Korruption im Fussball Verkaufter Sport

Kurz vor der EM erlebt Polens Fußball einen Korruptionsskandal, der das italienische Maß übersteigt. Selbst die Austragung der EM 2012 wird infrage gestellt

Öffentlich gibt Dariusz Wdowczyk gerne den Weltgewandten; in Polen kommt das gut an. Im grauen Anzug parliert der Trainer auch gerne auf Englisch. Schließlich stand der ehemalige polnische Nationalspieler auch mal für Celtic Glasgow auf dem Platz. Ein Video der polnischen Korruptionsbehörde zeigt ihn nun im Trainingsanzug, zerknirscht an seinem Wohnzimmertisch sitzend, bei der Quittierung seiner Verhaftung. Ihm wird vorgeworfen, in seiner Zeit als Trainer des damaligen Drittligisten Korona Kielce über gekaufte Schiedsrichter und Spielerbeobachter den Aufstieg seines Klubs beschleunigt zu haben.

Die Mannschaft spielt aktuell in der ersten Liga, der Orange Ektraklasa, wird aber nun zwangsabsteigen. Wdowczyk hat bereits ein Geständnis abgelegt: „Schade, es ist passiert.“ Wäre der holländische Trainer Leo Beenhakker nach der Weltmeisterschaft in Deutschland nicht nach Polen gekommen, um die Nationalmannschaft in diesem Jahr zu ihrer ersten EM-Teilnahme zu führen – Wdowczyk wäre wahrscheinlich Nationaltrainer geworden.

Anzeige

Stattdessen besetzt er eine der Hauptrollen in einem Korruptionsskandal, in dem bislang 29 Vereine aus den ersten vier Ligen sowie 116 Beschuldigte verwickelt sind. Die Methode der verschobenen Spiele hatte System. Ins Visier der ermittelnden Staatsanwaltschaft sind zusätzlich der Fußballverband PZPN sowie regionale Schiedsrichterverbände geraten.

Um die Breite dieses Skandals zu verstehen, sollte einem bewusst sein, dass Polen zu den korruptesten Ländern Europas gehört. Auch deshalb, weil sie von weiten Teilen der Gesellschaft mitgetragen wird. In vielen Arztpraxen etwa ist eine ordentliche Behandlung nur durch ein zusätzliches Trinkgeld an Arzt oder Arzthelferin möglich. In diesem Klima gedeiht die Korruption im Sport. Erst im vergangenen Jahr wurde der ehemalige Sportminister Tomasz Lipiec verhaftet – unter Korruptionsverdacht. Er soll bei der Auftragsvergabe zum Bau öffentlicher Sportstätten Bestechungsgeld angenommen haben. Das Verfahren gegen ihn läuft noch.

Nach dem Regierungswechsel im Oktober vergangenen Jahres wurde die ehemalige Vorsitzende von Transparency International Polen, Julia Pitera, im Rang einer Staatssekretärin zur Korruptionsbeauftragten der Regierung. Sie wundert sich nur, warum das Thema erst jetzt auf Interesse in Europa stößt: „Korruption im polnischen Fußball ist mir persönlich bereits seit dem Jahr 2001 bekannt. Seit der Zeit, als solche Vorgänge unter den Schiedsrichtern bekannt wurde. Aber das hat lange Zeit niemanden interessiert.“ Sie gibt dem Fußballverband daher eine Mitschuld daran, dass das Problem immer größer wurde und nun Polen als Austragungsland der Fußball-EM 2012 infrage stellt. Der Verband hat lange versucht zu schweigen, einzelne Vorstandsmitglieder stehen selbst unter dem Verdacht der Korruption.

So bemühte sich der in die Kritik geratene Verbandschef Michal Listkiewicz nun mit einer öffentlichen Büßerrede um Beschwichtigung. „Wir entschuldigen, dass wir dieses Problem nicht zeitig in den Griff bekommen haben, die Dimension dieses Problems war zu groß für uns. Es tut uns leid! Wahrscheinlich haben wir zu spät reagiert, aber für das Wort Entschuldigung ist es niemals zu spät.“

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Neu auf ZEIT ONLINE
      1. Schuldenkrise Euro-Gruppe sagt Griechenland-Treffen ab
      2. Aufstand in Syrien Die Angst vor den Jägern Assads
      3. Acta Ein Nein des EU-Parlaments reicht nicht aus
      4. Champions League Der FC Barcelona ist zu stark für Leverkusen
      5. Martin-Gropius-Bau Die verkaufte Olympia-Ausstellung
    • Neu im Ressort
      1. Anzeige
      2. Anzeige
      3. Zeit online sport auf twitter
      4. Anzeige
      Service