Theater Im Trailerpark
Das Performance-Duo SIGNA inszeniert im Rahmen des Berliner Theatertreffens ein acht Tage andauerndes Schauspiel, das die Grenze zum wirklichen Leben verwischt
Ruby Town betritt man zunächst als Tourist. Man durchläuft die obligatorische Passkontrolle, muss seinen Fingerabdruck hinterlegen und der Projektion eines Einführungsfilms beiwohnen, der den Verhaltenskodex für Besucher erläutert. Noch während wir in lockeren Grüppchen auf den Beginn des Films warten, machen wir erste Bekanntschaft mit der Autorität der Staatsmacht: „Stellen Sie sich bitte in einer Reihe auf!“, fordert eine gestrenge Soldatin mit einer Miene, die keinen Widerspruch duldet. Der Lehrfilm warnt uns eindringlich vor den Dorfbewohnern („Gefährlich! Unkontrolliert! Vermeiden Sie sexuellen Kontakt!“), als handele es sich bei ihnen um eine Gruppe seltsamer, aggressiver Primaten. Zum Abschluss noch ein frostiges Lächeln – dann sind wir drin.
Die umständlichen Formalitäten der Einreise bilden den ersten Akt eines gewaltigen Schauspiels, dessen Umfang man selbst Tage später nur erahnen kann. Mit Die Erscheinungen der Martha Rubin hat das Theatertreffen einen außergewöhnlichen Beitrag nach Berlin geholt: eine achttägige Nonstop-Performance-Installation des Künstlerduos SIGNA. Neun Sattelschlepper und zwei Container waren nötig, um das Bühnenbild von Köln an den südlichen Rand von Schöneberg zu transportieren, wo in mehrwöchigen Aufbauarbeiten in einer Lokhalle Ruby Town entstand. Das Dorf ist komplett funktionstüchtig und wird Tag und Nacht von 40 Menschen bewohnt, die als Schauspieler nur unzureichend beschrieben wären. Bis zum 10. Mai können die Zuschauer die Performance besuchen, das Dorf anschauen, mitspielen und bei Bedarf sogar in Ruby Town übernachten. Was dort mit ihnen geschehen wird, hängt von vielen Faktoren ab und ist letztlich nicht vorhersehbar.
Die Rahmenhandlung des Stücks ist schlicht: Um 1880 stieß ein kleines Mädchen zum Wanderzirkus Rubin. Dort machte sie als Wahrsagerin Karriere, zeugte 17 uneheliche Kinder und verschwand 1913 spurlos. Einige Jahrzehnte vor der Jetztzeit gründeten ihre zahlreichen Nachfahren Ruby Town. Das Dorf liegt im Niemandsland zwischen dem Nordstaat, einer hochgerüsteten Industriegesellschaft, und dem Südstaat – dem chaotischen, verarmten und gesetzlosen Rest der Welt.
Wir, die Zuschauer, betreten Ruby Town mit dem Pass eines Nordstaatlers. Abgeblätterte Tapeten, blind gewordene Spiegel, vergilbte Schwarz-weiß-Fotos – die ärmlichen Baracken wirken in ihrer detailverliebten Ausstattung, als entstammten sie einer noch nicht entdeckten Zone irgendwo zwischen Ostblock, Trailerpark und Romalager. Der Geruch von Sellerie hängt in der Luft, der Kaffee im Restaurant schmeckt miserabel. Wie soll man sich verhalten? Jemanden ansprechen, ausfragen, sich einlassen, aktiv werden? Jegliche Form von Mitmachtheater ist vielen Besuchern unheimlich. Borniert, verunsichert, frustriert schleppen wir uns in eine Bar. Vielleicht trägt ein Wodka dazu bei, dass sich der Erfahrungsraum dieser seltsamen Performance für uns öffnet?
- Datum 06.05.2008 - 14:02 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 05.05.2008
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