Gesundheitssystem Alles auf eine Karte
Die elektronischen Gesundheitskarte soll nach etlichen Verzögerungen nun zum Jahresende starten. Doch viele Probleme sind nicht gelöst, Ärzten und Patienten droht ein Chaos
Ende des Jahres soll die neue elektronische Gesundheitskarte (eGK) endlich an alle Deutschen verteilt werden. Ganz bestimmt! Die Festlegung ist durchaus mutig. Denn das Riesen-Projekt sollte ursprünglich bereits am 1. Januar 2006 starten, musste aber aufgrund vieler Pannen und Fehlkalkulationen immer wieder verschoben werden.
Der bisher letzte geplatzte Termin war ausgerechnet der 1. April dieses Jahres. Auch er war nicht zu halten. Vom Ende des vierten Quartals bis zum ersten Quartal 2009 soll nun der "Roll-out" erfolgen, wie es schön technisch aus Kreisen des Konsortiums heißt, das das System entwickelt. Der Termin bedeute jedoch nicht, dass man wirklich fertig sei, vielmehr handele es sich um eine "politische Vorgabe". Zu Deutsch: Die Bundesregierung will sich keine weitere Panne bei diesem seit Jahren groß angekündigten Prestigeprojekt leisten, von dem sie schiere Wunderdinge verspricht.
Im Gesundheitsministerium bestätigt man den Termin auf Nachfrage, mehr aber auch nicht. Mit politischem Druck habe das nichts zu tun, sagt eine Sprecherin. Wird die gleiche harmlose Frage nach dem Zeitpunkt allerdings dem "Redaktionsbüro Gesundheit" gestellt, das eigentlich nur ein Telefon in einer Werbeagentur ist, die vom Ministerium beauftragt wurde, über die eGK zu informieren, heißt es, "politische Anfragen" beantworte man nicht. Es geht also offenbar um eine heikle Angelegenheit.
Nach jahrelangem Hin und Her wird die elektronische Gesundheitskarte nun wohl tatsächlich eingeführt – obwohl sie längst nicht fertig ist. Die Erwartungen an sie sind trotzdem riesig. Sehr viel besser soll das deutsche Gesundheitswesen werden und gleichzeitig billiger. Wirtschaftlichkeitsreserven erschließen, heißt das im Jargon der Bürokraten. Die "Lebensqualität der Patientinnen und Patienten" steigern, nennt es Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Ein Teil der Hightech-Strategie der Bundesregierung ist das Projekt außerdem, einem Leuchtturm gleich soll es auf andere abstrahlen und neue Technologien hervorbringen.
Ähnlich groß sind auf der anderen Seite die Befürchtungen derjenigen, die die elektronische Gesundheitskarte ablehnen. Der "gläserne Patient" werde entstehen, warnen Kritiker, Unmengen privater Informationen könnten in falsche Hände geraten, das Arzt-Patienten-Verhältnis könne schwer beschädigt oder gar zerstört werden, Patienten würden in Risikoklassen eingeteilt und dementsprechend behandelt. Ganz zu schweigen davon, dass die Karte keinen medizinischen Nutzen bringe und Ärzte und Patienten Milliarden koste.
Worum es eigentlich geht? Darum, dass Deutschland wieder einmal in etwas Weltmeister werden möchte. So wie bei der Autobahnmaut, für die die Bundesregierung ein Abrechnungssystem entwickeln ließ, das fast alles kann, auch wenn es leider sehr teuer wurde, sehr lange dauerte, bis es endlich funktionierte und ziemlich viele Menschen verärgerte.
Jetzt hat man sich also der Krankenkassenkarten angenommen. Seit 1994 braucht jeder gesetzlich Versicherte, geht er zum Arzt, eine Chipkarte, um sich zu identifizieren und zu beweisen, dass er versichert ist. Zumindest ein Teil der Behandlungen wird auch jetzt schon im Rechner des Arztes zusammen mit Daten der Chipkarte gespeichert und digital an die Krankenkassen zur Abrechnung geschickt.
Das neue System aber soll noch viel mehr können. Vor allem soll nach dem Willen des Gesundheitsministeriums die Karte künftig selbst als Speicher einer großen Menge von Patientendaten dienen. Der Sinn: Je mehr Informationen jemand mitbringt, wenn er zum Arzt oder Apotheker geht, desto besser kann dieser ihm helfen. Heute müssen viele Dinge noch erfragt, bei anderen Ärzten angefordert oder per eigener Untersuchung erhoben werden, beispielsweise wenn jemand nach einem Unfall bewusstlos ins Krankenhaus kommt. Bald soll das nicht mehr notwendig sein. Außerdem könnte jedes System, das die Karte einliest, die Informationen sofort zur Abrechnung von Leistungen nutzen.
