Psychotherapie ist kein Spaß. Traumatisierte berichten aus ihrem Alltag, von sexuellen Störungen, Schuldgefühlen, sozialen Ängsten oder Zwangshandlungen. Um die Therapie von der Aura einer säkularisierten Beichte zu befreien, erinnert nun der Berufsstand an die subversive Kraft des Lachens: Jene allzumenschliche Gemütsregung stand dieses Jahr im Mittelpunkt der Psychotherapiewochen, die am Freitag im Bodenseestädtchen Lindau ausklangen.

Schon in der Antike bemühte sich Aristoteles, das Geheimnis des Lachens zu ergründen. Wann finden wir etwas komisch? Warum lachen wir über einen Witz? Und was ist eigentlich Humor? Solche Fragen sind heute aktueller denn je. Das Lachen ist ein Phänomen, das sich mühelos über die Kluft zwischen Natur und Kultur hinwegsetzt. Einerseits beschreibt es einen körperlichen Vorgang, der sich unserem Willen oft entzieht: Wir lachen spontan und nicht erst nach reiflicher Überlegung. Andererseits handelt es sich dabei um einen kognitiven Prozess, der ein kulturelles Grundvokabular voraussetzt. Keine Gehirntomografie kann erklären, warum sich manche über die Mohammed-Karikaturen amüsieren, während andere dagegen auf die Barrikaden gehen.

Solche Fragen beschäftigen auch Hartmut Schröder, Linguist an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Der Humorforscher hat mit seinem Vortrag Das Lachen der Kulturen die 58. Psychotherapiewochen eröffnet, zu denen mehr als 4000 Teilnehmer gekommen waren. Obwohl Lachen angeboren ist, findet jede Kultur andere Anlässe dazu. So sei das chinesische Lachen oft ein Ventil für starke Gemütsbewegungen: „Deshalb kann es vorkommen, dass Chinesen in Situationen lachen, die für einen Europäer schockierend sind. Das kann ein Unfall oder auch eine andere Katastrophe sein.“ Ein weiteres Beispiel handelt von einer Japanerin, die einer Engländerin lachend eine Urne präsentiert – mit den Worten: „Das ist mein Mann.“ Was die Europäerin als Zynismus auslegen könnte, schreibt in Japan die Etikette vor: „Die fremde Dame, überhaupt die anderen, sollen nicht mit dem Schmerz und der Trauer belastet werden.“

Schröder begann sich für Lachkulturen zu interessieren, während er über Tabus und Tabubrüche forschte. Humor und Komik stellen die gewohnte Weltsicht auf den Kopf. Dadurch ermöglichen sie eine Entlastung von dem Druck, sich den Regeln und Normen anzupassen. Diese These vertrat schon Sigmund Freud in seiner Abhandlung Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten . Witze sind für Freud alltägliche Verstöße gegen den Denk- und Ordnungszwang, soziale Refugien, in denen das Lustprinzip über das Realitätsprinzip triumphiert. Dabei unterscheidet Freud zwischen harmlosen und tendenziösen Witzen: Harmlose Witze sind Kalauer und Wortspiele, wohingegen tendenziöse Witze feindselig oder aggressiv sind. Dazu gehören beispielsweise politische, religiöse oder obszöne Witze. Während Kultur und Erziehung irrationale Triebe zensieren, setzt der Witz sie wieder frei, indem er den Tabubruch nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich fordert. Dem Über-Ich – also der moralischen Instanz oder dem Gewissen einer Person - wird auf diese Weise ein Schnippchen geschlagen.

Deshalb empfiehlt sich Humor auch für den Therapeuten, um Menschen, die unter schweren psychischen Störungen leiden zu behandeln. Je stärker die Identifikation mit einem strengen Über-Ich, desto wahrscheinlicher die Bereitschaft, sich ständig selbst zu verurteilen. Mit einer witzigen Bemerkung kann man diese Verkrampfung lösen. So berichtete Micha Hilgers in seinem Vortrag Lachen verboten? Humor in der Psychoanalyse von einer Patientin, die auf seine Frage, warum sie sich gerade von ihm behandeln ließe, antwortete: „Weil ich mir sicher bin, dass Sie mich nicht mögen.“ Woraufhin beide in schallendes Gelächter ausbrachen.

Schwierig wird es, weil man nicht immer sicher sein kann, ob die Beteiligten auch über das Gleiche lachen. Wenn der Therapeut mitlacht oder eine witzige Antwort gibt, könnte der Patient das als Demütigung interpretieren, durch die das strenge Über-Ich noch gestärkt wird. Doch vielleicht lacht der Patient auch gar nicht über sich selbst, sondern über sein Über-Ich? Oder über den Konflikt, der tief in ihm tobt. Damit hätte er zumindest einen großen Schritt zu seiner möglichen Genesung vollzogen, sagt Hilgers: „Erst wenn ein Keil zwischen Ich und Über-Ich getrieben ist, wächst die Empörung des Opfers gegen seine innere Unterdrückung, die einst eine äußere war.“