Gesundheitssystem Alles auf eine KarteSeite 4/4

Dabei sind es weniger die technischen Umsetzungen, die für Ängste sorgen. Immerhin bescheinigen Datenschützer dem Projekt vergleichsweise hohe Sicherheit. Vielmehr ist es die diffuse, aber nicht unberechtigte Sorge, eine solche Menge privater Daten werde irgendwann Begehrlichkeiten der Sicherheitsdienste und der Industrie wecken.

Zerstreuen kann die Bundesregierung diese nur schwer, macht sie doch beispielsweise beim Mautsystem gerade vor, dass ursprüngliche Beteuerungen, die Daten würden nur für ihren eigentlichen Zweck verwendet, nichts wert sind. Längst werden sie nicht nur zur Abrechnung gefahrener Kilometer, sondern zum Beispiel auch zur Fahndung benutzt.

Daneben gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Befürchtungen, beispielsweise, dass die Infrastruktur nicht stabil genug ausgelegt ist, um ständige Verzögerungen und Ausfälle beim Lesen der Karten und beim Datenabgleich zu vermeiden. Vor alle aber, dass nebenbei eine lebenslang gültige Versicherungsnummer für jeden Patienten geschaffen wird, die ähnlich viel über den Menschen verrät, wie die umstrittene Steuer-ID .

Die Gesundheitskarte könnte "zum Prototyp für den Aufbau einer komplexen IT-Infrastruktur werden, die funktioniert und zugleich den Anforderungen an ein IT-Verfahren in einer demokratischen und freiheitlichen Gesellschaft genügt", schreibt der Landesbeauftragte für den Datenschutz Schleswig-Holstein, Thilo Weichert, zu dem Thema . Wenn die Bundesregierung denn endlich einmal beherzigen würde, dass solche großen Projekte vor allem auf eines angewiesen sind: auf die Akzeptanz derjenigen, die davon betroffen sind. Ausdrücklich lobt Weichert den Versuch, durch Technik die Autonomie und den Schutz der Patienten und der Ärzte zu gewährleisten. Eines allerdings habe man bei all dem vergessen: "Die Patientinnen und Patienten wurden zu keinem Zeitpunkt gefragt, ob sie die elektronische Gesundheitskarte wollen."

 
Leser-Kommentare
  1. Ich habe so einen neuen Arztausweis. Mit diesem Arztausweis kann mittels eines D2D (doc to doc) genannten Systemes elektronisch Arztbriefe versenden. Die Einrichtungskosten betrugen ca. 2500.- Euro. Die dazugehörige Fortbildung dauerte 4 Stunden. 4 Stunden waren Techniker in unserer Praxis und störten den Betrieb (sie waren sehr freundlich, aber Techniker im laufenden Betrieb sind immer ungünstig ). Nach 6 Monaten ist es uns noch nicht gelungen, einen Arztbrief zu verschicken. Wir haben das Projekt dann erstmal wieder bei Seite gelegt, zumal uns dann die neue Gebührenordnung EBM 2008+ gehörig gerüttelt hat.
     
    Wenn ich an das Eintippen der Geheimzahlen der neuen Patientenkarten an der Rezeption denke, wird mir ganz elend. Wir sind eine neurologisch-psychiatrische Praxis und viele der Patienten haben kognitive Defizite. Das gibt ein Drama. Und wie soll das im Altenheim laufen? Der Pat. liegt dement und immobil im Bett. Die Altenpfleger sind hoffnungslos überlastet und rennen auf der Station hin und her. Wer soll dann die Geheimnummer wissen und eintippen?
     
    Man hat ja doch als Frontmann das Gefühl, dass die Politik mit Druck etwas durchstzen will, was technologisch noch nicht reif ist. Die geforderten Userfähigkeiten liegen bis jetzt deutlich über denen, die für das Handling eines Bankkontos notwendig sind und hierbei muss ja schon der ein oder andere Ältere Hilfe in Anspruch nehmen.
     
    Wir werden dann also wenn die el. Gesundheitskarte kommen sollte, zahlreiche Hilfskräfte brauchen, die vor allem den älteren Mitbürgern beim Arztbesuch helfen. Die personellen Ressourcen hierfür werden die Arztpraxen nicht zur Verfügung stellen können, es sei denn, dass endlich mal ein ordentlicher Schuss Geld in die Kassen kommt.
     
    Insgesamt vermittelt die Politik immer wieder das Gefühl, dass der Systemausstieg wohl am effizientesten ist. All mein Streben richte ich auch darauf.
     

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    Im Nachfolgeartikel "Chaos um die Gesundheitskarte" (http://www.zeit.de/politi...) habe ich es kommentiert, die Gesundheitskarte ist in dem dort beschriebenen Mechanismus leider kein Einzelfall, es ist schlicht die Regel.

    Im Nachfolgeartikel "Chaos um die Gesundheitskarte" (http://www.zeit.de/politi...) habe ich es kommentiert, die Gesundheitskarte ist in dem dort beschriebenen Mechanismus leider kein Einzelfall, es ist schlicht die Regel.

