60 Jahre Israel "Viele Bilder lügen"Seite 3/3
ZEIT online:
Gibt es Bilder, die Sie besonders ärgern?
Bar-Am:
Nicht mehr. Denn eines ist klar: Die Menschen wollen nicht immer neue Dramen, sie wollen das Bekannte, sie sind auf bestimme Sachen fixiert, und es ist oft zu viel Arbeit, die Komplexität der Realität zu erklären. Übrigens nicht nur, was Israel angeht. Heute verstehe ich den Jagdinstinkt der Fotografen nicht mehr, den Voyeurismus, denn kein Bild hat je einen Krieg beendet. Aber ich gebe zu, auch ich habe einen Großteil meines Lebens ebenfalls damit verbracht. Denn auch ich war von dramatischen Situationen angezogen und das Fotografieren erlaubt es einem, historische Situationen zu berühren.
ZEIT online:
Wie sehen Sie sich heute Bilder an?
Bar-Am:
Mit Skepsis. Ich bin mit den Jahren von einem aggressiven Optimisten zum skeptischen Beobachter geworden. Eines Tages blättert mein Sohn, der in Europa lebt, in einem österreichischen Kunstmagazin und stößt auf einen Artikel über Poster des Widerstands in Serbien. Darunter befand sich auch eines meiner Bilder: 1970, während eines Dreitagekriegs, an den sich niemand erinnert, hatte ich syrische Gefangene fotografiert. Das Bild hat den serbischen Widerständlern gut ins Konzept gepasst, und weil heute im Internet alles zugänglich ist, kann jeder sich Bilder auf immer zynischere Weise zu eigen machen.
ZEIT online:
60 Jahre Israel – welche Bilder würden Sie heute fotografieren, um das Land darstellen?
Bar-Am:
Ich würde an die Orte fahren, an denen ich schon vor sechzig Jahren fotografiert habe , um die Veränderungen aufzuzeigen. Israel hat sich aus einem Land mit Wegen und Pfaden in eines mit Autobahnen und Strommasten verwandelt. Da ist der Tel Aviver Hafen, einst ein zionistischer Traum. Es gibt Bilder, die zeigen, wie die Gepäckträger ins Wasser steigen, weil die Schiffe noch nicht bis an den Strand fahren konnten. Heute ist das einer der dynamischsten Orte in Tel Aviv – mit Restaurants, Bars, Haute Couture.
Ich würde auch eine Autobushaltestelle in Dimona wiederfotografieren. Vor fünfzig Jahren warteten dort Kinder in der prallen Sonne in der Wüste. Heute befindet sich ganz in der Nähe der Nuklearreaktor. Diesen Wandel würde ich gerne zeigen.
ZEIT online:
Gibt es etwas, das schwer mit der Kamera einzufangen ist?
Bar-Am:
Ja, das sind die vielen Energien in diesem Land, insbesondere in Tel Aviv. Die Jugend hier, die Dynamik, der Lebenshunger. Aber diese unglaubliche Atmosphäre – die stärker ist als alles andere – lässt sich schwer fotografieren.
Das Gespräch führte
Gisela Dachs
- Datum 11.05.2008 - 11:55 Uhr
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