Langfristig soll damit das Papier aus den Behandlungszimmern verschwinden; ob Rezept, Röntgenbild oder die ganze Krankenakte – die Karte merkt sich alles. "Medienbruchlos", also vollständig digital, ohne zwischendurch etwas ausdrucken zu müssen, würden die Krankengeschichten erhoben, abgerechnet und gespeichert, versprechen die an dem Projekt Beteiligten.
Dabei ist die Karte nur so etwas wie das Bindeglied. In erster Linie geht es darum, 130.000 ambulante Arztpraxen, 20.000 Apotheken, 54.000 Zahnärzte, 2200 Krankenhäuser und 300 Krankenversicherungen in Deutschland miteinander zu vernetzen und ein elektronisches Gesundheitssystem zu schaffen. Wenn es denn mal funktioniert.
Denn der eigentliche Vorteil des Systems ist sein Potenzial und nicht seine derzeitigen Fähigkeiten. Die Karte, so wie sie Ende des Jahres ausgegeben wird, unterscheidet sich von der alten Versichertenkarte nur durch das Foto, das aufgedruckt ist. Und dadurch, dass man nun bei jeder Benutzung eine sechs bis acht Stellen lange Geheimnummer eingeben muss. Mehr wird die Gesundheitskarte in der ersten Ausbaustufe nicht können, trotz aller großspurigen Ankündigungen. Bis alle Wünsche implementiert und die dafür notwendige Infrastruktur bei Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen aufgebaut ist, wird nach bisheriger Planung mindestens noch ein Jahrzehnt vergehen.
Doch schon die simplen Funktionen der alten Karte sind mit dem neuen System kompliziert genug. Bei bisherigen Tests zeigte sich, dass 75 Prozent der eingesetzten Karten von ihren Besitzern unbrauchbar gemacht wurden: Sie konnten sich entweder nicht mehr an die lange Geheimzahl erinnern oder scheiterten bei dem Versuch, die sogenannten Notfalldaten – so etwas wie eine Kurzkrankenakte – anzulegen und zu speichern. Das geht nur, wenn ein Arzt die Daten mit seiner Karte autorisiert, was oft vergessen wurde.
Auch die Ärzte selbst hatten ihre Mühe. 30 Prozent sperrten ihren zur Identifizierung nötigen Heilberufeausweis – ebenfalls durch falsche Geheimnummern. Außerdem gaben 2000 der 10.000 Karten mitten im Test den Geist auf, da ihre Sicherheitszertifikate abliefen und ungültig wurden. Der Feldversuch in Flensburg, einer von sieben, wurde daraufhin gestoppt.
Trotz solcher Ergebnisse glaubt die Bundesregierung, dass umfangreiche Tests während der Einführung der Gesundheitskarte nicht notwendig sind – oder streicht sie, um endlich mal einen Starttermin halten zu können. Im August 2007 sagte der zuständige Staatssekretär im Gesundheitsministerium, Klaus Theo Schröder, es werde keine sogenannten Hunderttausender-Testreihen geben, die nächst größere Stufe des Praxistests werde ausfallen . Nach heftiger Kritik heißt es nun im Ministerium, das sei ein Missverständnis gewesen, die Testreihen fänden doch statt.
Dafür hat man möglicherweise an anderer Stelle gestrichen. In dem Ablaufplan, nach dem die beteiligten Unternehmen arbeiten, ist für die Qualitätskontrolle kaum noch Zeit vorgesehen. Ursprünglich sollten die ersten Gesundheitskarten zuerst in Sachsen in Umlauf gebracht werden. Dabei war geplant, nach diesem "Durchstich" drei Quartale lang zu beobachten, wie das System funktioniert, bevor weitere Bundesländer hinzugekommen wären.
Diese Kontrollphase ist in dem aktuellen Plan, der die Erstausgabe in der Region Nordrhein festlegt, nun auf wenige Tage geschrumpft. Steckt dahinter Druck der Politik, die das Projekt unbedingt vor dem Wahljahr an den Start bringen will? Im Ministerium dementiert man das. Es sei nie eine Frist für die Überprüfungen vorgesehen gewesen, sagt die Sprecherin. Man werde die Qualitätskontrolle auf jeden Fall vornehmen. Wie viel Zeit dafür geplant sei, sagte sie indes nicht.
