Ornithologie Wettjagd auf Vögel

Jeden Mai liefern sich Hobby-Ornithologen ein skurriles Wettrennen – im Vögelzählen. Sie unterstützen damit den Aufbau des ersten Atlanten deutscher Brutvögel. Eine Reportage

Die Männer schauen nicht auf den Weg. Schmal, uneben, gesäumt von feuchtem Gras – fast achtlos holpern sie mit ihren Fahrrädern darauf entlang. Sie blicken auf den Neckar zu ihrer Linken, auf die zart grünenden Büsche und Bäume entlang des Ufers, nach oben ins Morgenblau des Himmels. Plötzlich bremst Andreas Hachenberg. "Eine Mandarinente", ruft er und reißt sein Fernglas hoch. "Geil!" Auch Mathias Kramer guckt. Klarer Fall, diese Ente. Dennis Sprenger macht einen Strich auf der Liste.

Seit dem Start um halb sechs purzeln die Vogelnamen nur so. Nachtigall und Kohlmeise, Klappergrasmücke und Gartenbaumläufer, Blesshuhn und Wacholderdrossel. In Deutschland findet gerade ein "Birdrace" statt; es gilt, innerhalb von 24 Stunden so viele Vogelarten wie möglich zu bestimmen. Dieses Jahr nehmen 117 Teams zwischen Sylt und Bodensee teil – mehr als jemals zuvor. Die Mannschaft, die am Ende des Tages die längste Vogelliste hat, gewinnt. Das vierköpfige Team „Tuerteltauben“  hat für die Vogelwettjagd seinen Heimatlandkreis Tübingen gewählt. "Wir wollen mindestens 100 Arten schaffen", sagt Andreas Hachenberg, ein 36-jähriger Biologie- und Geografielehrer, und tritt schon wieder in die Pedale. "So, weiter geht’s."

Anzeige

Was wie eine skurrile Sportveranstaltung anmutet, ist bei genauerem Hinsehen mehr. Das vom Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) veranstaltete Birdrace nutzt auch dem Artenschutz: "Jedes Jahr beobachten die Teams seltene und ungewöhnliche Arten – oder stellen fest, dass früher auffällige Arten inzwischen schwer zu finden sind", sagt Birdrace-Organisator Daniel Doer. Jede Mannschaft treibt zudem Spendengelder ein, die seit der deutschen Birdrace-Premiere im Jahr 2004 an das ADEBAR-Projekt gehen – den neuen "Atlas deutscher Brutvogelarten", der 2010 erscheinen soll.

Namensvater und Mitinitiator des ehrgeizigen Vorhabens ist Hans-Günther Bauer, Biologe am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell am Bodensee. Vor zehn Jahren entwickelte er zusammen mit anderen Experten das Konzept eines modernen gesamtdeutschen Brutvogelatlas: Ein großformatiges Buch, mit einer farbenprächtigen Doppelseite für jeden der Vögel. Auf Deutschlandkarten ist für jede Art die Häufigkeit eingetragen, ergänzt durch Bilder und Sachtexte zu Entwicklung, Gefährdung und Eigenarten der Vögel. Das neue daran: Erstmals sollen alle Daten für das gesamte Bundesgebiet nach einheitlicher, wissenschaftlich belastbarer Methode erhoben werden.

In Großbritannien, der Schweiz oder den Niederlanden gibt es solche umfassenden Atlaswerke schon lange. In Deutschland existierten bisher nur Vogelatlanten für das Gebiet der alten Bundesrepublik, der ehemaligen DDR und die Kartensammlungen einzelner Bundesländer – ohne dass die Werke methodisch oder zeitlich untereinander abgestimmt worden wären.

ADEBAR schließt diese Lücke, hatte es aber anfangs schwer. Vor allem, weil es ein paar Jahre dauerte, die nötigen Gesamtinvestitionen in Höhe von geschätzten anderthalb Millionen Euro zu sichern. Auch über die Genauigkeit der Feldmethoden war man sich lange nicht einig. 2003 übernahm schließlich die neu errichtete Stiftung Vogelmonitoring Deutschland die Federführung des Projekts; 2005 konnten die Kartierungen im Freiland beginnen.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service