60 Jahre Israel "Ich habe mich immer um Dialog bemüht"
Der Schriftsteller Yoram Kaniuk über den Einfluss Deutschlands auf die israelische Gesellschaft und seine Hassliebe zum Land der Täter
ZEIT online: Zurückblickend: Wie würden Sie die jüdisch-deutschen Beziehungen der vergangenen 60 Jahre beschreiben?
Yoram Kaniuk:
Man muss einige Dinge beachten. Zum einen, dass Deutschland ohne Zweifel eine entscheidende Rolle bei der Staatsgründung Israels gespielt hat. Schließlich hatte die zionistische Bewegung anfangs nicht an einen unabhängigen Staat gedacht, sondern eher an eine Art Kolonialisierung unter dem britischen Mandat. Erst in den vierziger Jahren, als der Holocaust in Europa beinahe abgeschlossen war und immer mehr Juden versuchten, nach Palästina einzuwandern, änderte sich das. Viele leben daher nach wie vor mit dem Gefühl, dass Israel auf der Asche der in Deutschland und Europa getöteten Juden entstanden ist.
Zum anderen – und ich weiß, es ist keine gewöhnliche Sache dies zu sagen – spielt das Gefühl eine große Rolle, dass die Nazis im Prinzip die Arbeit für den Rest der Welt erledigt haben. Die Amerikaner wollten die Juden nicht retten, die Briten wollten es auch nicht. Goebbels hat es auf den Punkt gebracht, als er einmal fragte, wie es sein könnte, dass niemand die Juden retten wollte, wenn diese angeblich so talentiert und wunderbar wären.
ZEIT online: Wie sehr ist Ihr Leben von diesen Ereignissen beeinflusst worden?
Kaniuk: 1933, als die deutschen Juden nach Israel kamen, waren sie alles andere als glücklich. Sie waren tief verletzt und fühlten sich erbärmlich und erniedrigt. Ich war damals ein kleiner Junge und bin mit dieser Erniedrigung aufgewachsen. Viele von ihnen haben auf das Meer geblickt, sich an Berlin erinnert und bei jeder Gelegenheit betont, wie sehr sie diese Stadt lieben. Mein Vater war die Person in meinem Leben, die mich am meisten beeinflusst hat. Als er im Sterben lag und sein Gedächtnis verloren hatte, zitierte er Goethe. Mein Vater ist als Lexikon deutscher Dichtkunst gestorben. Er ist kein Einzelfall, viele der Flüchtlinge haben Deutschland und seine Kultur geliebt. Tel Aviv war zu der Zeit wie ein kleines Berlin.
ZEIT online: Spielt diese Liebe bis heute eine Rolle?
Kaniuk: Vor ein paar Jahren habe ich das Buch Der letzte Berliner veröffentlicht. Das Tel Aviver Goethe-Institut hat damals eine Lesung organisiert. Der Raum war voll von „Jeckim“, deutschen Juden, und es war, als sehe ich meine gesamte Vergangenheit vor Augen. Das Buch wurde auf Deutsch, nicht auf Hebräisch gelesen, denn diese Menschen, die seit mehr als 60 Jahren in Israel leben, hören bis heute lieber Deutsch als die hebräische Originalversion. Wissen Sie, Erinnerungen sind sehr stark. Ich kannte die Häuser von Berlin besser als die in Tel Aviv.
ZEIT online: Obwohl sich für Sie lange Zeit die Frage nicht einmal stellte, nach Deutschland zu reisen …
- Datum 06.05.2008 - 10:34 Uhr
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