  2. Auf der Karte selbst werden nur rudimentäre Daten gespeichert - wie bisher auch schon. Sehr viel mehr passt da auch gar nicht drauf.Zusätzlich gibt es die Möglichkeit Transferdaten wie Rezepte, Ärztebriefe, Blutgruppe usw. dort zu speichern - wobei zum Auslesen wiederum eine PIN erforderlich ist - was gerade in Notfallsituationen mehr als abwegig ist.Wie Biermann eher beiläufig und Kommentator #1 aus der Praxis schon beschrieb, ist das ganze System irrwitzig an der Zielgruppe vorbei geplant und umgesetzt. Wer soll mit bis zu drei unterschiedlichen PINs in kurzer Folge klarkommen, wenn die gleichen Leute scon am Geldautomaten mit einer PIN nicht klarkommen und das öfter vorkommt.Was soll mit der Karte erreicht werden?Hier hat Biermann zaghaft einige Beweggründe benannt, aber die wesentlichen verschwiegen oder falsch dargestellt.Die Karte ist grundsätzlich nur Teil des Schlüssels zu einer neuen riesigen zentralen Datenbank mit den Gesundheitsdaten eines jeden Patienten (und auch denen der Ärzte und Institutionen). Ohne die Patientenkarte soll angeblich kein Zugriff bestehen, was nicht wirklich nachvollziehbar ist, wenn man an Verluste und ggf. neue Karten denkt.Sind die Datenbanken erst mal angelegt kann dann von jeder interessierten (und hoffentlich berechtigten Stelle) aus, das gesamte Lebensbild des Patienten abgerufen werden.Die Krankenkassen z.B. wissen momentan eigentlich recht wenig über ihre Kunden - aber das wird sich schlagartig ändern. Lassen sich doch (Risiko-)Profile mit allen Ausprägungen nach Regionen, Altersgruppen, Krankheiten, Medikamenten, Zugehörigkeiten jedweder Art und Vermengungen daraus erstellen. Ein gefundenes Fressen für Versicherer, Arbeitgeber, Regierungen und Datensammler jeglicher Couleur.Was das für den Einzenlnen bedeutet, wird sich noch herausstellen. Aber sicher dürfte sein, das es für viele noch teurer wird, aber für niemanden billiger sein persönliches Risiko abzudecken wie bisher in der weitgehend anonymen solidarischen Gemeinschaft.Dann wird bei Einstellungen nicht mehr nur im Internet nach (früheren und aktuellen) Lebensäußerungen geschaut, sondern auch noch in der Gesundheitsdatenbank gestöbert - denn es wird nicht lange dauern, bis diese Daten zumindest in rudimentärer Form verfügbar werden und ein Scoring erlauben vergleichbar bei Schufa & Co.Es wird dann so wie mit den biometrischen Pässen und neuen Ausweisen, die demnächst kommen und in einem neuen zentralen Meldregister gespeichert werden sollen. Alle Daten direkt im Zugriff inkl. Fingerabdrücken, Bild und restlichen persönlichen Daten - am Besten gleich noch verknüpft mit der als Steuernummer getarnten PKZ (Personenenkennziffer, die das BVerfG eindeutig verboten hatte) als oberstes Zuordnungs- und Suchkriterium - wo sich die Daten der Gesundheitskarte wohl auch bald eingliedern lässt.Dazu kommt noch die geplante Datenbank mit den monatlich zu ergänzenden Einkommensdaten aller Erwerbstätigen, die auch diese Steuernummer genannte PKZ beinhaltet.Big Brother (Schäuble & Co.) is watching you - everywhere in your lifetime.

  3. Das System ist definitiv noch nicht fertig und wird in den nächsten Jahren noch viele Änderungen erfahren, auch wenn das uns (die Industrie) überhaupt nicht freuen kann.
    Seit Jahren arbeiten wir an einer "eierlegenden Wollmilchsau" der Politik und werden wieder und wieder mit neuen Änderungen "beglückt", die einzuarbeiten, erneut viel Geld kostet. Insgesamt dürften auf diese Weise schon viele Millionen verbrannt worden sein, über die niemand redet.
    Viele Änderungen werden ausschließlich vor dem Hintergrund vorgenommen, das Gesamtsystem mit immer mehr Sicherheit auszustatten und damit die Angriffszenarien zu minimieren. Schon heute ist das System um ein Vielfaches sicherer als jedes Banking je sein wird.
    Diese Sicherheit hat dann seinen Preis und spiegelt sich z. B. in den verflixten PIN-Eingaben wieder, wo die Sicherheit an menschlichen Grenzen scheitert.
    Die mit hohem Aufwand durch die Industrie bereitgestellte Sicherheit wird so schließlich wieder negiert, wenn die PIN z. B. durch den Arzt eingegeben werden soll, wie dies jetzt in Flensburg überlegt wird.
    Aber: im Rahmen des bevorstehenden Basis-Rollouts der eGK spielt die PIN überhaupt keine Rolle! Hier wird die Gesundheitskarte nur im gleichen Umfang eingesetzt wie die bisherige Krankenversichertenkarte. Unverändert werden nur die Versichertenstammdaten gelesen und an die Praxisverwaltung für die spätere Abrechnung übertragen.
    Auch wenn das elektronische Rezept kommt, wird vom Patienten keine PIN benötigt, sondern nur vom Arzt.
    Die Patienten-PIN wird nur bei den freiwilligen Eintragungen der Notfalldaten und einer Patientenakte gefordert, damit der Patient selbst dem Arzt gegenüber nicht gläsern wird. Bis dahin ist es aber noch ein langer, steiniger Weg, wenn man einmal von den Testregionen absieht.
    Nicht das pauschale Ablehnen ist gefragt, sondern ein aktives Mitgestalten, um auch der Politik gegenüber deutlich zu machen, dass der Mensch als Patient im Mittelpunkt der Gesundheitspolitik stehen muss. Dazu gehört jeder Einzelne - auch Politiker, Industriebosse und Ärzte
    Beste Grüße aus der Industrie

