Gesundheit Der Anti-Diät-Tag
Adieu, Schlankheitswahn! Der 6. Mai soll für ein neues körperliches Selbstbewusstsein stehen. Ein Interview mit Sigrid Borse, Leiterin des Frankfurter Zentrums für Essstörungen
Fett ist eklig, dick sein unerträglich. So lautet das allgemeine Credo unzähliger Werbespots und Diätempfehlungen. Die Mode- und Medienwelt tut ihr Bestes, ein Schönheitsideal zu propagieren, das der Figur des Normalsterblichen kaum entspricht. Der 6. Mai hingegen verspricht allen Diätgeplagten eine Auszeit, denn am 6. Mai ist der internationale Anti-Diät-Tag. 1992 in Großbritannien ins Leben gerufen, hat der No-Diet-Day mittlerweile weltweite Anhänger, die für die Abkehr von obskuren Schlankheitskuren eintreten. Ihre Argumente: Diäten funktionieren nicht, sind teuer, langweilig, unsexy und machen auf keinen Fall schöner. ZEIT online sprach mit der Leiterin des Frankfurter Zentrums für Essstörungen, Sigrid Borse, über Schlankheitswahn und Schönheitsideale.
ZEIT online: Warum brauchen wir einen Anti-Diät-Tag?
Sigrid Borse: Der Anti-Diät-Tag ist eine gute Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass Diäten schädlich sind. Nicht selten bedeuten sie den Einstieg in ein gestörtes Essverhalten. In Deutschland ist der Anti-Diät-Tag nicht sehr bekannt. Doch Initiativen wie Leben hat Gewicht, im vergangenen Jahr durch die Bundesministerinnen Schmidt, von der Leyen und Schavan initiiert, sollen die Öffentlichkeit auch hierzulande für überschlanke Körperbilder sensibilisieren, die mit einem realistischen Körper nichts zu tun haben.
ZEIT online: Wie aussichtsreich ist es denn, das herrschende Schlankheitsideal ändern zu wollen?
Borse: Es ist schwer, dagegen anzugehen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Bilder eine große Macht haben. Momentan ist das Bild von Körperschönheit sehr einseitig, Dicksein wird als negativ bewertet, schlank zu sein gilt als schön. Eine größere Vielfalt von Bildern könnte neue Vorstellungen prägen.
ZEIT online: Wie können Medien und Modeindustrie dabei mitwirken?
Borse: Modezeitschriften können helfen, neue Bilder zu etablieren. Nicht zu unterschätzen ist auch die Wirkung der zahlreichen täglichen Soap Operas . Die Zuschreibung von positiven Eigenschaften auf bestimmte Charaktere, die gerade nicht den körperlichen Idealvorstellungen entsprechen, hätte einen großen Einfluss auf das Selbstbild ihres Publikums.
ZEIT online: Welches Interesse sollten Medien und Schönheitsindustrie denn überhaupt daran haben, das gängige Ideal zu verändern?
Borse:
Es wäre wünschenswert, wenn Medien und Modewelt in diesem Bereich Verantwortung übernähmen. Sie könnten dadurch eine gesellschaftliche Diskussion bewirken.
ZEIT online: Gibt es bereits Bestrebungen, den Schlankheitswahn auf den Laufstegen zu bekämpfen?
Borse: Ja, die Modeindustrie reagiert bereits. In Paris, Mailand und Madrid ist mittlerweile ein ausreichender Body-Mass-Index der Models Voraussetzung für den Laufsteg. Auch auf ein Mindestalter der zum Teil minderjährigen Models wird geachtet. In Frankreich gibt es sogar Gesetzesinitiativen, die eine verherrlichende Abbildung von Magersucht unter Strafe stellen wollen. In Deutschland will sich die Modeindustrie ebenfalls dazu verpflichten, einen nationalen Kodex gegen übertriebenen Schlankheitswahn in ihrer Branche zu erarbeiten. Wir sind europaweit auf einem guten Weg.
ZEIT online: Wie sinnvoll sind andere Aktionen, etwa die Initiative für wahre Schönheit der Kosmetikmarke dove - die damit ja auch Käufer gewinnen will?
Borse: Dove hilft uns, wertvolle Präventionsarbeit zu leisten. Ein von der Marke finanziell unterstütztes Projekt des Frankfurter Zentrums für Essstörungen versucht, junge Menschen in Schulen für Themen wie Schönheitsideale und Schlankheitswahn zu sensibilisieren. In einer Zeit, in der unsere Kinder immer früher medial überflutet werden und den propagierten Schönheitsbildern nahezu ungeschützt ausgeliefert sind, ist es besonders wichtig, ihnen ein positives Körpergefühl zu vermitteln und sie über die Manipulationstechniken der Schönheitsindustrie aufzuklären.
ZEIT online: Ist das allgemeine Körperverständnis denn wirklich so stark von Schönheitsidealen geprägt?
Borse:
Die Zahl der an Essstörungen erkrankten Mädchen ist erschreckend hoch. Eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeigt, dass über die Hälfte der 13- bis 14-Jährigen gern dünner sein würden. Jedes fünfte Kind in Deutschland zwischen 11 und 17 Jahren zeigt Symptome eines gestörten Essverhaltens, wie eine weitere Studie des Robert-Koch-Instituts ermittelte. Dabei handelt es sich nicht nur um Magersucht. Bei einigen Kindern schlägt es genau ins Gegenteil um, sie sind esssüchtig.
