Avantgarde Ein Tourist im Zufallsmodus
Ein Glücksfall der deutschen Literatur: In seinem neuen Roman verknüpft Andreas Neumeister Architektur, Geschichte und Pop.
Andreas Neumeister sitzt am Rand des Stegs, im Innenhof der Kunstwerke Berlin. Er sei etwas schüchtern, sagt er und sitze lieber etwas abseits. Kaum zu glauben bei einem, der das Prädikat "Pop" trägt. Soeben hat er sein neues Buch Könnte Köln sein im Suhrkamp Verlag veröffentlicht. Er gilt neben Rainald Goetz und Thomas Meinecke als Dritter der zweiten Generation sogenannter deutscher Popliteratur - diese Form, die Rolf-Dieter Brinkmann einst nach Deutschland hoklte und Lautsprecher wie Benjamin von Stuckrad-Barre in den Neunzigern verkatern ließen. Neumeisters neues Buch führt eine Serie weiter, die sich ganz am Rand des aktuellen Literaturbetriebs bewegt. Es geht um Architektur.
Das, was Neumeister als Textmontage in Buchform gebracht hat, ist eine komplexe Karte urbaner Räume. Schicht um Schicht legt diese Literatur Geschichte frei. Lässt die Stadt in ihrer historischen und sozialen Dichte beschreitbar werden. Andreas Neumeister reist um die Welt. Er blickt und beobachtet, macht Fotos und horcht, wie die Städte klingen. Bei aller Rasanz ist er dabei ein gewiefter Entschleuniger, ein Anthropologe à la Humboldt, der den ihn umgebenden Kosmos kartographisiert und verkompliziert, ja als einheitlichen Raum zunehmend verunmöglicht
Sein Buch trägt den Subtitel Städte.Baustelle.Roman . Die Urbanität ist mehr als nur eine Metapher; sie ist Strukturmerkmal, Strategie und Programm. Im Zuge der Veröffentlichung wurde gestritten: "Ist das ein Roman?" Diese Pseudodebatte ist ärgerlich weil sie Ausdruck eines reaktionären Literaturdiskurses ist. Den hat schon Rolf-Dieter Brinkmann genervt abgetan hat als Ansammlung "ausgebuffter, zynischer alter Männer des Kulturbetriebs."
Sie zeigt auch die mittlerweile gängige Selbstkastrierung vieler Autoren, brav Roman und Erzählung abzuliefern, wie es der Verlag und der Markt wünschen. "Die Literatur ist in meinen Augen in Deutschland im 19. Jahrhundert hängen geblieben", sagt Neumeister, "da ist im Grunde ein Riesen Nachholbedürfnis vorhanden". Während man im Kunstbetrieb und in der Musikszene "mit offenem Mund angestarrt", dabei "offene Türen einrennen würde" wenn man mit neuen Konzepten kommt, ist die Avantgarde der Fünfziger und Sechziger im Literaturbetrieb eigentlich gegessen. In Leipzig lehrt man das brave Erzählen. Auf dem Nachttisch liegt Thomas Mann.
Vor wenigen Jahren lebten zum ersten Mal weitweit mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Die Stadt ist eine Erfolgsgeschichte. Aber mit den neuen Großstädten wachsen die Anforderungen an Planer und Architekten. Neue Strukturen des Zusammenlebens müssen erdacht werden. Gerade in Asien bauen Architekten in unbekannten Dimensionen. Andreas Neumeister begibt sich auf beinahe altertümliche Weise in die Metropolen rund um den Globus und durchwandert sie wie ein Tourist des 19. Jahrhunderts.
Geduldig lässt er sich auf Details ein und beschreibt in literarischen Kleinbildern. "Mein erster Zugang wenn ich in eine neue Stadt komme ist erstmal rumlaufen, ohne spezifisch nach etwas zu schauen", sagt Neumeister. Erst später beginne die Recherche. "Ich mag gerne diesen Zustand, gerade erst angekommen zu sein", sagt er. Da seien sie Sinne noch am schärfsten, unverbrauchtesten.
Das Bild, das er entwirft, ist räumlich und zeitlich verwuchert. Geschichtete Geschichte, die von Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau erzählt: "Also ich bin ja kein Archäologe. Ich hab nie gegraben", sagt er dann, aber "ich versuch das schon auf das Schreiben zu übertragen". In seinen Texten gebe es "sehr viele historische Zeitschichten". Zwischen denen springt er wie mit einer Zeitmaschine im Zufallsmodus. "Ich suche eine zweite, dritte oder vierte Ebene", sagt er schließlich. "Es gibt einfach Städte, die da viel hergeben."
Dazu gehört Berlin. Hier im Garten der Kunstwerke, kann man sehen, wie eine kaputte Struktur zu einem modernen Museum für Zeitgenössisches umgebaut worden ist. Alte Materialen verbinden sich mit dem Glas- und Stahlkubus des Cafés. Aber nicht nur die realisierten Projekte interessieren Neumeister. Ihn treibt auch die fantastische Architektur nie gebauter Utopien um. Das virtuelle Vermächtnis der klassischen Moderne.
Kunst, Politik, Musik und eben, und das ist das faszinierende, Stadtplanung und Architektur werden in Könnte Köln sein zu sich gegenseitig berührenden Systemen. Neumeister vor diesem Hintergrund zu lesen, ist viel produktiver als seine Arbeiten mit der Genrekeule abzuklopfen. Brinkmann, den Neumeister als Referenz angibt, wusste "wie sehr Literatur der Aktualität bedarf, will sie ich nicht selber aufgeben". Diese Aktualität ist in einer Zeit intermedialer Beschleunigung eben auch auf die Form zu übertragen.
Ob Neumeisters aktueller Textkörper diese Bewegung hin zu einer Literatur des 21. Jahrhunderts schafft, ist so fast nebensächlich. Denn er deutet ihre Möglichkeit an. Und er vermittelt zwischen den Disziplinen der Literatur und Baukunst, die schon andere im Geiste als produktiv erkannt haben.
Der niederländische Architekt Rem Koolhaas schreibt in seinem Buch Delirious New York : "Jeder Block ist überzogen mit mehreren Schichten von Phantomarchitektur", und weiter "Manhattan ist das Produkt einer unausgesprochenen Theorie [ ] über das existieren in einer von Menschen geschaffenen, [f]antastischen Welt." Schichten von Bedeutung, die sich magisch überlappen: die Verheißung eines [f]antastischen Raumes der Kunst. Wenn Literatur davon eine Ahnung verrät, dann ist sie ein Glücksfall.
Horen Sie hier: Der Schriftsteller Jörg Albrecht über das Werk Andreas Neumeisters
Andreas Neumeister:Könnte Köln sein.
Städte. Baustellen. Roman; Suhrkamp, 2008, ISBN 978-3-518-41919-9, Euro 16,80.
- Datum 14.10.2008 - 20:37 Uhr
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