Verständlich immerhin ist es, dass das Gesundheitsministerium die Karte so schnell wie möglich herausbringen will, auch wenn es immer wieder Probleme gibt. Denn das Ding sprengt bereits jetzt jeden Etat. Laut Angaben der Bundesregierung kostet die Einführung der eGK samt dem Aufbau der Infrastruktur 1,4 Milliarden Euro, jedes Jahr des Betriebs dann weitere bis zu 150 Millionen. Die Zahlen sind aus dem Jahr 2004 und wurden, wie aus der Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion im Bundestag hervorgeht, bisher nicht aktualisiert.
Eine vom Chaos Computer Club veröffentlichte Kosten-Nutzen-Analyse der Wirtschaftsprüfungsfirma Booz Allen Hamilton aus dem Jahr 2006 dagegen rechnet mit ca. 2,8 Milliarden Euro für den Aufbau der Infrastruktur und den Betrieb in den ersten fünf Jahren, plus 585 Millionen für die Erstausgabe der Karten. Abzüglich der Betriebskosten wären das ungefähr 2,6 Milliarden für die Einführung, fast doppelt so viel, wie die Bundesregierung annimmt. Die bestreitet die Berechnungen und bleibt bei ihren Zahlen.
So ist es mit so ziemlich jeder Information rund um die Gesundheitskarte; es gibt immer mindestens zwei Meinungen. Ein erheblicher Teil des Wirrwarrs ist hausgemacht, lässt das Ministerium doch immer neue Fähigkeiten in das System einbauen und fordert immer neue Spezifikationen von den Entwicklern. Derzeit beispielsweise werden die Karten darauf vorbereitet, irgendwann auch als Organspenderausweis dienen zu können und zu speichern, welche Organe jemand zu spenden bereit ist.
Dabei sind schon jetzt die gewünschten Funktionen weit davon entfernt zu funktionieren. Vor allem die Zusammenarbeit der vielen Instanzen und Beteiligten, deren Daten abgerufen werden sollen, macht große technische Probleme. Die Politik wolle leider, sagt einer der zahlreichen beteiligten Entwickler, eine "alles umfassende Lösung", das Nonplusultra also. Was aus seiner Sicht fatal an das Drama um die Autobahnmaut erinnere.
Und ganz nebenbei bescherte die Gesundheitskarte der Bundesregierung noch eine heftige Kontroverse um den Datenschutz. Nicht ganz unverschuldet, will man doch sehr sensible Daten auf der Karte nicht nur sammeln, sondern sie auch möglichst überall verarbeiten und speichern können. Vor allem zwei Punkte sind es, die dabei Befürchtungen wecken:
der Schutz der Karte selbst
und der Plan, alle Daten zusätzlich zentral zu speichern.
Dabei sind es weniger die technischen Umsetzungen, die für Ängste sorgen. Immerhin bescheinigen Datenschützer dem Projekt vergleichsweise hohe Sicherheit. Vielmehr ist es die diffuse, aber nicht unberechtigte Sorge, eine solche Menge privater Daten werde irgendwann Begehrlichkeiten der Sicherheitsdienste und der Industrie wecken.
Zerstreuen kann die Bundesregierung diese nur schwer, macht sie doch beispielsweise beim Mautsystem gerade vor, dass ursprüngliche Beteuerungen, die Daten würden nur für ihren eigentlichen Zweck verwendet, nichts wert sind. Längst werden sie nicht nur zur Abrechnung gefahrener Kilometer, sondern zum Beispiel auch zur Fahndung benutzt.
Daneben gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Befürchtungen, beispielsweise, dass die Infrastruktur nicht stabil genug ausgelegt ist, um ständige Verzögerungen und Ausfälle beim Lesen der Karten und beim Datenabgleich zu vermeiden. Vor alle aber, dass nebenbei eine lebenslang gültige Versicherungsnummer für jeden Patienten geschaffen wird, die ähnlich viel über den Menschen verrät, wie die umstrittene Steuer-ID .
