Amstetten "Inzesttäter führen immer zwei Leben"

Der Fall des Josef F. ist ein besonders krasser, aber bei Weitem kein Einzelfall. Ein Gespräch mit dem Wiener Gerichtspsychiater Reinhard Eher

Wer in Österreich wegen eines Sexualdelikts zu einer Haftstrafe verurteilt wird, dessen Akte landet auf dem Schreibtisch von Reinhard Eher. Auch Josef F., der im niederösterreichischen Amstetten seine Tochter 24 Jahre in ein Kellerverlies gefangen hielt, vergewaltigte und insgesamt sieben Kinder mit ihr zeugte, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit von Eher untersucht werden: Der forensische Psychiater leitet seit 2002 die zentrale Begutachtungsstelle für Sexualstraftäter des Justizministeriums in Wien. Etwa die Hälfte aller an die 300 Sexualstraftäter, die in Österreich jährlich verurteilt werden, werden in der Begutachtungsstelle untersucht. Es werden dort auch Gefährlichkeitsprognosen erstellt.

ZEIT online: Ist der Missbrauchsfall in Amstetten ein spektakulärer Einzelfall oder nur die Steigerung dessen, was Sie aus Ihrer täglichen Arbeit kennen?

Reinhard Eher: Diese spezielle Konstellation, in der es offensichtlich um jahrzehntelanges Einsperren im Kerker geht, ist neu. Von der Missbrauchsdynamik muss man leider sagen, dass das altbekannt ist.

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ZEIT online: Inwiefern?

Eher: Dass ein Vater früh beginnt, seine Tochter zu missbrauchen, und dass sich dieser Missbrauch über Jahre und Jahrzehnte hinweg zieht, sehen wir immer wieder. Manchmal gibt es sogar generationenübergreifenden Missbrauch, wo ein Vater zuerst das eigene Kind und dann das Enkelkind missbraucht.

ZEIT online: Kann es wirklich sein, dass jemand über Jahrzehnte so ein Verbrechen verübt und niemand hat etwas bemerkt?

Eher: Das ist eine der Grundvoraussetzungen für längerfristigen Missbrauch. Gerade bei Übergriffen innerhalb der Familie dauert es oftmals Jahre, bis so etwas auffliegt.

ZEIT online: Schauen da alle weg?

Eher : Oft ist nicht klar zu eruieren, ob jemand bewusst wegsah oder wirklich nichts mitbekommen hat. Tatsache ist, dass jede Gewalthandlung eines Vaters an einem Kind zunächst ein Dilemma darstellt. Jedes Sich-Wehren gegen so einen Übergriff ist auch eine Kritik an der Autoritätsperson und ein Loyalitätsbruch. Kinder sind von den Eltern, die sie ernähren und schützen sollen, in einem hohen Ausmaß abhängig. Genau das macht diese Missbrauchshandlungen so perfide.

ZEIT online: Oft sagen aber auch die Mütter, sie hätten nichts bemerkt.

Eher: Wir kennen Geschichten, wo wir uns fragen, wie es so etwas geben kann. Wie kann man nichts bemerken, wenn etwa der Vater seit Jahren nicht im gemeinsamen Schlafzimmer, sondern beim Kind übernachtet? Trotzdem versichert die Mutter im Nachhinein glaubwürdig, sie habe von nichts gewusst.
Man darf auch nicht unterschätzen, dass die Opfer die Täter schützen. Nicht weil ihnen gefällt, was mit ihnen passiert, sondern weil sie sich mit dem Täter ein Stück identifizieren und gleichzeitig ein schlechtes Gewissen haben, dass sie missbraucht werden. Genau das nützen die Täter aus, indem sie suggerieren, die Kinder seien schuld am Missbrauch. Das Kind hat dadurch selbst Interesse, dass der Missbrauch nicht bekannt wird. Die Täter drohen auch damit, dass sie ins Gefängnis müssen, wenn das Opfer sein Schweigen bricht. Jeder normale Mensch würde darauf sagen: "Wunderbar, dann wirst du endlich bestraft." Aber Kinder wollen natürlich verhindern, dass der Vater ins Gefängnis kommt.

ZEIT online: Josef F. hatte allem Anschein nach zwei parallele Familien: Die eine, offizielle in der Wohnung und, versteckt im Kellerverlies, seine Tochter mit seinen übrigen Kindern.

Eher: Das ist in dieser konkreten Ausformung zwar ungewöhnlich, aber im Grunde ganz typisch: Solche Inzesttäter führen immer zwei Leben. Nach außen ist er der brave Familienvater. Aber kaum wird es finster oder die Mutter ist aus dem Haus, ist er der Missbraucher seines eigenen Kindes.

ZEIT online: Sie haben zahlreiche Sexualstraftäter untersucht. Wieso macht jemand so etwas?

Eher: In den meisten Fällen haben die Täter nicht ausreichend gelernt, für die Befriedigung ihrer eigenen emotionalen und sexuellen Bedürfnisse auf reife Art und Weise zu sorgen. Wenn ich mich draußen in der Gesellschaft nicht zurechtfinde, ziehe ich mich eben in mein Inneres zurück. Und je weiter ich mich zurückziehe, desto wahrscheinlicher ist es, dass ich mit meinen emotionalen und sexuellen Bedürfnissen seltsamer umgehe als andere Menschen. Etwa indem ich am Computer Kinderpornografie ansehe oder eben dort zugreife, wo es für einen Erwachsenen am einfachsten ist, weil die Manipulationsfähigkeit voll greift. Und das sind eben leider Kinder.

ZEIT online: Gibt es Möglichkeiten, einem Missbrauch vorzubeugen?

Eher : Sexuelle Gedanken mit Kindern sind nicht von vornherein Ausdruck einer pädosexuellen Störung. Man weiß aus Experimenten, dass heterosexuelle Männer, wenn keine erwachsene Frau vorhanden ist, beim Alter ihres Sexualpartners sehr weit hinuntergehen. Und zwar eher, als auf einen männlichen Partner auszuweichen. Aber spätestens da sollten, bei jedem die Alarmglocken läuten, und er sollte sich professionelle Hilfe suchen.

Das Gespräch führte Nina Horaczek .
(Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Stadtzeitung Falter)

 
Leser-Kommentare
  1. Erst echauffiert sich die ZEIT über den "Hyänenjournalismus" der Boulevardpresse, und jetzt sorgt man sich selbst im Blatt um die Opfer. Das ist natürlich "viel" seriöser und "überhaupt nicht" an Web-Zugriffen und Verkaufszahlen interessiert - durch eine zugegeben andere Leserklientel als bei BILD, Spiegel oder österreichischen Medien.
    Dass Österreich - sichtbar seit dem Fall Kampbusch - ein ernstes gesellschaftliches Problem hat, das nicht nur diesen Despoten hervor gebracht hat (und den die Mitbürger ganz "normal" fanden...), damit beschäftigt sich die ZEIT lieber nicht. Dabei haben die Österreicher sehr wohl erkannt, dass es einen Imageschaden gibt. Kaum zu erwarten ist aber, dass mehr passiert in einem Land, in dem es nach der Nazi-Zeit (trotz Demokratie) keine so grundlegende gesellschaftliche Veränderung wie in Deutschland mit den 68ern gegeben hat.
    Zurück zu Ihrem Interview. Den Opfern kann man nur beste psychologische Betreuung wünschen. Aber gesellschaftliche Prävention ist erforderlich, auch wenn alles wieder nur angeblich ein "Einzelfall" ist.
    Merke: auch das "Sein" bestimmt das "Bewusstsein"! Vielleicht traut sich die ZEIT doch noch an (österreichische)Gesellschaftspolitik statt nur an Psychologie?

  2. Vor kurzem erst wurde ein sehr ähnlicher Fall in Frankreich verhandelt. Also hat auch Frankreich das österreichische Problem? Und keine "Despoten" in Deutschland? Ausgeschlossen? Und wenn, dann finden  wir Deutsche ihn auf keinen Fall normal? Aha.
    Zitat Vischer: "Auch Einer
    von denjenigen nämlich – – – kurz, man versteht mich.
    Wer es darf, hebe den ersten Stein gegen ihn auf! Ich meinesteils gedenke es nicht zu tun."
     

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