Lehrstellen Auf die Verlierer kommt es an
Die Firmen bilden wieder mehr aus, weil sie den Fachkräftemangel fürchten. Der aber wird großen Schaden anrichten – wenn sich die Politik nicht der Schwächsten annimmt.
Es sind zweifellos erfreuliche Zahlen, die Ludwig Georg Braun an diesem Dienstag über die
Bild
-Zeitung verbreitet. Erstmals seit sieben Jahren werde es zu Beginn des Ausbildungsjahres mehr offene Stellen als suchende Jugendliche geben, schätzt der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Bis Ende April hätten die Unternehmen rund sechs Prozent mehr Ausbildungsverträge geschlossen als noch im Vorjahr. Der Boom am Arbeitsmarkt erreiche immer öfter auch die Jugendlichen im Land.
Das wurde auch Zeit. Spät, zu spät, reagieren die Unternehmen auf ein Szenario, das sie schon bald in die Bredouille bringen wird: Die Zahl der Absolventen von Real- und Hauptschulen und damit der poteziellen künftigen Schlosser, Bäcker und Gebäudereiniger sinkt kontinuierlich, im Osten fällt sie dramatisch. Bis zum Jahr 2011 wird sich die Zahl der Schulabgänger an allgemeinbildenden Schulen in Ostdeutschland halbieren, um sodann zu stagnieren, schätzt das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn. Im Westen werden bis zum Jahr 2020 rund 100.000 Schüler weniger ihren Abschluss machen. Dass die Unternehmen nun mehr ausbilden, ist also keine milde Geste, sondern folgt der Logik des Marktes. Täten sie es nicht, stünden sie in wenigen Jahren ohne Nachwuchs da - denn der ist knapp.
Auch deshalb ruft der Präsident des Zentralverbands des deutschen Handwerks (ZDH), Otto Kentzler, den „Wettbewerb um gute Schulabgänger“ aus. Er verschweigt, dass viele Unternehmen eben jenen Wettbewerb in den vergangenen Jahren schleifen ließen. Sie schimpften lieber über schlechte Schulleistungen der Absolventen und hohe Kosten der Ausbildung.
Letzteres ist ein beliebter, wenn auch gefährlicher Irrtum. Neue Untersuchungen und Befragungen von Firmen zeigen, dass Ausbilden durchaus kein Verlustgeschäft sein muss - wenn man sich als Unternehmen geschickt anstellt.
Weil die Firmen kurzsichtig handelten, entstand in den vergangenen Jahren ein Heer von Jugendlichen, die ohne Perspektive in der Warteschleife steckten. Sie wurden von Maßnahme zu Maßnahme durchgereicht, schoben Praktika ein oder warteten an Berufsschulen auf den Beginn ihrer Ausbildung.
„Altbewerber“ nennen sich jene jungen Menschen, die länger als ein Jahr nach einem Ausbildungsplatz suchen. Im vergangenen Jahr erreichte ihre Zahl mit über 300.000 ein Rekordniveau. Zwar finden auch sie wieder zunehmend eine Lehrstelle, ihre Zahl sinkt in diesem Jahr leicht ab. Doch mit jedem Jahr, in dem diese Jugendlichen nicht zum Zug kommen, verringern sich auch ihre Chancen, überhaupt etwas zu werden. Bereits heute sind über eine Millionen Menschen unter 29 Jahren ohne Ausbildung. Ihr Lebensweg ist vorgezeichnet. Sie werden sich von Job zu Job hangeln und immer wieder arbeitslos sein.
- Datum 13.05.2008 - 08:31 Uhr
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"Die Unternehmen klagen zu Recht, dass viele Bewerber einer Ausbildung
nicht gewachsen sind, weil es ihnen nicht nur an Deutsch- oder
Mathematikkenntnissen fehlt, sondern auch an Zuverlässigkeit und
sozialer Kompetenz."Und eben diese Zuverlässigkeit und soziale Kompetenz wird in immerhin 3 (i.w. DREI) Lehrjahren sowas von gar nicht vermittelt? So weit ich weis sind für den theoretischen Hintergrund primär die Berufsschulen zuständig, und die praktischen Fähigkeiten die für einen START in's Berufsleben hinreichen, brauchen doch keine 24 Monate Netto um vermittelt zu werden?
Grupp: Wenn ich gute Leute haben will, muss ich sie selber
ausbilden. Nur dann kann ich später beurteilen, wer für eine
Führungsposition geeignet ist und wer nicht. Eine gute Ausbildung ist
die Basis unserer Belegschaft. 80 Prozent der leitenden
Verwaltungsmitarbeiter von Trigema haben auch bei uns gelernt. Selbst
aus Jugendlichen, die am Anfang vielleicht noch etwas flatterhaft sind,
können Sie durch Motivation und Lob Leistungsträger machen.zeit: Und das Kostenargument?Grupp: Ein Lehrling, der richtig eingesetzt wird, ist eher
billig. Bei uns ist ein Auszubildender im dritten Jahr in der für ihn
vorgesehenen Position, und er erfüllt dort 80 bis 90 Prozent seiner
künftigen Aufgaben. Wenn ein Unternehmer behauptet, das sei zu teuer,
dann stimmt etwas in diesem Betrieb nicht.http://www.zeit.de/2003/3...Und das ist eines der Probleme in unserem Land: daß in einer Menge Betriebe etwas mit den sogenannten "Leistungsträgern" (=Management) offenbar nicht stimmt.
