Steuerdebatte Wider den Steuerpopulismus

Der Staat kann vorerst den Bürgern kein Geld zurückgeben. Wer etwas anderes behauptet wie die CSU, betrügt die Wähler. Ein Kommentar

Gutes tun, ja wer täte das nicht gerne, könnte man frei nach Bert Brecht sagen. Natürlich versprechen Parteien, wenn sie in Not sind wie derzeit die CSU, gerne Steuersenkungen, weil das bei den Wählern immer gut ankommt, – erst recht wenn sie, wie eben diese CSU, als Teil der Großen Koalition gewaltige Steuererhöhungen zu verantworten haben. Aber hat das auch mit seriöser Politik zu tun?

Mühsam hat sich in den vergangenen Jahren die Erkenntnis durchgesetzt, dass es zu den dringendsten politischen Aufgaben gehört, die öffentlichen Haushalte zu sanieren. Denn die Zinsen für die in den vergangenen Jahrzehnten aufgehäuften Schulden fressen mittlerweile einen erheblichen Teil der Staatseinnahmen auf. Das Geld fehlt für andere, wichtige Aufgaben. Es widerspricht außerdem dem Gebot der Nachhaltigkeit, das sich auch die Union auf ihre Fahnen geschrieben hat, immer neue Kredite aufzunehmen und die Lasten damit den nachfolgenden Generationen aufzuladen.

Anzeige

Die Große Koalition hat sich deshalb aus gutem Grund als eines ihrer obersten Ziele gesetzt, 2011 einen ausgeglichenen Bundeshaushalt vorzulegen. Auf diesem nicht leichten Weg ist sie schon ein ganzes Stück vorangekommen, auch dank der unpopulären Anhebung der Mehrwertsteuer Anfang 2007 und der günstigen Konjunktur. Doch sie ist noch längst nicht am Ziel.

Schon jetzt Steuersenkungen zu versprechen, stellt deshalb nicht nur eines der wenigen Markenzeichen der Koalition infrage, nämlich eine solide Finanzpolitik. Es gefährdet auch das Vertrauen der Bürger in die Verlässlichkeit der Politik.

Schließlich kann man nicht, wie die CSU, ständig neue Ausgaben fordern, wenn es dem eigenen schönen Bayern nützt, und gleichzeitig die Einnahmen des Staates verringern wollen. So würde allein die von Parteichef Erwin Huber verlangte Wiedereinführung der Pendlerpauschale ab dem 1. Kilometer pro Jahr zwischen 1,6 und 2,5 Milliarden Euro kosten. Da war die Union zu Zeiten von Paul Kirchhof noch ehrlicher: Der wollte die Steuern radikal senken und vereinfachen – und gleichzeitig alle Staatsbeihilfen streichen.

Unstrittig ist auch, dass Deutschland zum Beispiel wesentlich mehr in Schule, Bildung und Forschung investieren muss, wenn es international nicht den Anschluss verlieren will. Gerade erst wurde bekannt, dass den deutschen Firmen 100.000 Ingenieure fehlen. Wollen wir darauf verzichten, diese Lücke zu schließen, nur um den Bürgern einige hundert Euro im Jahr zu erstatten, die der Staat in Wahrheit gar nicht hat?

Leser-Kommentare
  1. Ich sehe in dem "Steuerpopulismus" eine Art Panik der CSU. Sie sieht ihre Felle davonschwimmen. Dennoch muss man aber auch die Sache an sich betrachten.
    Fakt ist, dass die Steuerquellen sprudeln. Gründe bekannt.
    Fakt ist aber auch, dass der Staat, hier Bund, Länder und Gemeinden schlecht wirtschaften. 
    Und Fakt ist, dass sehr viel Geld eingespart werden könnte im öffentlichen Sektor. Siehe Bund der Steuerzahler.
    Die öffentliche Hand müsste billiger bauen, günstiger einkaufen, besser wirtschaften, die Gesetze korrekter vollziehen, auch und gerade die Einnahmenverwaltung, die Wirtschaftskriminellen viel härter bestrafen ( Entzug des Geldes tut besonders weh!!) und die Zielgenauigkeit im sozialen Bereich deutlich verbessern. Jeder 5. EURO in öffentlichen Kassen könnte damit "freigeschaufelt" werden.
    Was könnte man damit tun - zum Beispiel?
    Lohn- und Einkommenssteuer um ca. 30 Mrd Euro senken; die Kfz.-Steuer streichen, das Kindergeld erhöhen, den Rest für Schuldentilgung verwenden.
    Die CSU regiert seit 1957 in Bayern, ununterbrochen. Was hat sie hierfür getan? Nichts!! Eine überdimensionierte Staatskanzlei! Größenwahn!!
    Was hat sie bundespolitisch bewirkt? Nichts! Sie betreibt lediglich Klientelpolitik für bestimmte Lobby-Gruppen, der Parteispenden wegen. Wer mehr als 50 Jahre braucht, um auszuschlafen, den sollte man weiter "schnarchen" lassen; denn "Schläfrige" und "Über-Satte" gibt es ind er Politik sowieso und in allen Lagern leider  viel zu viele.