Wir sehen in unserer Projektarbeit, dass Mädchen sehr unsicher in Bezug auf ihren Körper sind. Es gibt bereits siebenjährige mit profunder Diäterfahrung. Das Denken vieler Frauen ist durch Kalorienzählen bestimmt. Was die Waage am Morgen anzeigt, ist gleichzeitig Stimmungsbarometer für den Tag. Das geht sogar so weit, dass sie nachts aufwachen, weil sie geträumt haben, sie hätten den Kühlschrank geplündert. Ziel muss es sein, diesen Frauen Wege zu einem besseren Selbstbewusstsein zu vermitteln, das nicht allein durch das Aussehen bestimmt ist.
ZEIT online: Zeigen Männer grundsätzlich einen selbstbewussteren Umgang mit ihren Rundungen?
Borse: Männer gehen anders mit ihrem Körper um. Aber auch sie sind von Essstörungen betroffen mit zunehmender Tendenz. Männer werden durch die Werbung immer stärker angesprochen, einem bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen. Gutes Aussehen und Styling zusammen ergibt das ideale Männerbild, das auch mit beruflichem Erfolg in Verbindung gebracht wird.
ZEIT online: Aber ist es nicht so, dass sich Männer und Frauen auch bewusst auf die gängigen Schönheitsideale einlassen?
Borse: Das ist tatsächlich paradox. Die Heilsversprechen von Schönheit und Schlankheit sprechen die Menschen tatsächlich an. Ohne dieses Bedürfnis, gäbe es auch keinen Markt, der Schönheitsideale verkaufen kann. Es ist eine wechselseitige Beziehung. Ich denke, es bleibt primär eine Frage von Selbstbewusstsein, welchen Raum diese Themen im Leben einnehmen.
Das Gespräch führte Stefanie Golla.
- Datum 08.05.2008 - 12:05 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 06.05.2008
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Ja, sagt der Schlankheits- und Schönheitstyrannei endlich den Kampf an!!! Es ist höchste Zeit!!! Es ist erschreckend, welche Rolle das äußere Erscheinungsbild für viele Menschen spielt - und das längst nicht nur für junge Frauen. Dazu muß man nicht einmal, wie Sigrid Borse, in einem Zentrum für Ess-Störungen arbeiten. Wie oft hört man Frauen aller Altersgruppen und Bildungsschichten über ihr Aussehen klagen. Dabei geht es um mehr als das übliche fishing for compliments. Der überkritische Blick auf die eigene Körperlichkeit ist ein Ausdruck tiefer Selbst-Verunsicherung. Und diese epidemisch auftretende Selbst-Verunsicherung hat immer auch etwas mit verinnerlichten Machtverhältnissen und Kontrollmechanismen zu tun. Nicht jeder hat die Kraft, sich der ständigen Bilderflut zu entziehen. Also wider der Tyrannei! Vom Cinco de Mayo, mit dem die Mexikaner den Sieg General Zaragozas über Maximilian von Österreich und Napoleon III feiern, zum Seis de Mayo, an dem ein neues Körperbewußtsein (hoffentlich genüsslich!) gefeiert wird! Ganz ähnlich wie der Earth Day kann auch der No Diet Day keine Wunder bewirken, aber es setzt ein Signal in die richtige Richtung. Gabrijela Mecky Zaragoza
Vielleicht sollte man auch einfach mal akzeptieren, dass die meisten Menschen körperlich einfach nciht besonders gut aussehen. Und wenn man sich dann schon von Werbebildern verunsichern lässt, die ja meist auch nachbearbeitet sind, muss man sich doch schon fragen, woher diese Unsicherheit kommt und ob die Ursachen nicht weit tieferliegen als nur bei der Fashionindustrie.
Und andererseits kann man auch einfach sagen, dass offensichtlich der Großteil der Gesellschaft das Fettsein für nicht besonders erstrebenswert erachtet, sonst hätte es sich auf Dauer wohl als eigenes Schönheitsideal durchgesetzt. Zumal derartige Feiertage wie der Anti-diät-Tag ja hauptsächlich von wirklich fetten (Frauen?) "begangen" werden.
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Bitte verzichten Sie auf beleidigende Äußerungen und geschmacklose Witze. Danke, die Redaktion/fk.
Natürlich ist der Schlankheitswahn heutzutage völlig übertrieben und reine Modesache - andrerseits sollte aber nicht vergessen werden, dass es auch eine Gesundheitsfrage ist, nicht allzu dick bzw. fett zu werden - und auch eine Frage der Selbstkontrolle, also auch der Anspruch an sich selbst, sich nicht (allzu sehr) gehen zu lassen! Mein Tipp für alle, die idiotische Diäten satt haben: "normale" Portionen essen, aber niemals nachgreifen. Das ist, finde ich, ein ziemlich guter Kompromiss und funktioniert meiner Meinung nach sehr gut. Dazu natürlich viel Bewegung (das ist fast noch wichtiger!), ausgeglichene Nahrung mit viel Obst, Gemüse und Fisch. Und natürlich nur ab und an mal zwischendurch Naschen!
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