Die Gesundheitskarte könnte "zum Prototyp für den Aufbau einer komplexen IT-Infrastruktur werden, die funktioniert und zugleich den Anforderungen an ein IT-Verfahren in einer demokratischen und freiheitlichen Gesellschaft genügt", schreibt der Landesbeauftragte für den Datenschutz Schleswig-Holstein, Thilo Weichert, zu dem Thema . Wenn die Bundesregierung denn endlich einmal beherzigen würde, dass solche großen Projekte vor allem auf eines angewiesen sind: auf die Akzeptanz derjenigen, die davon betroffen sind. Ausdrücklich lobt Weichert den Versuch, durch Technik die Autonomie und den Schutz der Patienten und der Ärzte zu gewährleisten. Eines allerdings habe man bei all dem vergessen: "Die Patientinnen und Patienten wurden zu keinem Zeitpunkt gefragt, ob sie die elektronische Gesundheitskarte wollen."
- Datum 05.05.2008 - 12:04 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle ZEIT online
- Kommentare 7
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Ich habe so einen neuen Arztausweis. Mit diesem Arztausweis kann mittels eines D2D (doc to doc) genannten Systemes elektronisch Arztbriefe versenden. Die Einrichtungskosten betrugen ca. 2500.- Euro. Die dazugehörige Fortbildung dauerte 4 Stunden. 4 Stunden waren Techniker in unserer Praxis und störten den Betrieb (sie waren sehr freundlich, aber Techniker im laufenden Betrieb sind immer ungünstig ). Nach 6 Monaten ist es uns noch nicht gelungen, einen Arztbrief zu verschicken. Wir haben das Projekt dann erstmal wieder bei Seite gelegt, zumal uns dann die neue Gebührenordnung EBM 2008+ gehörig gerüttelt hat.
Wenn ich an das Eintippen der Geheimzahlen der neuen Patientenkarten an der Rezeption denke, wird mir ganz elend. Wir sind eine neurologisch-psychiatrische Praxis und viele der Patienten haben kognitive Defizite. Das gibt ein Drama. Und wie soll das im Altenheim laufen? Der Pat. liegt dement und immobil im Bett. Die Altenpfleger sind hoffnungslos überlastet und rennen auf der Station hin und her. Wer soll dann die Geheimnummer wissen und eintippen?
Man hat ja doch als Frontmann das Gefühl, dass die Politik mit Druck etwas durchstzen will, was technologisch noch nicht reif ist. Die geforderten Userfähigkeiten liegen bis jetzt deutlich über denen, die für das Handling eines Bankkontos notwendig sind und hierbei muss ja schon der ein oder andere Ältere Hilfe in Anspruch nehmen.
Wir werden dann also wenn die el. Gesundheitskarte kommen sollte, zahlreiche Hilfskräfte brauchen, die vor allem den älteren Mitbürgern beim Arztbesuch helfen. Die personellen Ressourcen hierfür werden die Arztpraxen nicht zur Verfügung stellen können, es sei denn, dass endlich mal ein ordentlicher Schuss Geld in die Kassen kommt.
Insgesamt vermittelt die Politik immer wieder das Gefühl, dass der Systemausstieg wohl am effizientesten ist. All mein Streben richte ich auch darauf.
Im Nachfolgeartikel "Chaos um die Gesundheitskarte" (http://www.zeit.de/politi...) habe ich es kommentiert, die Gesundheitskarte ist in dem dort beschriebenen Mechanismus leider kein Einzelfall, es ist schlicht die Regel.
Im Nachfolgeartikel "Chaos um die Gesundheitskarte" (http://www.zeit.de/politi...) habe ich es kommentiert, die Gesundheitskarte ist in dem dort beschriebenen Mechanismus leider kein Einzelfall, es ist schlicht die Regel.
