Europäische Union Bundestag stimmt neuem EU-Vertrag zu

Mit einer klaren Zwei-Drittel-Mehrheit hat der Bundestag den Vertrag zur EU-Reform gebilligt. Nur die Linkspartei stimmte geschlossen dagegen.

Der Vertrag soll die EU mit ihren inzwischen 27 Mitgliedsstaaten handlungsfähiger machen. Er tritt an die Stelle der geplanten EU- Verfassung, die bei Volksabstimmungen in Frankreich und den Niederlanden gescheitert war. Benannt ist er nach der portugiesischen Hauptstadt, wo er im Dezember 2007 von den europäischen Staats- und Regierungschefs unterzeichnet wurde. Bisher haben neun EU-Länder den Vertrag abschließend gebilligt.

Für das Gesetz, das den Vertrag für Deutschland verbindlich macht, stimmten im Bundestag 514 Abgeordnete. 58 Parlamentarier votierten mit Nein. Einer enthielt sich. Zur endgültigen Ratifizierung muss jetzt noch der Bundesrat am 23. Mai den Vertrag billigen – und anschließend Bundespräsident Horst Köhler das entsprechende Gesetz unterschreiben. Erst wenn alle EU-Mitglieder den Vertrag ratifiziert haben, kann er wie geplant am 1. Januar 2009 in Kraft treten.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) würdigte die Vereinbarung als großen Fortschritt. "Europa wird stärker und selbstbewusster denn je." Deutschland in der Mitte des Kontinents werde davon profitieren. Als Vorzug gegenüber dem jetzigen Zustand hob die Kanzlerin die Stärkung der Mehrheitsentscheidungen hervor. Dies werde dazu führen, dass Blockaden und Stillstand überwunden werden könnten. Erst noch zeigen müsse sich jedoch, ob sich auch die anderen Neuerungen bewährten. Merkel nannte in diesen Zusammenhang das neue Amt eines EU-Präsidenten.

SPD-Parteichef Kurt Beck, der ebenfalls im Bundestag sprach, verlangte, dass die soziale Gerechtigkeit eine gemeinsame Vision in Europa werden müsse. Dazu gehöre "gleicher Lohn für gleiche Arbeit" ebenso wie der Ausbau der Arbeitnehmerrechte und der Mitbestimmung in allen Mitgliedsstaaten. Nur so werde die Gemeinschaft größere Zustimmung in der Bevölkerung erhalten, sagte Beck.

Der Linke-Vorsitzende Lothar Bisky kritisierte, dass der Vertrag von "neoliberalem Geist" geprägt und nur schwer verständlich sei. Von Vereinfachung und Transparenz könne keine Rede sein. Dringend notwendig wäre eine lesbare Vertragsversion gewesen. "Glasnost auch für Europa." Bisky verlangte auch in Deutschland eine Volksabstimmung über den Vertrag.

FDP-Chef Guido Westerwelle bezeichnete Deutschland als Gewinner der EU, auch "wenn wir viel dafür bezahlen". Grünen-Fraktionsvize Jürgen Trittin sagte, der Vertrag sei eine gute Grundlage für die EU. Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) beklagte die stärkere Ausweitung der EU-Zuständigkeiten. "Nicht jedes Problem in Europa ist ein Problem für Europa." Er kritisierte, dass der EU Kompetenzen für die Zuwanderung, Asyl, Tourismus oder Sport übertragen worden seien.

Leser-Kommentare
  1. Die Politik der EU „leidet in besorgniserregender Weise unter einem Demokratiedefizit und einer faktischen Aufhebung der Gewaltenteilung“, Die schleichende Zentralisierung der EU habe den Bundestag weitgehend entmachtet. Dieser sei in die für Deutschland relevante EU-Gesetzgebung nicht so eingebunden, wie es das Grundgesetz für das deutsche Parlament verlange. Meint Roman Herzog, Bundesüpräsident a.D..
    Herzliche Grüße aus Akodo Beach, Lagos!

  2. Ganz im Verborgenen, weitgehend totgeschwiegen von den Medien, wurde Deutschland heute zum Verwaltungsgebiet einer entfernten, fremden Macht. Wurde die EU-Verfassung zumindest noch auszugsweise veröffentlicht, erinnert das "neue" EU-Vertragswerk an Toll-Collect:Keiner kennt Genaues, aber es wird teuer...________________________________________________
    EU: Staatsstreich durch Ermächtigungsvertragsverordnung
    http://www.welt.de/welt_p...

  3. Volksabstimmungen sind bei Politikern so beliebt wie beim Teufel das Weihwasser.  Warum wohl? Komisch das Norwegen oder die Schweiz  die EU-Mitgliedschaft nicht brauchen um zu überleben. 