"Wechselnde Jobs und immer wieder arbeitslos"...Das ist ja nun wirklich keine Eigenschaft der Ungelernten mehr, sondern ist im Grunde Bestandteil einer jeden zukünftigen Erwerbsbiographie, bzw. eines jeden, der in der Gegenwart Erwerbsarbeit leisten muss.Regierung und Medien hangeln sich noch immer an nicht existenen Arbeitsmarktmodellen entlang-diese gibt es seit der Demontage der BRD durch Gerhard Schröder nicht mehr.Heute gilt die Parole "Mach Cash, so viel und schnell wie möglich und das egal wie". Wer noch auf Ausbildung und Angepasstheit setzt, der wird ausgesaugt. Gewinnen tut nur noch der, der sich so schnell wie möglich aus dem Ratrace entfernt. Die Strategie garnicht erst mitzulaufen ist wahrscheinlich sogar ein Vorteil für die Jugendlichen, denn wenn mal eine Chance locken sollte, dann sind sie da. Wer gerade Karriere macht ist viel zu unflexibel, um rechtzeitig zu reagieren. Die machen dann wirklich nur Karriere, während andere Cash machen und leben.
In der Tat: viele Jugendliche sind nicht "ausbildungsreif", da ihnen grundlegende Fähigkeiten in Mathematik und Deutsch fehlen.Weshalb aber sollen neue Qualifizierungsmaßnahmen, zusätzlich zu den schon vorhandenen, das Problem auf einmal lösen?Wie kommt es, dass ein Mensch unser Schulsystem verlässt, ohne ein Mindestniveau in den o.g. Bereichen aufzuweisen? Jede Gegenmaßnahme sollte sinnvoll zuerst an diesem Punkt ansetzen. Dann - erst dann - kann man über weitere Maßnahmen nachgedacht werden.
Von einigen Personen, die ich für wirkliche Bildungsexperten halte, aus Erfahrungen mit den eigenen kids sowie aus kommunalen und kommunalpolitischen Einblicken scheint mir folgendes gesichert:1) Unser gesamtes Bildungssystem arbeitet am "Markt" / an den Realitäten vorbei.2) Die Lehrerausbildung hierzulande ist mangelhaft, zumindest deutlich zu verbessern.3) Die Anforderungsprofile der "Wirtschaft" sind allzu oft unrealistisch. Beim Handwerk geht es eben, wie der Name schon sagt, um "Hand"-Werk. Ein guter Sonderschüler kann in der Metzgerei oft bessere Arbeit leisten als jemand mit mittlerer Reife. Natürlich kommt ein Sonderschüler und auch ein Hauptschulabgänger mit Quali mit den Elektronik-Getöns eines Daimler oder BMW nicht mehr klar. Vor allem mit den Schaltplänen. Aber es gibt noch so viele Berufe / Berufsgruppen, wo nicht allzu viel Theorie benötigt wird. Ich erspare es mir, diese explizit zu nennen.4) Für kaufmännisches und technisches Fachpersonal wird man mindestens die mittlere Reife benötigen. Dies ist sonnenklar. Die Wirtschaft wird noch sehr froh sein, aus den bisher vernachlässigten Gruppen, bspw Migrantenkinder, Sonderschüler, Hauptschüler (wird immer mehr zur Restschule); Kinder aus der Unterschicht, Nachwuchs zu erhalten.Früher war man hierzulande kameradschaftlicher. Es wurde auch einmal jemand für eine gewisse Zeit "in Obhut genommen, ja "mitgeschleppt". Viele dieser, die das erlebt haben, wurden später oft zu Schlüssel-Arbeitskräften im jeweiligen Betrieb. Der Mensch ist kein Automat. Jeder ist anders. Jeder ist ein Individuum. Jeder sollte irgendwie aufgefangen und mitgenommen werden.Die soziale Kälte von vielen der heutigen "Führungseliten" macht mich wütend und auch traurig zugleich. Erkennt man nicht im Menschen das Ebenbild Gottes? Solange sich jemand ehrlich bemüht und Fortschritte erzielt (vielleicht viel langsamer als andere), sollte er/sie nicht zurückgestossen werden. Eine Gesellschaft, die nicht fähig wäre, einen gewissen Prozentsatz auch Leistungsschwächerer und weniger Fähige "aufzufangen" wäre in meinen Augen minderwertig.Selbst wenn ein Teil der Belegschaft etwas weniger leistet als andere (mit mehr Fähigkeiten und breiteren Schultern) hätte doch auch dieser Belegschaftsteil eine Art Deckungsbeitrag zur Gesamtleistung erbracht. Wäre dies, solche Menschen mit einer Chance zu versehen, nicht eindeutig besser als wenn sie zu Hause herumlungern würden - ohne Lebensinhalt und ohne jeden Halt. Bekanntlich gilt: "M;üßiggang ist aller Laster Anfang". Ich denke, Arbeit ist, richtig verstanden, auch eine Therapie für den Einzelnen, aber auch für die Gesellschaft schlechthin.
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