  2. Sicher spielt der Wahlkampf eine wichtige Rolle bei der Wahl des Zeitpunktes für die Öffentlichmachung der jetzt diskutierten Forderungen der CSU. Es ist aber unredlich, die CSU-Pläne lediglich als Wahlkampfgetöse herunter zu reden. Denn tatsächlich gehen die Bayern damit einen mutigen Schritt, den vor Ihnen so noch keiner gewagt hat.
    Es ist erstaunlich das die ZEIT-Redaktion nun plötzlich einer konservativen Finanzpolitik das Wort redet, die Sie bislang gerne abgelehnt hat. Wohl - es geht gegen die CSU. Der Zweck heiligt auch die journalistischen Mittel.
    Dabei steht es außer Frage, dass eine restriktive Finanzpolitik strukturelle Probleme dauerhaft nicht nur nicht lösen kann, sondern diese auch noch verschlimmert. Die CSU sollte daher beweisen dürfen, dass Sie es ernst meint. Ihre Vorschläge sind (relativ) mutig und richtig.

  3. ....betreibt denn keinen Steuerpopulismus? Bezüglich der Steuern wird der Bürger doch seit Jahrzehnten von den etablierten Parteien belogen.
    (ich erinnnere nur an das letzte Husarenstückchen diesbezüglich: CDU wollte die MWSt um 2%-Punkte erhöhen, die SPD gar nicht und was haben sie gemacht? 3%-Punkte......)
    Wir wissen doch, dass sie vor der Wahl anders reden, als sie später handeln (War es nicht ein Herr Müntefering, der sich aufregte, dass die Bürger die Versprechen der Politiker auch einforderten? Das wäre "unfair"...)
     
    Nein, der Bürger glaubt "denen da oben" sowieso nix mehr...... (die "Partei der Nichtwähler" wird immer umfangreicher.... so dumm, wie unsere Politiker glauben, ist der "Durchschnittsbürger" nicht......)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • gayorg
    • 06.05.2008 um 21:11 Uhr

    Ich denke auch, daß jede Partei mehr oder weniger populistisch handelt, dies gehört nun mal zum Wesen der Demokratie. Ob `das Volk` so schlau ist dies alles zu erkennen und ob es das überhaupt will, das weiß ich nicht.Ich tendiere mehr zu den alten Erkenntnissen im altem Rom: Brot ( LIDL, MC. DONALDS und Co ) und Spiele ( RTL, SAT, INTERNET, FUSSBALL) braucht das Volk. Das hat bis jetzt immer funktioniert.

    • gayorg
    • 06.05.2008 um 21:11 Uhr

    Ich denke auch, daß jede Partei mehr oder weniger populistisch handelt, dies gehört nun mal zum Wesen der Demokratie. Ob `das Volk` so schlau ist dies alles zu erkennen und ob es das überhaupt will, das weiß ich nicht.Ich tendiere mehr zu den alten Erkenntnissen im altem Rom: Brot ( LIDL, MC. DONALDS und Co ) und Spiele ( RTL, SAT, INTERNET, FUSSBALL) braucht das Volk. Das hat bis jetzt immer funktioniert.

    • df
    • 06.05.2008 um 14:20 Uhr

    Populismus ist es anscheinend immer dann, wenn es um Verbesserungenfür die Bürger geht. Werden die Steuern oder Lohnnebenkosten
    für Unternehmen gesenkt, dann ist es eine Reform  die dem Wirtschaftstandort Deutschland nützt!Diesen Bären lassen sich allerdings immer weniger Wähler
    aufbinden!Mit solchen Parolen lassen sich keine Wahlen gewinnen. Wenn
    Journalisten gewählt würden, dann würden sie das auch verstehen Herr Greven!Die 10% Unternehmer und Manager in unserem Land wählen
    sowieso überwiegend die FDP.Wen sollen die restlichen 90% wählen?Dass die Steuersenkungen für Unternehmen nichts gebracht
    haben, außer höhere Unternehmensgewinne haben Sie ja selbst festgestellt.Bezahlt haben dieses Geschenk eben diese 90% mit 3% höherer
    Mehrwertsteuer, Kürzungen der Pendlerpauschale und der Eigenheimzulage.Fürs Erste würde es reichen diese Belastungen der Bürger
    zurückzunehmen, genauso wie die Steuergeschenke an die Wirtschaft.Ich werde jedenfalls keine Partei wählen, die mir das Geld
    aus der Tasche zieht um des den Unternehmen zu schenken. Die Politiker in der
    CSU scheinen das verstanden zu haben.  

