60 Jahre Israel Wunsch nach neuen Brücken
"LiveHatikwa" ist eines der offiziellen Jubiläumsprojekte prominenter jüdischer Diaspora-Organisationen. Hinter diesem Simultan-Happening steht vor allem die Suche nach Gemeinsamkeiten
"Wir Israelis glauben, wir befänden uns im Zentrum der jüdischen Welt. Dabei wissen wir gar nicht viel über die jüdische Diaspora. Was aber kann uns miteinander verbinden?" fragt Galia Albin aus dem Küstenstädtchen Herzliya nördlich von Tel Aviv. Und dann gibt sie auch gleich die Antwort: Die israelische Nationalhymne Hatikwa, die zugleich das Lied des jüdischen Volkes sei.
So entstand auch ihr Projekt LiveHatikwa, an dem die Israelin fast ein Jahr lang gearbeitet hat. Es gehört mittlerweile zu den offiziellen Jubiläumsprojekten prominenter jüdischer Diaspora-Organisationen. In diesem Simultan-Happening sollen die Mitglieder von insgesamt zweihundert jüdischen Gemeinden in aller Welt gemeinsam die Hatikwa singen.
Als Zeitfenster sind die letzten fünf Minuten des offiziellen israelischen Programms anlässlich der Eröffnungsfeierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag bestimmt. Also am Mittwoch, den 7. Mai, gegen halb zehn Uhr abends. Dann soll der berühmte Sänger Yehoram Gaon, der im zweiten Fernsehkanal durch die Sendung führt, das Lied anstimmen – bis sich auf dem Bildschirm und in zahlreichen Internetseiten zweihundert kleine Fenster zu einem Mosaik aus zweihundert singenden Diasporagemeinden auftun. Manche Teilnehmer wollen das "globale Ereignis" nutzen, um den Guiness-Weltrekord im gemeinsamen Singen von Nationalhymnen zu brechen.
Hinter dem anekdotischen Charakter des Unterfangens verbirgt sich aber durchaus ein tieferes Anliegen: Nämlich der Wunsch nach neuen Brücken. Denn waren einst die frühen israelischen Staatsmänner davon ausgegangen, dass Israel – als politisch souveränes Land – für die Juden in aller Welt sprechen würde, so stellte sich dieser Anspruch schnell als Illusion heraus. Die Juden in der Diaspora sahen sich als loyale Staatsbürger in ihren jeweiligen Ländern – mit Israel als Ankerpunkt, dessen Zentralität heute aber vor allem von der jüngeren Generation immer mehr in Frage gestellt wird. Außerdem entfernen sich immer mehr nicht nur von Israel, sondern überhaupt von ihrem Judentum und ihrer jüdischen Identität.
Zudem hat sich das demografische Gleichgewicht nach Israel verlagert. Nach dem Holocaust waren elf Millionen Juden auf der Welt verblieben. Nach einer Statistik der Hebräischen Universität in Jerusalem leben heute 41 Prozent aller Juden in Israel.
Bei der Suche nach Gemeinsamkeiten ist Galia Albin an einer breiten spirituellen Basis interessiert, weit weg von jenen traditionellen Bindungen, in der die Diaspora in die historische Geberrolle gestellt wird und Israel die Nehmerrolle einnimmt. Hatikwa sei nur ein Instrument, um sich an alle Betroffenen zu wenden und zu sagen: "Wir sind sechzig Jahre nach dem Holocaust immer nur noch 13 Millionen, weil wir alle zehn Jahre eine Million durch interreligiöse Ehen verlieren." Deshalb freute sie sich besonders über E-Mails, in der die Botschaft lautete: "Ich bin jüdisch und auch nicht. Eigentlich ist es mir egal, aber mir macht es nichts aus, dreieinhalb Minuten zu stehen und zu singen."
Zu ihrer bevorzugten Zielgruppe gehören deshalb die Außenseiter, die sich normalerweise gar nicht im Zentrum des jüdischen Geschehens sehen. Zu jenen, die sich von ihrer Botschaft angesprochen fühlten gehört zum Beispiel "ein russischer Rapper, der heute in Shanghai lebt und mitsingen will, ebenso wie ein Blumenhändler in Cape Cod." Albin ist klar, dass LiveHatikwa zu dem jetzigen Zeitpunkt noch lediglich eine Art Gimmick darstellt, aus dem sie aber gerne einen Weckruf machen möchte – um über bessere Zukunft nachzudenken. "Herzl hatte die Vision von einem beispielhaften Staat, mit gebildeten, toleranten Menschen, wo es keine Gewalt geben würde," sagt sie. In dieser Hinsicht "sind wir gescheitert. Es gibt 700.000 Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, wir haben soziale Probleme." In den nächsten sechzig Jahren, so hofft sie, sollten diese Schwachstellen wie viele andere korrigiert werden.
- Datum 07.05.2008 - 09:37 Uhr
- Quelle ZEIT online
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