60 Jahre Israel "Viele Bilder lügen"

Der israelische Magnum-Fotograf Micha Bar-Am hat die vergangenen sechzig Jahre seines Landes mit der Kamera begleitet. Im Interview spricht er über die Macht und Verletzlichkeit von Bildern

ZEIT online: Sie fotografieren schon so lange, wie es den Staat Israel gibt. Welche Bilder haben sich bei Ihnen besonders eingeprägt?

Micha Bar-Am: Mich interessieren heute vor allem jene, die im Nachhinein eine andere oder zusätzliche Interpretation bekommen haben. Ein Beispiel dafür ist ein Bild, das ich vor mehr als 50 Jahren gemacht habe. Es stammt aus der Zeit der großen Einwanderungswellen aus den arabischen Ländern. Dort sieht man eine blonde israelische Soldatin, eine Lehrerin, die einem dunkelhäutigen Einwandererkind das Lesen beibringt. Sie hatte sich freiwillig gemeldet, um in einem der Auffanglager zu unterrichten. Wenn dieses Bild heute irgendwo erscheint, provoziert es ganz andere Reaktionen als damals. Dann symbolisiert es die Dominanz des europäisch geprägten Establishments gegenüber den orientalischen Juden. Das ist längst ein großes Thema in akademischen Soziologenkreisen. Anstatt die freiwillige Arbeit zu symbolisieren, die das Militär und ihre Angehörigen leisten wollten, bekam das Bild eine andere Bedeutung. Der Fotograf, im Zentrum des Geschehens, begreift oft all die Dinge, gar nicht, die er da auffängt und die oft erst später erkannt werden. Das finde ich äußerst spannend, denn es interessiert mich, wie sich die Menschen erinnern.

ZEIT online: Wissen Sie etwas über die Soldatin?

Bar-Am: Die Frau ist eine Bekannte, mit der ich bis heute Kontakt habe. Sie sagt, der Junge sei neun Jahre alt gewesen, habe nicht bis zehn zählen können. Sie hätte sich verantwortlich gefühlt und sich deshalb engagiert. Das Bild wurde übrigens auch in Deutschland auf dem Titel der Illustrierten Bunte abgedruckt. Da repräsentierte die blonde Israelin in Uniform wieder etwas ganz anderes. Denn das Bild kontrastierte mit jenen Vorstellungen, die man sich bis dahin üblicherweise von Juden gemacht hatte.

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ZEIT online: Stört Sie die Uminterpretation?

Bar-Am: Nein, ich halte es in gewisser Weise sogar für ein Kompliment. Denn so entdecke ich meine Bilder heute fast alle neu. Es gibt noch ein anderes interessantes Beispiel - aus dem Sechstagekrieg von 1967. Die israelischen Fallschirmspringer kommen nach dem Sieg zur Jerusalemer Klagemauer, nachdem den Israelis der Zugang dorthin lange Zeit versperrt gewesen war. Auf meinem Bild steht ein Soldat mit einer gestrickten Kippa auf dem Kopf vor der Mauer und trägt eine Gewehrkugelkette um den Hals, was ein wenig so aussieht, als hätte er einen Gebetsschal um. Heute lese ich bei Historikern, dass das Bild jenen Moment darstelle, wo sich Religiosität mit militärischer Macht vereinte. Damals habe alles angefangen, sagen sie.

ZEIT online: Gemeint ist die Siedlerbewegung?

Bar-Am: Genau. Es passierte aber auch schon, dass dieses Bild in einem ganz anderen Kontext benutzt wurde. In einem Stern -Buch wurde es einmal nachgedruckt. Die Bildunterschrift ist aber falsch: "Israelischer Soldat im Sinaikrieg 1956". Einfach so, aus Nachlässigkeit.

ZEIT online: Passiert das oft auch ganz bewusst?

Bar-Am: Es gibt viele Bilder, die lügen, was den Kontext angeht; die bewusst oder unbewusst zu anderen Zwecken benutzt wurden. Zum Beispiel: Ein von den Israelis zerstörtes palästinensisches Haus sieht nicht viel anders aus als ein von einem Erdbeben zerstörtes Haus in der Türkei. Und so kommt es, dass plötzlich ein türkisches Haus als palästinensisches fungiert. Nicht dass es an zerstörten palästinensischen Häusern fehlen würde. Aber solche Manipulationen passieren die ganze Zeit.

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