  4. Meinungsmache, nicht mehr. Wider dem Medienpopulismus, sage ich!Wenn die Progression endlich mal wieder der Realität angepasst wird, dann bedeutet dies nicht, dass der Staat dem Bürger Geld zurückgibt (oder gar schenkt), sondern schlicht, dass er ihnen zur Abwechslung mal nicht "mehr" abnimmt. Nichts ist derzeit nötiger als das, bei ständig sinkenden Reallöhnen und depressiver Inlandsnachfrage."Dabei steht, wie auch CSU-Wirtschaftsminister Michael Glos früher gerne betont hat, die Konsolidierung des Haushalts an erster Stelle, weil man eben nur das ausgeben kann und sollte, was man einnimmt."Das lenkt von der eigentlichen Frage ab: für was geben wir das Geld aus? Steuererleichterungen für (Groß)Unternehmen sind offensichtlich immer drin, Agrar- und Kohlesubventionen offensichtlich auch immer noch, auch die Rüstung ist uns viel wert und Europa verpflichtet uns dort sogar zu steigenden Ausgaben, apropro Europa, wieviel überweisen wie an unserer neue redundante Zentralregierung eigentlich jedes Jahr?"Danach folgt die Senkung der viel zu hohen Sozialabgaben, die für die Leistungsbereitschaft der Arbeitnehmer und die Einstellungsbereitschaft von Firmen viel wichtiger sind als die Steuern."Blablabla. Neoliberales Gewäsch. Für den Bürger ist es total wurscht, WAS weggeht, Hauptsache es wird weniger. Aber man kann ja mal probeweise ins soziale Horn blasen, damit die nächste Sozialkürzungsrunde nicht so überraschend kommt, nicht wahr? Ehrlich gesagt zahle ich sogar lieber für den Sozialstaat, als für den behördlichen Wasserkopf und die Schuldenverfehlungen all der unfähigen Bundesregierungen der vergangenen Jahrzehnte."Ebenso wichtig sind Zukunftsaufgaben wie eben die Bildung, der Ausbau der Kinderbetreuung"Komisch, dass dann bei der Bildung doch wieder der ohnehin steuergeknechete Bürger zusätzlich blechen muss, ala Studiengebühren. Eine deutliche Besserung oder gar nennenswerte Reformen stehen im Bildungssektor nach wie vor aus, obwohl uns der Staat jedes Jahr mehr abnimmt."...oder der Kampf gegen den Klimawandel."Lol, genau der "Kampf gegen (beliebiges Wort einsetzen)", eben war es noch der Terrorismus der das Geld verschlang, jetzt ist es der Klimawandel. Aber ich sage Ihnen was Herr Greven: ohne den Bürger wird das ohnehin nicht funktionieren. Ich plane etwa seit 2 Jahren meine alten Ölöfen rauszuwerfen, aber wissen Sie was? Für eine neue Heizung fehlt mir immer das Geld und in der derzeitigen Situation bin ich nicht gewillt zig-tausende Euro Schulden aufzunehmen. Aber ich bin sicher mit der Umrüstung der parlamentarischen Dienstwagen können wir den Klimawandel auch so noch stoppen!"Erst wenn danach noch Geld übrig ist, kann man daran denken, die Steuern zu reduzieren."Gähn, also nie. Man merkt, dass SIE offenbar keine Geldprobleme haben.Man kann daher von der CSU halten was man will, aber sie hat das Ohr zumindest immer noch hundertmal dichter am Volk, als die Bonzenrige in Berlin (und der Textchef der ZEIT).

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • gayorg
    • 06.05.2008 um 21:04 Uhr

    Sie wählen doch bestimmt CSU !!

    • gayorg
    • 06.05.2008 um 21:04 Uhr

    Sie wählen doch bestimmt CSU !!