  4. cui bono? Where is the money?Cutting through all the bullshit*, bietet die Gesundheitskarte nur einen einzigen Nutzen: Ermittlung des individuellen Versicherungsrisikos. Die Gesundheitskarte ist, soweit ich das nachvollziehen kann, aus folgender Überlegung heraus entstanden: Seit geraumer Zeit beklagen sich die großen Ortskrankenkassen (AOK&friends) darüber, dass junge gesunde Menschen aus der AOK austreten und in günstige BKKs eintreten. Die AOKs behaupten, ihr vergleichsweise hoher Beitrag resultiere aus der Tatsache, dass über die AOK überproportional viele "sozial Schwache" versichert seien. Nun erlaubt die momentane "Rechnungslegung" der Ärzte nur bedingt, diese Vermutung mit Zahlen zu untermauern. Die Gesundheitskarte würde es jedoch ermögliche, das Risiko jeder Krankenkasse zu errechnen und diesem Ergebnis im Finanzausgleich unter den Kassen Rechnung zu tragen...Bedauerlicherweise wird dies durch den Gesundheitsfond quasi obsolet... Womit ich mich frage, was der ganze Zirkus eigentlich noch soll.GrüßeTrench*: 1.) Doppeluntersuchungen: Der "Arztlohn" ist schon seit langer langer Zeit gedeckelt. Ob in Deutschland im Jahr zehntausend oder zwanzigtausend Lungen geröntgt werden spielt finanziell keine Rolle. Im Falle der zwanzigtausend bekommen die Ärzte nur die Hälfte für jede Lunge bezahlt.2.) Notfalldaten: Wird wenig bringen und sowieso kaum funktionieren. Darüberhinaus ließe sich soetwas wesentlich einfacher und kostengünstiger realisieren.3.) Waren da noch mehr tolle Killerfeatures?

  5. Redaktion

    Guten Abend,danke für Ihre Kritik. Biermann glaubt, dass er
    versucht hat, das Ganze ein wenig objektiver darzustellen. Sämtliche
    Datenschützer - darunter des Herunterspielens von solchen Gefahren
    völlig unverdächtige wie eben Thilo Weichert - sind sich einig, dass
    viel dafür getan wird, die Daten des Einzelnen vergleichsweise gut zu
    sichern. Das heißt nicht, dass die von Ihnen beschriebenen
    Missbrauchsmöglichkeiten nicht bestehen. Die Furcht davor ist völlig berechtigt. Es heißt nur, dass sie derzeit
    noch nicht nachweisbar sind. Letztlich ist die Karte ein
    Beleg dafür, dass unser Leben immer stärker vernetzt wird, dass wir an
    jedem Ort und zu jeder Zeit Daten produzieren, die viel über uns
    verraten. Das ist furchtbar, aber nicht mehr zu ändern, es sei denn,
    man bombt die Menschheit zurück in die Steinzeit. Daher findet
    Biermann, dass es wichtig ist, nach Wegen zu suchen, mit dem Problem
    umzugehen, Dinge besser zu machen. Sie per se abzulehnen, hält Biermann
    für nachvollziehbar, aber für wenig aussichtsreich.Beste GrüßeKai Biermann

    • hacon
    • 07.05.2008 um 1:08 Uhr

    es bedarf aufgrund der Erfahrungen in den letzten Wochen (England/Deutschland Datenklau und Datenverluste im ÖD) keiner ausgeprägten Phantasie mehr um vorauszusehen, daß es einen Datengau auch mit der eGesundheitskarte geben wird.Ähnlich wie in Italien werden dann diese Daten millionenfach im Netz auftauchen.Das wird kommen, keine Utopie, mittlerweile schon "alltäglich".Ist es das wert?

  6. Im Nachfolgeartikel "Chaos um die Gesundheitskarte" (http://www.zeit.de/politi...) habe ich es kommentiert, die Gesundheitskarte ist in dem dort beschriebenen Mechanismus leider kein Einzelfall, es ist schlicht die Regel.

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