Auf der Karte selbst werden nur rudimentäre Daten gespeichert - wie bisher auch schon. Sehr viel mehr passt da auch gar nicht drauf.Zusätzlich gibt es die Möglichkeit Transferdaten wie Rezepte, Ärztebriefe, Blutgruppe usw. dort zu speichern - wobei zum Auslesen wiederum eine PIN erforderlich ist - was gerade in Notfallsituationen mehr als abwegig ist.Wie Biermann eher beiläufig und Kommentator #1 aus der Praxis schon beschrieb, ist das ganze System irrwitzig an der Zielgruppe vorbei geplant und umgesetzt. Wer soll mit bis zu drei unterschiedlichen PINs in kurzer Folge klarkommen, wenn die gleichen Leute scon am Geldautomaten mit einer PIN nicht klarkommen und das öfter vorkommt.Was soll mit der Karte erreicht werden?Hier hat Biermann zaghaft einige Beweggründe benannt, aber die wesentlichen verschwiegen oder falsch dargestellt.Die Karte ist grundsätzlich nur Teil des Schlüssels zu einer neuen riesigen zentralen Datenbank mit den Gesundheitsdaten eines jeden Patienten (und auch denen der Ärzte und Institutionen). Ohne die Patientenkarte soll angeblich kein Zugriff bestehen, was nicht wirklich nachvollziehbar ist, wenn man an Verluste und ggf. neue Karten denkt.Sind die Datenbanken erst mal angelegt kann dann von jeder interessierten (und hoffentlich berechtigten Stelle) aus, das gesamte Lebensbild des Patienten abgerufen werden.Die Krankenkassen z.B. wissen momentan eigentlich recht wenig über ihre Kunden - aber das wird sich schlagartig ändern. Lassen sich doch (Risiko-)Profile mit allen Ausprägungen nach Regionen, Altersgruppen, Krankheiten, Medikamenten, Zugehörigkeiten jedweder Art und Vermengungen daraus erstellen. Ein gefundenes Fressen für Versicherer, Arbeitgeber, Regierungen und Datensammler jeglicher Couleur.Was das für den Einzenlnen bedeutet, wird sich noch herausstellen. Aber sicher dürfte sein, das es für viele noch teurer wird, aber für niemanden billiger sein persönliches Risiko abzudecken wie bisher in der weitgehend anonymen solidarischen Gemeinschaft.Dann wird bei Einstellungen nicht mehr nur im Internet nach (früheren und aktuellen) Lebensäußerungen geschaut, sondern auch noch in der Gesundheitsdatenbank gestöbert - denn es wird nicht lange dauern, bis diese Daten zumindest in rudimentärer Form verfügbar werden und ein Scoring erlauben vergleichbar bei Schufa & Co.Es wird dann so wie mit den biometrischen Pässen und neuen Ausweisen, die demnächst kommen und in einem neuen zentralen Meldregister gespeichert werden sollen. Alle Daten direkt im Zugriff inkl. Fingerabdrücken, Bild und restlichen persönlichen Daten - am Besten gleich noch verknüpft mit der als Steuernummer getarnten PKZ (Personenenkennziffer, die das BVerfG eindeutig verboten hatte) als oberstes Zuordnungs- und Suchkriterium - wo sich die Daten der Gesundheitskarte wohl auch bald eingliedern lässt.Dazu kommt noch die geplante Datenbank mit den monatlich zu ergänzenden Einkommensdaten aller Erwerbstätigen, die auch diese Steuernummer genannte PKZ beinhaltet.Big Brother (Schäuble & Co.) is watching you - everywhere in your lifetime.
Das System ist definitiv noch nicht fertig und wird in den nächsten Jahren noch viele Änderungen erfahren, auch wenn das uns (die Industrie) überhaupt nicht freuen kann.
Seit Jahren arbeiten wir an einer "eierlegenden Wollmilchsau" der Politik und werden wieder und wieder mit neuen Änderungen "beglückt", die einzuarbeiten, erneut viel Geld kostet. Insgesamt dürften auf diese Weise schon viele Millionen verbrannt worden sein, über die niemand redet.
Viele Änderungen werden ausschließlich vor dem Hintergrund vorgenommen, das Gesamtsystem mit immer mehr Sicherheit auszustatten und damit die Angriffszenarien zu minimieren. Schon heute ist das System um ein Vielfaches sicherer als jedes Banking je sein wird.
Diese Sicherheit hat dann seinen Preis und spiegelt sich z. B. in den verflixten PIN-Eingaben wieder, wo die Sicherheit an menschlichen Grenzen scheitert.
Die mit hohem Aufwand durch die Industrie bereitgestellte Sicherheit wird so schließlich wieder negiert, wenn die PIN z. B. durch den Arzt eingegeben werden soll, wie dies jetzt in Flensburg überlegt wird.
Aber: im Rahmen des bevorstehenden Basis-Rollouts der eGK spielt die PIN überhaupt keine Rolle! Hier wird die Gesundheitskarte nur im gleichen Umfang eingesetzt wie die bisherige Krankenversichertenkarte. Unverändert werden nur die Versichertenstammdaten gelesen und an die Praxisverwaltung für die spätere Abrechnung übertragen.
Auch wenn das elektronische Rezept kommt, wird vom Patienten keine PIN benötigt, sondern nur vom Arzt.