  5. "Nicht übersehen werden darf auch, dass die Steuerlast - entgegen den ewigen Behauptungen der FDP und jetzt auch der CSU - in Deutschland derzeit gar nicht so hoch ist. Sie liegt, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, nicht höher als Mitte der 1960er und 1970er Jahre."Hinter so einer Formulierung muss man fast schon Bauernfang vermuten.Es gibt nämlich keine "die Steuerlast", denn die Steuerlast der Bürger ist eine gänzlich andere als die der Unternehmen und des Kapitals. Letztere sinkt seit den achtziger Jahren, während die Belastung der Arbeit immer mehr zugenommen hat. Damit entsteht das schöne Paradox, dass Deutschland zwar mittlerweile als Niedrigsteuerland gilt, die Bürger aber unter der Belastung stöhnen.Sehr interessante Statistiken dazu gibt es übrigens hier.Da sieht man übrigens auch sehr schön das Verhältnis von China-Importen zu Exporten. Die deutsche Reallohnentwicklung im Vergleich zu Frankreich. Die Besteuerung von Unternehmen, Kapital und Vermögen (die fast immer die niedrigste im internationalen Vergleich ist).

  6. #5 kann man zu 100% zustimmen in seiner Beurteilung und ergänzend wäre anzufügen, dass der Wegfall der Besteuerung der Firmenverkäufe und Absenkung von Firmensteuern (ca. 60 Milliarden Steuerausfall) erst die Heuschrecken in Deutschland möglich gemacht hat, nachdem Schröder bei den Chikaco Brothers war. Insgesamt dürfte der akteulle Steuerausfall durch Begünstigung der Wirtschaft zu Lasten der Bevölkerung um jährlich 100 Milliarden handeln - die müssen natürlich über den Abbau von Sozialleistungen und Mehrwertsteuer sowie weiteren Abgaben wieder rein kommen. Volker Pispers hat das in seinen Beiträgen schon mal sehr deutlich erklärt :-)Also insgesamt eine stetig fliessende Umverteilung von oben nach unten. Wenn man dann z.B. an den Friseusentarif von 3,20€ in MV denkt, wo der Staat dann über Hartz IV (nicht nur da) weiter aufstockend subventioniert zum schmalen Existenzminimum, insbesondere die mittleren und großen Firmen Gewinne und Managersaläre in zweistelligen Prozentwerten inflationär nach oben gehen, sieht man wohin diese Politik führt. Vorsätzlicher geplanter  Betrug am eigenen Volk.Dazu dann noch die sogenannte Studie von McKinsey (ausser Leute rauswerfen konnten die bislang auch nichts), die einen Facharbeitskräftemangel in 10 Jahren prognostiziert (wo die sonst nicht mal die nächsten 12 Monate glaubwürdig überblicken können). Aber ohne eigene Ausbildung in den Firmen wird es weiter keine brauchbar ausgebildeten Arbeitskräfte geben - oder soll das der Aufruf sein, die vorhanden nicht weiter zu bilden und in Hartz IV versauern zu lassen und sich dafür aus dem billigeren Ausland die nötigen Kräfte zu holen, die dann in Kürze auch migrationsproblematisch werden. Denn genau dieses Schema kennt man seit den letzten 40 Jahren ziemlich genau.Ein Punkt stimmt: Es können nicht einfach die Steuern gesenkt werden. Es muss gleichzeitig die einseitige Umverteilung auf ein übliches Mass zurückgeführt werden, damit die Steuerlast bei der Bevölkerung abgesenkt werden kann. Genau den ersten Schritt will aber auch die CSU nicht - und auch sonst keiner von den lobbyistisch verseuchten Politikern.

    • jthul
    • 06.05.2008 um 15:11 Uhr

    Viele haben schon vergessen, dass die Pendlerpauschale jahrzehntealtes Recht war. Fakt ist, dass der Staat den Mittelschichten - Einkommen zw. € 30.000,00 und € 75.000,00 - nicht nur über Steuern,sondern auch Abgaben zuviel abnimmt. Spitzensteuersatz schon bei einem Verdienst von € 52.000,00 ist grotesk!
    Als Freiberufler bleiben mir von meinem Gewinn noch ca. 30 %. Natürlich sind PKV (Gesetzliche Krankenkasse konnte ich mir zu Beginn meiner Selbsständigkeit nicht leisten -  Rückkehr ist ausgeschlossen) und Versorgungswerk auch Dinge, die mir zu Gute kommen-aber wann und in welcher Höhe? Abgezogen wird jetzt, steuerlich anerkannt  ein Betrag von € 3.500,00 insgesamt.
    Wenn die Politiker auch in BfA/Versorgungswerk einzahlen, denselben Eintrittsregeln etc. unterliegen und ihre steuerfreie Pauschale streichen, sondern ihre Ausgaben wie alle Bürger konkret nachweisen, mache ich alles gerne mit. Aber so verrückt sind nicht mal unsere Politiker.
    Solange die einen beschliessen und die anderen bezahlen, bleibt ein ungutes Gefühl.
    Grüsse
    jthul
     

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
  • Serie -
  • Quelle ZEIT online
  • Kommentare 20
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Autoren abonnieren RSS-Feed
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte CSU
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service