwicklung bei den jenigen die das Geld erarbeiten müssen gleich. Das heist Früher hat jemand 1500 DM verdient heute verdient er 750 Euro. Wie soll ein Familienvater so seine Familie ernähren, mit Kindern und Frau. Er muss jetzt also 2 oder 3 Jobs machen, damit er hier noch 400 Euro verdient und dort noch 400 Euro verdient, damit er die Preise in den Supermärkten überhaupt bezahlen kann. Er hat keine Zeit mehr für privaten Konsum, er hat keine Zeit mehr für die liebevolle Erziehung seiner Kinder und was besonders wichtig ist, er hat keine Zeit zum Nachdenken oder zum Hinterfragen, was da in der welt vor sich geht. Da er am Tag mindestens 14 Stunden mit Nebenjobs arbeiten muss. Eine solche Entwicklung führt irgendwann, zu einer gesamten Frustration bei der produktiv arbeitenden Bevölkerung. Was dann entstehen kann, können wir heute schon in den 3. Welt Ländern sehen, wo Menschen für Essen und Wasser Krieg führen. Auch die Geschichte lehrt uns, wenn das Volk zu sehr ausgebeutet wird, wird es irgendwann mürrisch und agressiv werden. Aus diesem Grund ist es sehr sehr wichtig, dass jetzt wirklich sehr schnell Lösungen gefunden werden müssen, die Preisspirale nicht noch weiter nach oben zu treiben, sondern auf die Bedürfnisse der Menschen weltweit so anzupassen, dass Lebensmittel für jeden bezahlbar bleiben.

    • amras
    • 29.04.2008 um 12:13 Uhr

    "der Euro steht aktuell bei 1,557 zum Dollar, das heißt im Klartext 3,04
    DM . Man bekommt also für einen Dollar der heute bei 0,639 Euro steht
    ca 3,04 DM ausgezahlt."Hm - also diese sehr kreative Art der Kopfrechnung ist erstaunlich. Davon könnten sich sogar noch Steuerberater etwas abschauen. ;-)Ich würde ja mal sagen man bekäme heute für einen Dollar etwa 1,28 DM (1€=1,55$ -> 1DM=1,55$/2 -> 1$=2/1,55 DM), aber das ist offensichtlich Ansichtssache...^^

  3. Wichtig : Richtigstellung:Man muss auch Fehler zugeben können, natürlich ist mir hier ein Fehler in der Schnelligkeit des Kommentars passiert. Das möchte ich entschuldigen. Aber nun gut auch das ist nur menschlich.Natürlich hat Amras recht und man bekommt nicht 3,04 für einen Dollar sondern wie Amras richtig gestellt hat. Einen Dollar entspricht ca. 1,28 DM.Aber sollte Amras nochmals auf dieser Seite sein. so frage ich Ihn. Wie sehen Sie die momentane Preisentwicklung und was denken Sie über die künftige Entwicklung wenn die Preise weiter steigen.Herzlichen Dank für Ihre Anmerkung

    • abtz
    • 01.05.2008 um 7:21 Uhr

    Hier wird nicht gepflügt!

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