Die Patienten-PIN wird nur bei den freiwilligen Eintragungen der Notfalldaten und einer Patientenakte gefordert, damit der Patient selbst dem Arzt gegenüber nicht gläsern wird. Bis dahin ist es aber noch ein langer, steiniger Weg, wenn man einmal von den Testregionen absieht.
Nicht das pauschale Ablehnen ist gefragt, sondern ein aktives Mitgestalten, um auch der Politik gegenüber deutlich zu machen, dass der Mensch als Patient im Mittelpunkt der Gesundheitspolitik stehen muss. Dazu gehört jeder Einzelne - auch Politiker, Industriebosse und Ärzte
Beste Grüße aus der Industrie
cui bono? Where is the money?Cutting through all the bullshit*, bietet die Gesundheitskarte nur einen einzigen Nutzen: Ermittlung des individuellen Versicherungsrisikos. Die Gesundheitskarte ist, soweit ich das nachvollziehen kann, aus folgender Überlegung heraus entstanden: Seit geraumer Zeit beklagen sich die großen Ortskrankenkassen (AOK&friends) darüber, dass junge gesunde Menschen aus der AOK austreten und in günstige BKKs eintreten. Die AOKs behaupten, ihr vergleichsweise hoher Beitrag resultiere aus der Tatsache, dass über die AOK überproportional viele "sozial Schwache" versichert seien. Nun erlaubt die momentane "Rechnungslegung" der Ärzte nur bedingt, diese Vermutung mit Zahlen zu untermauern. Die Gesundheitskarte würde es jedoch ermögliche, das Risiko jeder Krankenkasse zu errechnen und diesem Ergebnis im Finanzausgleich unter den Kassen Rechnung zu tragen...Bedauerlicherweise wird dies durch den Gesundheitsfond quasi obsolet... Womit ich mich frage, was der ganze Zirkus eigentlich noch soll.GrüßeTrench*: 1.) Doppeluntersuchungen: Der "Arztlohn" ist schon seit langer langer Zeit gedeckelt. Ob in Deutschland im Jahr zehntausend oder zwanzigtausend Lungen geröntgt werden spielt finanziell keine Rolle. Im Falle der zwanzigtausend bekommen die Ärzte nur die Hälfte für jede Lunge bezahlt.2.) Notfalldaten: Wird wenig bringen und sowieso kaum funktionieren. Darüberhinaus ließe sich soetwas wesentlich einfacher und kostengünstiger realisieren.3.) Waren da noch mehr tolle Killerfeatures?
Guten Abend,danke für Ihre Kritik. Biermann glaubt, dass er
versucht hat, das Ganze ein wenig objektiver darzustellen. Sämtliche
Datenschützer - darunter des Herunterspielens von solchen Gefahren
völlig unverdächtige wie eben Thilo Weichert - sind sich einig, dass
viel dafür getan wird, die Daten des Einzelnen vergleichsweise gut zu
sichern. Das heißt nicht, dass die von Ihnen beschriebenen
Missbrauchsmöglichkeiten nicht bestehen. Die Furcht davor ist völlig berechtigt. Es heißt nur, dass sie derzeit
noch nicht nachweisbar sind. Letztlich ist die Karte ein
Beleg dafür, dass unser Leben immer stärker vernetzt wird, dass wir an
jedem Ort und zu jeder Zeit Daten produzieren, die viel über uns
verraten. Das ist furchtbar, aber nicht mehr zu ändern, es sei denn,
man bombt die Menschheit zurück in die Steinzeit. Daher findet
Biermann, dass es wichtig ist, nach Wegen zu suchen, mit dem Problem
umzugehen, Dinge besser zu machen. Sie per se abzulehnen, hält Biermann
für nachvollziehbar, aber für wenig aussichtsreich.Beste GrüßeKai Biermann
es bedarf aufgrund der Erfahrungen in den letzten Wochen (England/Deutschland Datenklau und Datenverluste im ÖD) keiner ausgeprägten Phantasie mehr um vorauszusehen, daß es einen Datengau auch mit der eGesundheitskarte geben wird.Ähnlich wie in Italien werden dann diese Daten millionenfach im Netz auftauchen.Das wird kommen, keine Utopie, mittlerweile schon "alltäglich".Ist es das wert?
Im Nachfolgeartikel "Chaos um die Gesundheitskarte" (http://www.zeit.de/politi...) habe ich es kommentiert, die Gesundheitskarte ist in dem dort beschriebenen Mechanismus leider kein Einzelfall, es ist schlicht die Regel.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren