Aus dem Munde von Klimaforschern ist in diesen Tagen Ungewohntes zu vernehmen: Die globale Durchschnittstemperatur könnte in den nächsten zehn Jahren stagnieren anstatt zu steigen, berichten Forscher vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel. Zusammen mit Kollegen vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg haben sie berechnet, wie sich das Klima in den kommenden Jahren verändert, wenn aktuelle Meeres-Temperaturen in die Prognose-Modelle miteinbezogen werden. Und siehe da: Ihrer Studie zufolge, die nun im Wissenschaftsmagazin Nature erscheint, legt die Erderwärmung trotz weiter wachsender CO2-Konzentration eine Pause ein. Die Ursache dafür sei die Abschwächung einer wichtigen globalen Ozeanströmung, der sogenannten Umwälzzirkulation.

Nach bisherigem wissenschaftlichen Konsens galt eine andere Entwicklung als wahrscheinlich: Im jüngsten Weltklimareport von 2007 hatte der UN-Klimarat IPCC für die nächsten zwei Jahrzehnte einen Temperaturanstieg um jeweils 0,2 Grad Celsius angekündigt – anschließend sollte sich die Erwärmung beschleunigen. Noel Keenlyside, einer der Kieler Autoren der neuen Studie, glaubt, dass es zunächst anders kommt: „Wir brauchen nicht überrascht sein, wenn die globale Mitteltemperatur in den nächsten Jahren nicht so steigt, wie man das anhand der IPCC-Projektionen vielleicht erwarten würde“, sagt der Klimaforscher. Erst Ende der nächsten Dekade würden die Temperaturen über das jetzige Niveau klettern. Bis dahin unterdrückten natürliche Klimaschwankungen – vor allem die Veränderung der Ozeanströmungen – den Anstieg.

Die Nature-Studie ist bereits die zweite Arbeit, die eine solche Entwicklung vorhersagt. Bereits 2007 hatte Doug Smith vom Hadley Centre im britischen Exeter im Wissenschafts-Magazin Science eine Studie mit ähnlichem Resultat veröffentlicht. „Unsere beiden Arbeiten weisen darauf hin, dass die vom Menschen verursachte Erwärmung zeitweise durch natürliche Klimaschwankungen kompensiert werden wird“, sagt Smith. Den Aussagen des IPCC-Reports widerspräche das allerdings keineswegs. Dort seien die natürlichen Klimaschwankungen durchaus erwähnt. Doch da die IPCC-Modelle sie nicht ausreichend berücksichtigten, kamen sie zu anderen Ergebnissen als die neueren Berechnungen.

Smiths Prognose weicht etwas weniger von denen herkömmlicher Modelle ab als die deutschen Berechnungen: Trotz insgesamt niedrigerer Temperaturen in den nächsten zehn Jahren denkt Smith, dass es vor 2014 neue Temperaturrekorde geben wird. Die Kollegen in Deutschland hingegen rechnen mit einem Wiederaufleben der Erwärmung erst gegen Ende des nächsten Jahrzehnts. Beide Teams nehmen an, dass die Temperaturen den vom IPCC vorhergesagten Anstieg, der zwischenzeitlich ausbleibt, anschließend wieder aufholen werden.

Der Unterschied zwischen der neuen Prognosemethode und den Vorhersagen vom Typ IPCC fällt besonders regional deutlich aus (siehe Grafik): Sagt eine herkömmliche Prognose für die Zeit von 2005 bis 2015 stellenweise um bis zu drei Grad erhöhte Temperaturen voraus, vor allem auf der Nordhalbkugel, so ergeben sich nach neuer Berechnung dort weitaus geringere Steigerungen um etwa ein Grad. Auf der Weltkarte lassen sich sogar kleinere Flächen ausmachen, wo sich die Oberfläche abkühlt.

Der Grund für diesen Wandel der Klimavorhersage: Bisher wurden nie die jeweils aktuellsten Temperatur-Messwerte für den Start-Zeitpunkt der Modellberechnungen verwendet. Die Forscher steckten lediglich langjährige Temperatur-Mittelwerte als Anfangsbedingungen in ihre Weltmodelle des Klimas und ließen sie damit loslaufen. Das Ergebnis war stets nur mäßig präzise: Ungefähre Prognosen für die nächsten 30 bis 40 Jahre waren möglich, jedoch keine kurzfristigen Vorhersagen für die nächsten Jahre. Forscher nennen die zugrunde liegenden Modellierungsschwierigkeiten das "Anfangswertproblem". Doch warum rechnete man bisher nie genauer? Zum einen, weil es immer noch schlichtweg zu wenig Messwerte gibt. Zum anderen würden viele Klimamodelle aus dem Takt geraten, speiste man allein die vorhandenen aktuellen Daten ein. Die Modelle „bekämen einen Schock, wenn man das versuchte“, sagt der Kieler Keenlyside. Das liege an der noch unzureichenden Detailtreue der Simulationen.