  4. "Genau das erlebte Irland schon einmal, vor sieben Jahren, als bei einer Volksabstimmung der Nizza-Vertrag mit 54 zu 46 Prozent der Stimmen abgelehnt wurde. Entsprechend groß ist die Unruhe in Brüssel. Lehnen die Iren den Vertrag von Lissabon ab, wäre das "eine existenzielle Bedrohung für die EU", urteilt der Vorsitzende der Sozialdemokraten im Europäischen Parlament, Martin Schulz. "Dann ist der Vertrag am Ende", betont auch sein christdemokratischer Parlamentskollege Elmar Brok...."
    http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?cnt=1324770

  5. 5. Dänen

     In einer Volksabstimmung am 28. September 2000 stimmten 53,1 Prozent der dänischen Bevölkerung gegen die Einfürung des Euro. 46,9 Prozent waren dafür. Mit diesem Ergebnis wurde auch der Beitritt zur EWWU abgelehnt. Eine neuerliche Volksabstimmung über die Euro-Einführung wurde im November 2007 angekündigt.
    Sie wehren sich ja tapfer, unsere Nachbarn im kleinen aber erfolgreichen Dänemark. Es sieht so aus, als ob so lange abgestimmt werden soll, bis eine hauchdünne Mehrheit ("Mehrheit ist Mehrheit") pro Euro stimmt. Ob dann aber nochmal abgestimmt wird, wage ich zu bezweifeln.

  6. Generell ist mein Bild der EU sehr positiv, doch werden einige wichtige Inhalte dieses Reformvertrages weder von Poltikern noch Medien genannt. Ich beziehe mich speziell auf einige Paragraphen, die unter anderem eine Aufrüstungsplicht innerhalb der EU beinhalten, den Aufbau einer schnell einsetzbaren Kampftruppe und die Entscheidungsmacht des Ministerrats in Militärfragen. Des Weiteren wird ein klar neoliberaler Wirtschaftskurs eingeschlagen und die Verbesserung der Standortbediengungen für Unternehmen zur obersten Maxime erhoben. Ich bin der Meinung, dass solche Puntke noch nicht einmal im Ansatz in eine Verfassungsvertrag hineingehören!!!Die Dicke und Komplexität des Vertrages werden nur noch von seiner Unübersichtlichkeit getoppt. Deshalb bin ich der Meinung, dass einerseits natürlich die europäische Integration gefördert und das Demokratie-Defizit ausgeglichen werden muss. Doch dies sollte man auf bürgerfreundliche(sprich einigermaßen verständliche) Weise machen und ohne seine (wirtschafts-)politische Ideologie hervorzuheben.
     
     

  7. Ich frage mich wirklich, was die EU uns inzwischen bringt. Die Lebensmittelpreise steigen extrem, weil China und Indien unsere Milchmärkte leerkaufen, obwohl die EU Bauern hohe EU Subventionen bekommen. Da wäre ein gesunder Protektionismus angebracht. Das gleiche gilt für die Ölpreise - die EU Zone sollte doch mehr Stabilität bringen - aber was hilft es, wenn bei niedrigsten Dollarpreisen das Ölpreisniveau auf dem höchsten Stand aller Zeiten steht? Im Grunde ist es doch so, dass unter dem Vorwand einer "Globalisierung" alles gerechtfertigt werden kann. Es wird Zeit, dass die EU einen praktischen Nutzen für die wesentlichen Beitragszahler bringt. Es kann einfach nicht sein, dass z.B. Deutschland nur zahlt und keinen Vorteil hat, außer dass man im Ausland kein Geld mehr umtauschen muss. Zu den Stichworten Nokia und Co braucht auch nichts mehr ausgeführt werden. Lissabon ist auch ein gutes Beispiel für die Problematik der EU - kleine Länder wie Polen konnten "Global Player" spielen und für sich das maximalste herausholen, während Deutschland von den Neuerungen wenig profitiert.

  8. "Europa mit Volksentscheid"
    EU-Umfrage
     
    Abstimmung über den EU-Reformvertrag im Bundestag
    Unter den Abgeordneten herrscht noch immer Ahnungslosigkeit
    Mehr Demokratie Umfrage vom 22.04.2008
     
    "Zwei Tage vor der Abstimmung über den EU-Reformvertrag am 24. April haben wir ungefähr 20 Abgeordnete verschiedener Fraktionen gebeten, einige allgemeine Fragen rund um neue Kompetenzen der EU und Bürgerrechte zu beantworten. Die Mehrzahl der Abgeordneten war nicht bereit, uns Rede und Antwort zu stehen. Begründet wurde das u.a. damit, dass man ja kein Europa-Fachmann sei oder damit, dass noch ein Tag Zeit sei, den Vertrag zu lesen. Bei den sieben Abgeordneten, die unsere Fragen beantwortet haben, taten sich Wissenslücken bei grundsätzlichen Themen auf."
    http://www.mehr-demokratie.de/eu-umfrage.html
    Armseeliges Wissen unserer"Volksvertreter" bei so einer wichtigen Entscheidung!

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