60 Jahre Israel Unerfüllte Träume

Der ehemalige israelische Bildungsminister Yossi Sarid über die besonderen Leistungen und Fehler in seinem Land. Ein Interview

ZEIT online: Israel ist jetzt 60 Jahre alt, wie lautet da Ihre Bilanz?

YossiSarid: Ich denke eigentlich jeden Tag über die Lage im Land nach und führe oft auch Dialoge mit meinen verstorbenen Eltern darüber ...

ZEIT online: ... die der zionistischen Gründergeneration angehörten.

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Sarid: Ja. Sie kamen vor 80 Jahren ins Land, aus einem kleinen Kaff in Polen, das heute in der Ukraine liegt. Das war lange bevor der Zweite Weltkrieg ausbrach. Meine Eltern sind nicht von dort geflohen und sie hätten auch die Möglichkeit gehabt, woanders hinzugehen, denn sie verfügten damals über amerikanische Visa. Aber sie kamen hierher, nach Palästina, weil sie Zionisten waren. Beide waren Lehrer.

Mein Vater, der noch bis 1976 lebte, war durch und durch ein Mapainik (Anhänger der historischen Arbeitspartei) und mit allen ihren wichtigen Leuten wie Ben Gurion, Levi Eshkol, Golda Meir befreundet. Er leitete das Erziehungsministerium. In diesen Tagen war ein Direktor noch ein Direktor, es gab auch noch ein richtiges Erziehungsministerium, und Erziehung war Erziehung. 1967, damals war ich gerade zum ersten Mal Knessetabgeordneter, sagte er etwas zu mir, das ich bis heute als sein Testament betrachte. Er sagte: Yossi, es ist gut, was du machst, hau` auf sie drauf, so gut du kannst, wenn du nicht weißt warum, sie wissen es. Nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973 war er völlig ernüchtert, er verstand, dass die Dinge sich nicht gut entwickelten.

ZEIT online: Würden Ihre Eltern das heutige Israel wiedererkennen?

Sarid: Das frage ich mich auch manchmal. Ich glaube, dass sie über so manches überrascht wären. Als überzeugte Lehrer hätten sie sich niemals vorstellen können, dass wir einmal mit unserem berühmten jüdischen Kopf auf internationalen Bildungsranglisten an Stelle 30 oder 40 rangieren. Das wäre ihnen völlig unverständlich gewesen.

ZEIT online: Weil der Anspruch so hoch war?

Sarid: Ja. Aber auch, weil das gefährlich ist. Denn ein Staat, dessen Kinder sich auf dem unteren Teil der Bildungsleiter befinden, können auch nicht auf angemessene Weise über sich wachen. Denn um die nationale Sicherheit zu begreifen, muss man die Geografie kennen, unsere besonderen Lebensumstände und Bedrohungen. Es ist mir eigentlich nicht angenehm, über Erziehungsfragen in Sicherheitskategorien zu reden, aber Kriege finden heute - wenn auch nicht hauptsächlich - in einer hochtechnologisierten Umgebung statt. Wenn das die künftigen Kriegsmittel sind, dann können dumme Kinder da nicht mithalten.

ZEIT online: Ebenso wenig wie arme Kinder.

Sarid: Wenn meine Eltern plötzlich zu Besuch kämen und ich würde ihnen erzählen, dass von allen Ländern der OSZE hier die größte Kluft zwischen arm und reich herrscht, würden sie wohl glauben, ich sei verrückt geworden. Denn außer, dass sie Zionisten und Anhänger von Ben Gurion waren, waren sie ja auch Sozialisten. Zwischen dem, was sie sich in dieser Hinsicht hier gewünscht haben und was es tatsächlich hier heute gibt, gibt es fast keine Ähnlichkeiten mehr.

ZEIT online: Was ist mit den wirtschaftlichen Erfolgen Israels?

Sarid: Dass es hier eine dünne, erfolgreiche Higtech-Schicht gibt, ist richtig, aber ein Staat kann davon nicht existieren. Besonders nicht ein Staat wie Israel, denn bei den nahöstlichen Wetterbedingungen reicht ein dünner Überzug nicht. Der blättert schnell ab. Wir brauchen eine viel dickere Schutzschicht. Die israelische Gesellschaft muss die solidarischste Gesellschaft der Welt sein, wegen ihrer besonderen Lage. In Italien kann man ohne außergewöhnliche Solidarität leben, auch in Deutschland. Hier ist sie unbedingt erforderlich. Denn die Anforderungen an die Bürger sind hier höher als sonst überall auf der Welt. Man muss hier drei Jahre zur Armee. Ein Offizier geht noch länger. Danach leistet man bis 45 Reservedienst. Wir haben hier eine umgekehrte Pyramide, die Anforderungen sind am höchsten und die Gegenleistungen am geringsten.

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