60 Jahre Israel "Zum Frieden gehört so viel Mut wie zum Krieg"Seite 6/6

Zuckermann: Ich glaube nicht, dass ich (oder sonst jemand, der es mit Israel ernst meint) den Luxus haben kann, nicht an den Frieden zu glauben. Israel wird längerfristig nur unter friedlichen Bedingungen in dieser Region, in der es nun mal gegründet worden ist, existieren können. Dabei geht es weniger um die Frage, ob Israel militärisch zu bezwingen ist. Meines Erachtens kann kein Staat im Nahen Osten Israels Existenz ernsthaft bedrohen, ohne seine eigene aufs Spiel zu setzen. Das dürfte allen Protagonisten in dieser hochexplosiven Weltgegend klar sein. Aber ein permanenter Zustand äußerer Bedrohung und innerer Unsicherheit mit immer wieder auflodernden Gewalteskalationen im Kampf mit den Palästinensern und ihren Verbündeten dürften die israelische Bevölkerung auf Dauer so stark strapazieren, dass es zu zunehmender Auswanderung, zum brain drain, zur massiven Kapitalflucht kommt. Die Folgen für die innere Stabilität des Landes wären in der Tat unabsehbar. Nur irrationale Ideologen können es sich erlauben, nicht an den Frieden zu glauben.

ZEIT online: Sie haben im vergangenen Jahr einen Artikel über das Phänomen des Apolitischen im Politischen geschrieben. Können Sie darauf bezogen erläutern, was das für die israelische Politik heute bedeutet?

Zuckermann: Das Apolitische der politischen Stagnation erweist sich für mich darin, dass man die Dringlichkeit des Friedens für den israelischen Staat nicht ernst genug nimmt. Man hat sich nach dem Junikrieg 1967 nun mal übernommen: Man war nicht klug genug, sich der eroberten Gebiete sogleich wieder zu entledigen; man durfte sie aber auch nicht annektieren, und so ließ man sich auf den widersprüchlichen Zustand einer permanenten Ausbreitung durch illegale Besiedlung des besetzten Landes ein, obwohl man sich gleichzeitig unterschwellig bewusst war, dass das Siedlungswerk nur temporär sein kann, wenn es illegal bleibt - was es, völkerrechtlich gesehen, notwendigerweise auch bleiben musste. Man hat sich auf diesem Weg international ins Abseits manövriert, aus dem man heute nicht mehr rauskommt. Denn der Rückzug scheint aus oben erwähnten Gründen bedrohlich, aber es ist mindestens genauso bedrohlich, zu bleiben. Und so verharrt man im Nichtstun, welches zudem auch noch ideologisiert wird, und handelt dabei so apolitisch, wie es schlimmer nicht kommen kann. In der politischen Bewegungslosigkeit lauert die Katastrophe.

Die Fragen stellte Wiebke Eden-Fleig.

Lesen Sie am Sonntag die fünfte Folge unserer Serie 60 Jahre Israel: "Messerschmitt mit Davidstern: Wie eine kleine Schar israelischer Piloten vor 60 Jahren mit einem alten Flugzeugmodell aus Herrmann Görings Luftwaffe die Wende im Palästinakrieg erzwang." Von Thomas Speckmann

 
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